ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2009Mobbing in der Schule: Opfer empfinden tiefe Hilflosigkeit

WISSENSCHAFT

Mobbing in der Schule: Opfer empfinden tiefe Hilflosigkeit

PP 8, Ausgabe Juni 2009, Seite 271

Sonnenmoser, Marion

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LNSLNS Lehrer und Klassenkameraden sehen weg, die Eltern erfahren meist gar nichts. Die Opfer von Mobbing bleiben mit ihren Sorgen fast immer allein.

Foto: iStockphoto
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Mehrere Jahre lang wurde der schüchterne Thomas von Klassenkameraden dazu gezwungen, Unkraut und Dreck zu essen, Milch mit Waschmittel zu trinken und sein gesamtes Taschengeld auszuhändigen. Manchmal stahl er auch Geld von seinen Eltern, um seine Peiniger zufriedenzustellen. Sie zerstörten mehrfach seine Bücher und seinen Ranzen, verprügelten ihn auf dem Heimweg und steckten seinen Kopf in Mülltonnen. Eines Tages fanden ihn seine Eltern leblos in seinem Zimmer. Er hatte eine Überdosis Schlaftabletten genommen. Er überlebte, aber er lachte nicht mehr.

Katrin wurde immer wieder von drei aufsässigen Mädchen verhöhnt, weil sie bei der Störung des Unterrichts nicht mitmachte. Sie hänselten sie, drohten ihr und verbreiteten Gerüchte, sodass sie vom Rest der Klasse ausgeschlossen wurde. Aber damit nicht genug: Die Mädchen zerstörten auch noch die Freundschaft zu ihrer besten Freundin. Am Schluss stand Katrin ganz alleine da. Früher war sie gerne zur Schule gegangen, aber nach diesen Vorfällen hasste sie sie.

Um in solchen Fällen von Mobbing (auch: Bullying, Kasten) unter Schülern einzugreifen oder um ihnen vorzubeugen, gibt es mittlerweile zahlreiche Kampagnen und Programme. Sie werden vor allem an Schulen durchgeführt und sollen Schüler für Aggressivität und Gewalt sensibilisieren. Darüber hinaus haben sie zum Ziel, Kontextprobleme zu beseitigen, das Selbstwertgefühl der Schüler zu stärken und ihnen gewaltfreie Formen der Konfliktbewältigung beizubringen. Federführend sind dabei vor allem Lehrer und Schulpsychologen, gelegentlich werden auch die Eltern einbezogen. Der Bedarf an wirksamen Interventionen ist hoch, denn Gewalterlebnisse kennt fast jeder Schüler.

Die Täter sind meist aggressiv, auch gegenüber Erwachsenen
Von ernsthaftem Mobbing über einen längeren Zeitraum sind schätzungsweise zehn bis 15 Prozent aller Schüler betroffen, sowohl als Opfer als auch als Täter. Dass die Gewalt an Schulen trotz Anti-Mobbing-Maßnahmen zunimmt, ist vermutlich auf die allzu kurze Wirksamkeit beziehungsweise Unwirksamkeit vieler Programme zurückzuführen. So kommen zum Beispiel US-amerikanische Schulpsychologen zu dem Schluss, dass die Programme meist nur Veränderungen bei Wissen, Einstellungen und Selbstwahrnehmung der Schüler bewirken; das Mobbingverhalten selbst reduzieren sie hingegen nicht. Was aber geschieht, wenn niemand eingreift? Aktuelle Forschungen zeigen, dass sowohl Täter als auch Opfer negativ verlaufende „Karrieren“ einschlagen.

Kennzeichnend für die Täter ist, dass sie gegenüber Gleichaltrigen und Erwachsenen aggressiv sind. Darüber hinaus gelten sie als impulsiv und Gewalt betreffend als positiv eingestellt. Sie haben wenig Mitgefühl und ein starkes Bedürfnis, Macht über andere auszuüben. „Kinder und Jugendliche mit diesen Persönlichkeitszügen und Verhaltensmustern haben ein erhöhtes Risiko, später einmal in Problembereiche wie Kriminalität und Alkoholmissbrauch zu geraten“, weiß der Persönlichkeitspsychologe Dan Olweus von der schwedischen Universität Bergen. Eine Langzeitstudie, die von US-amerikanischen Mobbingforschern durchgeführt wurde, kommt außerdem zu dem Ergebnis, dass die Täter schlechtere Schulleistungen erbringen und im späteren Leben beruflich weniger erfolgreich sind als nicht mobbende Gleichaltrige. Dies gilt allerdings nur für den akademischen Bereich. In Wirtschaft und Politik hingegen scheinen die beschriebenen Charaktermerkmale und Verhaltensweisen der Täter oft zum Erfolg zu führen.

Die Opfer erhalten kaum Unterstützung
Die Opfer leiden oft unter zahlreichen Problemen gleichzeitig. Zum Beispiel ziehen sie sich zurück, sind einsam und haben keine Freunde. Sie empfinden tiefe Hilflosigkeit und finden kaum Unterstützung durch Lehrer, Eltern oder Klassenkameraden. Ihre Schulleistungen bleiben unter ihrem Niveau. Oft sind sie den Tätern körperlich unterlegen. Durch Mobbing werden sie noch unsicherer, schüchterner und ängstlicher, als sie es ohnehin schon sind. Auch ihr Selbstwertgefühl leidet sehr darunter. Im schlimmsten Fall werden sie psychisch traumatisiert, entwickeln behandlungsbedürftige Ängste, Depressionen und traumatische Störungen oder nehmen sich sogar das Leben.

