ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2009Psychotherapie in der DDR: Revolte als Heilungschance

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Psychotherapie in der DDR: Revolte als Heilungschance

PP 8, Ausgabe Juni 2009, Seite 264

Sonnenmoser, Marion

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LNSLNS Die „Intendierte Dynamische Gruppenpsychotherapie“ war im staatlichen Gesundheitswesen der DDR weitverbreitet – Anfänge und Entwicklung des analytisch fundierten Gruppenverfahrens.

Foto: iStockphoto
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Mit dem Begriff „Intendierte Dynamische Gruppenpsychotherapie“ werden nur wenige westdeutsche Psychologen und Psychotherapeuten etwas anfangen können. Bei den Kollegen aus dem Osten weckt er hingegen Erinnerungen an die wohl bedeutsamste Psychotherapieform der ehemaligen DDR.

Die Anfänge der „Intendierten“ (im Folgenden IDG genannt) fallen auf das Jahr 1956. Damals drohte unter anderem wegen eines zu geringen Patientendurchlaufs die Schließung der Psychotherapieabteilung im Haus der Gesundheit in (Ost-) Berlin. Ein Arzt namens Kurt Höck erhielt den Auftrag, sie zu retten. Höck war niedergelassener Allgemeinmediziner, hauptamtlich an der Medizinischen Klinik der Charité angestellt und hatte nach der medizinischen Ausbildung eine (neo-) psychoanalytische Weiterbildung und eine Lehranalyse absolviert; später wurde er Ärztlicher Direktor des Hauses der Gesundheit und Chefarzt des Instituts für Psychotherapie und Neurosenforschung, führte Supervisionen durch und leitete die IDG-Ausbildung von mehr als 200 Ärzten und Psychologen. Er behandelte zunächst gruppen- und einzelanalytisch, später ausschließlich gruppentherapeutisch. Dabei orientierten die Therapeuten sich an Ansätzen der Sozialpsychologie, der Psychoanalyse und der Gruppendynamik.

Die Anfangszeit war alles andere als einfach
Sie arbeiteten pragmatisch und anwendungsorientiert, sie experimentierten, sammelten Erfahrungen mit der Psychotherapie in Gruppen und entwickelten nach und nach eine Form der Gruppentherapie, die zwar Gemeinsamkeiten mit bisherigen und westlichen Gruppentherapien besaß, aber auch einzigartige Elemente und Ansätze aufwies. Ab 1973 bezeichnete Höck sie als „Intendierte Dynamische Gruppenpsychotherapie“.

Die Anfangszeit war jedoch alles andere als einfach: Zahlreiche Miss-verständnisse, Übertragungsprobleme und Streit unter den Psychoanalytikern machten die neue Methode zunächst schwer handhabbar. Hinzu kamen ein verleugnender Umgang mit Regression und Abhängigkeitsbedürfnissen. Zudem wurden individuelle Ängste von Therapeuten und Patienten nicht ernst genommen. Höck versuchte, aus den Fehlern zu lernen und die Therapie zu verbessern. Dies gelang ihm durch die Festlegung von sogenannten Vorarbeits- und Arbeitsphasen des Gruppenprozesses, wobei in der Vorarbeitsphase der Umgang mit der Autorität, in der Arbeitsphase die individuelle Beziehungsproblematik im Vordergrund standen. Die beiden Phasen gliederten sich in folgende Subphasen: Orientierungsphase, Abhängigkeitsphase, Aktivierungsphase, Kipp-Prozess, Arbeitsphase und Abschlussphase.

Zunächst diente eine kurze „Orientierungsphase“, in der die Therapeuten Sicherheit und Geborgenheit vermitteln sollten, der Integration der Gruppenmitglieder. Nach vier Stunden änderten die Therapeuten ihr Verhalten ohne Erklärung für die Patienten und zogen sich aus der Leitung der Gruppe und ihrer bisherigen Aktivität zurück. Die Gruppe reagierte darauf mit einer Regression („Abhängigkeitsphase“). Über eine „Aktivierungsphase“, in der sich aggressives Verhalten der Gruppe gegen die Therapeuten richten sollte, kam es zu einem „Kipp-Prozess“, in dem die Therapeuten „entthront“ wurden. Da die Entmachtung der Therapeuten im Therapiekonzept als Ausdruck des Erfolgs der Gruppe gewertet wurde, reagierten die Therapeuten eher erleichtert auf dieses Ereignis. Anschließend konnte die Gruppe miteinander arbeiten („Arbeitsphase“) und im letzten Teil der Behandlung schließlich in einer „Abschlussphase“ voneinander Abschied nehmen.

Die Beziehung der Patienten zum Therapeuten als dem Vertreter der Autorität in der Gruppe simulierte einen wichtigen Teil der sozialen Realität in der DDR: die besondere Bedeutung von Kollektivität und autoritären Machtstrukturen sowie den individuellen Umgang mit ihnen. Der Therapieprozess bot zwei „Heilungschancen“: Zunächst befanden sich die Gruppenmitglieder in Abhängigkeit vom Gruppenleiter.

