ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2009Arzneimittelversorgung: Markt für Ärzte nicht überschaubar

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Arzneimittelversorgung: Markt für Ärzte nicht überschaubar

Rabbata, Samir

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LNSLNS Rabattverträge und staatliche Vorgaben machen den Arzneimittelmarkt für Ärzte zu einer Blackbox. Dabei liegen Konzepte vor, wie das Regelungsdickicht gelichtet werden könnte.

Christa P. sortiert jeden Abend ihre Pillen für den nächsten Tag. Ihr Dispenser hat drei Fächer für die verschiedenen Einnahmezeiten. Die hellblaue ovale Tablette legt sie für den Abend bereit. Morgens und abends schluckt sie die weißen Pillen. Die roten runden Tabletten verteilt sie in allen Fächern.

Seit Anfang des Monats müssen Christa P. und Millionen anderer – vor allem älterer – AOK-Versicherter aufpassen, dass sie beim Sortieren ihrer Medikamente nach Farbe und Form nicht durcheinanderkommen. Grund sind die von den Ortskrankenkassen ausgehandelten Rabattverträge mit Pharmaherstellern über 63 Wirkstoffe, die zum 1. Juni in Kraft getreten sind. Die Versicherten müssen sich darauf einstellen, andere Präparate zu bekommen als bisher, was manche Patienten verwirren könnte.

Die mittlerweile fast 7 000 Rabattverträge, an denen mehr als 200 Kassen und rund 120 pharmazeutische Unternehmen beteiligt sind, sorgen aber auch bei Ärzten für Verunsicherung. „Durch die Verträge ist kein Arzt aus der Haftung entlassen“, warnt der Vorsitzende des NAV-Virchow-Bundes, Dr. med. Klaus Bittmann. Weder Kassen noch Apotheker könnten die Verantwortung übernehmen, wenn der Patient ein wirkstoffidentisches Präparat nicht vertrage.

Rückendeckung für die Ärzte
Auch Dr. med. Carl-Heinz Müller, Vorstandsmitglied der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), kritisiert, dass die vielen Regelungen bei der Arzneimittelversorgung unüberschaubar geworden seien. Dennoch hafteten die Ärzte nach wie vor für eine wirtschaftliche Verordnungsweise.

Die KBV schlägt deshalb vor, die Verantwortung für eine wirtschaftliche Arzneimittelversorgung auf die Krankenkassen und die Pharmaindustrie zu übertragen. Rückendeckung bekommen die Ärzte dabei von den Herstellern, die sich sowohl mit dem von den Kassen forciertem Rabattgeschäft schwertun als auch die Vielzahl staatlicher Regulierungen begrenzen wollen.

Strukturelle Neuordnung
So legte der Branchenverband Pro-Generika Anfang Juni einen Vorschlag für eine strukturelle Neuordnung des generikafähigen Arzneimittelmarkts vor. Nach dem Konzept soll es den Kassen nicht mehr möglich sein, Rabattverträge abzuschließen. Diese hätten zu einem ruinösem Unterbietungswettbewerb geführt, heißt es. Für mehr Markt tritt der Verband dennoch ein und fordert eine Deregulierung der Arzneimittelversorgung.

Dabei will Pro-Generika die bisherige Aut-idem-Regelung beibehalten, um den Preiswettbewerb in Gang zu halten. Die Verpflichtung der Ärzte zur wirtschaftlichen Verordnung soll künftig auf qualitative Aspekte konzentriert werden. Die Kosteneffizienzprüfung soll zum einen auf die Fälle reduziert werden, in denen Ärzte zwischen therapeutisch gleichwertigen Behandlungsalternativen mit unterschiedlichen Wirkstoffen und unterschiedlichen Preisen wählen konnten. Zum anderen hat sie die Beachtung einer neu einzuführenden „Generikaquote“ zum Gegenstand. Diese soll bei mindestens 85 Prozent der Verordnungen im generikafähigen Markt liegen.

In eine ähnliche Richtung geht auch ein Gutachten im Auftrag des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller (VFA). Studienautor Prof. Dr. Eberhard Wille rechnet darin vor: „Auf die Ebene des Arztes entfallen elf der insgesamt 27 Regulierungsinstrumente.“ Das System weise also vorrangig den Ärzten die Aufgaben zu, den Umfang und speziell das Wachstum der Arzneimittelausgaben zu steuern.

Wie Pro-Generika fordern auch Wille und sein Mitautor, der Duisburger Gesundheitsökonom Prof. Dr. Dieter Cassel, unter anderem die Einführung einer Arzneimittel Negativliste. Diese soll Medikamente enthalten, die nicht von den Kassen erstattet werden. Arzneimittel-Vergleichsgruppen sollen vergleichbare erstattungsfähige Präparate nach medizinisch-therapeutischer Eignung für bestimmte Indikationen oder Patientengruppen zusammenfassen. Kassenindividuelle Positivlisten beinhalten nach dem Konzept die Medikamente, die eine bestimmte Kasse erstattet.

Wille prognostiziert, dass nach diesem Modell 15 Regulierungsinstrumente entfallen könnten. Für Ärzte wäre dies allerdings nur dann eine Erleichterung, wenn intelligente Praxissoftware ihre Arbeit vereinfacht. Anders wären etwa die vorgeschlagenen kassenindividuellen Positivlisten in der täglichen Routine kaum zu managen.
Samir Rabbata
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