ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2009Nordkorea: Frieden durch Gesundheit

POLITIK: Kommentar

Nordkorea: Frieden durch Gesundheit

Claußen, Angelika

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Dr. med. Angelika Claußen, Vorsitzende der deutschen Sektion der IPPNW
Dr. med. Angelika Claußen, Vorsitzende der deutschen Sektion der IPPNW
Dr. med. Angelika Claußen, Vorsitzende der deutschen Sektion der IPPNW

Der Atomkonflikt mit Nordkorea gefährdet die neue Abrüstungsvision. Obwohl der zweite nordkoreanische Atomtest nicht ganz überraschend erfolgte, ist er eine große Enttäuschung für die Befürworter einer atomwaffenfreien Welt.

Nordkorea steht bereits seit Jahren mit Negativschlagzeilen wie „Terrorstaat“, „Achse des Bösen“, „Kriegsdrohung“ und „Hungerkrise“ im Fokus der weltweiten Öffentlichkeit. Die Berichterstattung kreist zumeist um die Atompolitik des Landes und den Ruf der internationalen Gemeinschaft nach Sanktionen, um die Regierung unter Kim Jong Il handlungsunfähig zu machen.

Doch Sanktionen gegen das arme Land verschlechtern die humanitäre Lage der Bevölkerung weiter. Die Isolation des Landes nimmt zu. Die Voraussetzungen, an den Verhandlungstisch zurückzukehren und eine Annäherung zu ermöglichen, gestalten sich immer schwieriger.

Um eine medizinische Brücke zu dem neuen Atomwaffenstaat zu schlagen, rief die IPPNW (Internationale Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs – Ärzte in sozialer Verantwortung) gemeinsam mit der nordkoreanischen IPPNW-Sektion KANPP (Korean Anti-Nuke Peace Physicians) ein medizinisches Austauschprogramm ins Leben. Im August 2005 gelang es, eine Delegation der IPPNW in das abgeriegelte Land im Norden der koreanischen Halbinsel zu schicken. Sechs Tage, die gefüllt waren mit Gesprächen auf Regierungsebene und mit dem Versuch, Ärzte vor Ort zu kontaktieren, Vorträge zu halten, Krankenhäuser zu besichtigen und einen Austausch mit den verschiedenen Hilfsorganisationen zu führen. Im September 2006 nahmen erstmalig nordkoreanische Ärztinnen und Ärzte am IPPNW-Weltkongress in Helsinki teil. Im Juni 2007 reiste eine Delegation der schwedischen Sektion der IPPNW nach Nordkorea.

Bei einem Besuch der Ärzte Yong Hun Kim und Chol Gun Ri vom nordkoreanischen Red Cross Hospital in Pjöngjang im September 2008 in Deutschland, der von der IPPNW und dem Deutschen Akademischen Austauschdienst organisiert und finanziert wurde, interessierten sich die beiden Internisten vor allem für moderne Behandlungsstrategien, Technik und Ausrüstung. Sie lernten im Universitätsklinikum Leipzig den Klinikbetrieb kennen und besuchten Forschungseinrichtungen.

In Nordkorea verschlingen das Atomprogramm und der Bau der Bomben große finanzielle Ressourcen. Die IPPNW-Vertreter erlebten auf ihren Delegationsreisen das nordkoreanische Gesundheitswesen zwar als prinzipiell gut strukturiert. Auf etwa 150 Familien kommt ein Hausarzt, in jedem der 200 landesweiten Distrikte gibt es ein Krankenhaus. Für die neun Provinzen Nordkoreas ist jeweils eine größere Klinik zuständig, und in der Hauptstadt wartet als letzte Instanz ein halbes Dutzend Spezial- und Universitätskliniken. Die medizinische Versorgung der Bevölkerung ist seit dem Jahr 1952 kostenfrei.

Doch das gravierende Problem der Mangelernährung der Menschen in Nordkorea ließ sich nicht verheimlichen, obwohl die IPPNW-Ärzte auf Schritt und Tritt von Mitarbeitern der KANPP begleitet wurden.

Im neuen Jahresbericht dokumentiert Amnesty international, dass 2008 drei Viertel aller Haushalte in Nordkorea ihre Nahrungsmittelrationen reduzieren mussten. Millionen Menschen seien von Hunger bedroht. Eine gemeinsame Studie der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO und des UN World Food Programme WFP schätzte die Zahl der Bedürftigen im vergangenen Jahr auf 8,7 Millionen. WFP und FAO warnten davor, dass mehr als ein Drittel der nordkoreanischen Bevölkerung ihre Ernährung auch in diesem Jahr nicht annähernd würde sichern können. Bisherige Untersuchungen hätten zudem gezeigt, dass der Großteil der Familien in Nordkorea die Zahl der Mahlzeiten pro Tag bereits reduziert habe und sich nur noch sehr einseitig ernähre.

Darüber hinaus erlebten die IPPNW-Delegationen die medizinische Ausstattung der Krankenhäuser als primitiv und den Zugang zu Medikamenten, Verbandsstoffen, medizinischen Instrumenten und Hilfsmitteln als äußerst unzureichend. Auch fehlt eine ausreichende Datenbasis, um den Erfolg oder Misserfolg der eigenen Arbeit auch nur annähernd einschätzen zu können.

Trotz aller vorhandenen Schwierigkeiten ist der medizinische Austausch ein Weg, Kommunikation herzustellen mit dem wahrscheinlich isoliertesten Staat der Weltgemeinschaft. Wo auch immer es geht, sollten wir den Kontakt suchen zu den Menschen in diesem Land, Ärzte und Studierende einladen zu Kongressen und Veranstaltungen und ihnen zeigen, dass es eine Welt gibt außerhalb des Reiches von Kim Jong II, der lieber ein teures Atomwaffenprogramm und die im Vergleich zur Bevölkerung größte Armee der Welt unterhält, als die Ernährung der 23 Millionen Menschen in seinem Land sicherzustellen.

Sanktionen und militärische Drohungen sind der falsche Weg. Gerade jetzt muss die internationale Weltgemeinschaft diplomatische Initiativen ergreifen. Es ist brandgefährlich, denjenigen zu bedrohen, der schon jetzt massiv um seine Sicherheit fürchtet.
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