Das Konzept sah eine Revolte durch die Patienten vor
Durch die Bewusstmachung und Bearbeitung der individuellen neurotischen Mechanismen entwickelte die Gruppe sich weiter. Eine erste „Heilung“ war möglich, wenn es den Gruppenmitgliedern gelang, sich aus der Abhängigkeit vom Leiter zu lösen, sich also zu solidarisieren und gemeinsam den Gruppenleiter zu stürzen. Patienten und Therapeuten standen dabei vor dem Dilemma einer im Konzept verordneten „Revolte“, die zugleich als Ausdruck eines spontanen Geschehens aufgefasst wurde. Eine zweite „Heilungschance“ war nach dem Kipp-Prozess möglich: Die Gruppe konnte nun in der Arbeitsphase mit ihrem Leiter die individuellen Abwehrmechanismen, Symptom- und Kompromissbildungen substanziell bearbeiten.

Das Phasenkonzept diente den Therapeuten als Orientierung zur Gestaltung von Interventionen. Die phasenspezifischen Aufgaben und die aktive Strukturierung des Gruppenverlaufs erforderten große Rollenflexibilität. Das war eine Besonderheit der IDG.

Eine weitere Besonderheit bestand darin, dass die IDG eine Integration von psychoanalytischen und gruppendynamischen Konzepten anstrebte. Dabei legte sie das psychoanalytische Krankheits- und Persönlichkeitsmodell zugrunde, verwendete psychoanalytische Techniken und nutzte gleichzeitig die Phänomene der Gruppendynamik für den therapeutischen Prozess. „Der Begriff ‚dynamisch‘ betont die zentrale Bedeutung der Gruppendynamik, während der Begriff ‚intendiert‘ deutlich machen soll, dass der Therapeut für die Gruppenmitglieder ein gemeinsames Ziel anstrebt und die Gruppe daraufhin ausgerichtet wird“, so Dr. Roland Härdtle und Prof. Dr. Dr. Wolfgang Schneider vom Universitätsklinikum Rostock.

In der DDR war die klassische Psychoanalyse verboten. Aus diesem Grund musste die IDG einen eigenen Weg gehen, um anerkannt zu werden. Dieser Weg bestand unter anderem in einem Spagat beziehungsweise Kompromiss zwischen Psychoanalyse und sozialistischer Doktrin, bei dem vom System akzeptierte Elemente (zum Beispiel Kollektiv), „brauchbare“ Aspekte der marxistischen Persönlichkeitspsychologie und aktiv gestaltende Elemente einbezogen wurden. Unter Berücksichtigung der sozialistischen Auffassung, dass sich der „neue Mensch“ nur im Kollektiv entwickeln könne und psychische Gesundheit durch die Überwindung des Schlechten (des kranken Ich) durch das Bessere (das gesunde Wir) erreicht werden müsse, konnte mit psychoanalytischen Begriffen (allerdings mit einer teilweise spezifischen Bedeutung), mit Affekten und mit dem Unbewussten gearbeitet werden, obwohl diese von offizieller Seite abgelehnt wurden. Die Einführung der IDG erlaubte erstmals sowohl ein öffentliches Bekenntnis zu einer dynamischen, das Unbewusste berücksichtigende, psychologischen Position als auch zu einer im damaligen sozialgesellschaftlichen Umfeld vertretbaren therapeutischen Methode.

In den 80er-Jahren hatte die IDG eine Monopolstellung
In den folgenden Jahren wurde die IDG immer weiter fortentwickelt, erforscht und evaluiert. Sie erreichte einen hohen Grad an Differenzierung und richtete sich beispielsweise am Klientel, an spezifischen Erkrankungen, am Zeitbudget, an organisatorischen Gesichtspunkten und an der Person des Therapeuten aus. Sie war weitverbreitet, hatte ab den 80er-Jahren eine Monopolstellung inne und wurde in allen Kliniken eingesetzt. Mit der IDG wurde eine Vielzahl ostdeutscher Patienten erfolgreich behandelt, wenngleich die Methode, wie jede andere Methode auch, ihre Einschränkungen und Grenzen hatte.

Höck bemühte sich in den Jahren nach Begründung der IDG unermüdlich um ihre Verbreitung in der Aus- und Weiterbildung und sorgte durch eine wissenschaftliche Forschung für ihre Anerkennung auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen; erst als sie in der DDR als etabliert galt, widmete er sich quasi-experimentell einzeltherapeutischen Methoden. Darüber hinaus machte er sich um die Entwicklung und Differenzierung der Psychotherapie innerhalb der Medizin der DDR verdient. Als er sich im Jahr 1985 im Alter von 65 Jahren auf dem Höhepunkt seines Schaffens befand, verweigerte ihm die Partei jedoch die Anerkennung seiner Lebensleistung. Und als er nach seiner Pensionierung den Wunsch äußert, weiterhin wissenschaftlicher Mitarbeiter zu bleiben, wurde er durch Androhung des Entzugs seiner Intelligenzrente zur Aufgabe gezwungen. Trotz allem war und ist Kurt Höck eine prägende Figur für eine Epoche und für ganze Generationen von ostdeutschen Psychotherapeuten und erhielt zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen, wenn auch nicht durch die Machthaber der DDR.
Dr. phil. Marion Sonnenmoser


Kontakt:
Prof. Dr. Dr. Wolfgang Schneider, Klinik und Poliklinik für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin, Zentrum für Nervenheilkunde der Medizinischen Fakultät der Universität Rostock, Postfach 10 08 88, 18055 Rostock, E-Mail: zn.kpm@med.uni-rostock.de
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