Mit ihren Problemen bleiben die Opfer meistens allein. Das hat verschiedene Gründe. So fand Olweus heraus, dass viele Lehrer Gewalt unter Schülern entweder absichtlich ignorieren oder sie wahrnehmen, aber nicht eingreifen, weil sie sich überfordert fühlen oder weil sie Angst haben, selbst zu Opfern zu werden. Klassenkameraden und Freunde halten sich ebenfalls aus Angst vor den Tätern heraus oder laufen sogar zu ihnen über, werden also zu Gewalt tolerierenden, passiven Zeugen und Mittätern. Eltern müssen den Ängsten und Nöten ihrer gemobbten Kinder oft hilflos zusehen, denn Gespräche mit Lehrern und Eltern der Täter nützen meist nicht viel. Oft erfahren sie aber erst gar nicht, wie es um ihr Kind steht, denn Mobbingopfer behalten ihre Probleme meistens für sich, weil sie den Eltern keine Sorgen bereiten wollen oder weil sie von den Tätern eingeschüchtert wurden. Auch an Lehrer wenden sich Mobbingopfer nur selten, weil sie nicht damit rechnen, dass diese sich für sie einsetzen und weil sie befürchten, dass alles noch schlimmer wird, wenn herauskommt, dass sie „petzen“. Mobbing kann sich also jahrelang vor den Augen von Lehrern, Mitschülern und Eltern abspielen, ohne dass etwas geschieht. Das ändert sich meist erst, wenn ernsthafte Probleme wie zum Beispiel Schulversagen, Schulverweigerung oder Suizidversuche auftreten, aber dann kann es vielleicht schon zu spät sein.

Die Mehrzahl der Opfer überlebt, aber in ihren Seelen bleiben Schäden zurück. So kommt eine Langzeitstudie, die finnische und US-amerikanische Kinder- und Jugendpsychiater durchgeführt haben, zu folgendem Ergebnis: Jungen, die im Alter von acht Jahren gemobbt wurden und deshalb depressiv waren und Selbstmordgedanken hatten, litten im Alter von 18 Jahren immer noch unter Depressionen. Psychiater aus Irland konnten solche Langzeitfolgen bestätigen. Sie fanden zudem heraus, dass Mobbingopfer auch häufiger versuchten, Selbstmord zu begehen. Außerdem stellten sie fest, dass Jugendliche und junge Erwachsene mit psychotischen Symptomen überdurchschnittlich häufig als Kinder Gewalt erfahren hatten und gemobbt worden waren. Australische Wissenschaftler berichten, dass besonders Mädchen unter Mobbing stark und langanhaltend leiden. Eine Befragung unter 2 600 Mädchen der 8. und 9. Klasse ergab, dass stark betroffene Mädchen meist mit Ängsten und Depressionen reagierten. Die Mobbingerfahrung wirkt sich sogar auf das Privat- und Berufsleben aus. Viele Opfer haben ihr Vertrauen in die Welt verloren und leben sehr zurückgezogen. Zudem bleiben sie, ebenso wie die Täter, beruflich hinter ihren Wünschen und Erwartungen zurück. Auch wählen sie häufig Berufe, bei denen sie anderen, denen es ebenfalls schlecht ergeht, helfen können.

Gezieltes Eingreifen hilft den Betroffenen
Opfer benötigen vor allem Aufmerksamkeit und Unterstützung. Lehrer, Eltern und Schulpsychologen sollten den Mut aufbringen und lernen, hinzusehen, gezielt einzugreifen und betroffene Täter und Opfer einer fachgerechten, kinder- und jugendlichenpsychotherapeutischen Behandlung zuzuführen. Nur so können mobbingbedingte, psychische Störungen, Traumatisierungen, Langzeitfolgen und Suizid verhindert werden. Aber auch Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten sollten aufmerksamer für die Hintergründe psychischer Störungen bei Kindern sein. So manche psychische Auffälligkeit wird nämlich unter anderem von Mobbing verursacht, ausgelöst oder aufrechterhalten. So zeigte beispielsweise eine Studie, bei der die Gründe für die Inanspruchnahme von kinder- und jugendlichenpsychotherapeutischen Dienstleistungen in Großbritannien erfasst worden waren, dass 62 Prozent der Patienten Opfer von Mobbing waren und ihre Beschwerden größtenteils darauf zurückzuführen waren. Die Studie ist zwar nicht repräsentativ, dennoch gibt sie Hinweise, wie gravierend der Einfluss von Mobbing auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen sein kann.
Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Mobbing unter Schülern
Ein Schüler wird gemobbt, wenn er wiederholt und über eine längere Zeit den negativen Handlungen eines oder mehrerer anderer Schüler ausgesetzt ist, wobei ein Kräfteungleichgewicht zwischen Opfer und Täter besteht. Die negativen Handlungen können unter anderem verbal (zum Beispiel Drohen, Spotten, Hänseln, Beschimpfen), mimisch (zum Beispiel Fratzen schneiden, Nachäffen, schmutzige Gesten), sozial (zum Beispiel jemanden lächerlich machen, Gerüchte streuen, jemanden sozial isolieren) und körperlich (zum Beispiel schlagen, treten, kneifen, stoßen, festhalten) begangen werden. Darüber hinaus gibt es viele weitere Formen, wie beispielsweise jemandem etwas wegnehmen oder kaputt machen, ihn drangsalieren, schikanieren oder belästigen, ihn unter Druck setzen oder Zwang ausüben.
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