ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2009Neurowissenschaften: Reizen, steuern, regeln

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Neurowissenschaften: Reizen, steuern, regeln

Jachertz, Norbert

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LNSLNS Stimulierungen des Gehirns können Kranken helfen und Gesunden zur Leistungssteigerung verhelfen. Einblicke ins Gehirn lassen am freien Willen zweifeln. Brauchen wir neue Normen für Forscher und Richter?

Kaum eine Woche vergeht ohne eine Veranstaltung zur Gehirnforschung. Und die Säle sind voll. Der Nationale Ethikrat beschäftigte sich auf seiner Jahrestagung am 28. Mai 2009 in Berlin unter der Schlagzeile „Der steuerbare Mensch?“ mit Konsequenzen für Ethik und Recht. Das Fragezeichen war entbehrlich. Der Mensch ist steuerbar, jedenfalls wenn man den Experten folgt. Fraglich ist dann aber, ob er für sein Handeln verantwortlich ist. Denn, so die stellvertretende Vorsitzende des Gremiums, Christiane Woopen, „ethische Fragen haben nur dann einen Sinn, wenn wir davon ausgehen können, dass wir für unser Handeln Verantwortung übernehmen können“.

Wohlwollen für die Therapie
Im Ethikrat erregte vor allem die Stimulierung des Gehirns zwecks Leistungssteigerung die Gemüter, während die therapeutischen Ansätze auf Wohlwollen stießen. Beides hängt zusammen. Denn die Mechanismen, die Kranken helfen, können auch dazu benutzt werden, das Wohlbefinden oder die Leistung von Gesunden zu heben. Letzteres läuft unter dem sperrigen Begriff Neuroenhancement.

Der Bonner Psychiater Thomas Schläpfer stellte dem Ethikrat Ergebnisse der tiefen Hirnstimulation (THS) vor. Hierbei senden Elektroden in definierten Hirnpartien andauernde Impulse aus, die „etwas“ bewirken; zum Beispiel bringen sie beim Tourette-Syndrom die unwillkürlichen, heftigen Bewegungen nahezu zum Verschwinden. Schläpfer demonstrierte das mit einem Vorher-Nachher-Video, das das Publikum ungemein beeindruckte und für solche Art Therapie einnahm. Standard ist die THS laut Schläpfer bereits bei der Parkinson-Krankheit. Mit dem Kölner Neurochirurgen Volker Sturm erprobt Schläpfer zurzeit die Tauglichkeit der Methode bei schwerer Depression. THS sei, versicherte Schläpfer, voll reversibel und unterscheide sich daher grundlegend von früherer Psychochirurgie wie etwa der Lobotomie.

Die Nebenwirkungen der THS sind aber noch weiter zu beobachten, etwa, ob sie zu unerwünschten Veränderungen der Persönlichkeit führt. An sich sei aber die Veränderung der Persönlichkeit nicht Neben-, sondern die beabsichtigte Hauptwirkung der THS, so Schläpfer. Das ethische Problem sei vielmehr, ob die Manipulation als gut oder schlecht zu bewerten sei.

Das Dilemma wird vor allem bei Neuroenhancement deutlich. Denn mit der THS ließe sich auch die Leistung gesunder Hirnregionen dauerhaft steigern. Schläpfer äußerte sich dazu zurückhaltend. Sein Kollege Volker Sturm hatte sich zuvor an anderer Stelle (in „Gehirn und Geist“, Heft 11/2008) strikt gegen solches Neuroenhancement ausgesprochen: „Ich halte das für kriminell.“

Neuroenhancement mit Medikamenten scheint dagegen üblich zu sein. Auch von Gesunden werden Antidepressiva, Stimulanzien und Antidementiva benutzt. Die Berliner Psychiaterin Isabella Heuser sah diesen off-label use auffallend locker. Sie sprach von einer „Verschiebung der Normalität“ und verwies auf den weitverbreiteten Konsum von Prozac in den USA oder die Verschreibungen von Ritalin und Modafinil, die weitaus höher seien, als es der medizinischen Notwendigkeit entspreche. Heuser erntete aus dem Ethikrat heftigen Widerspruch, so wurde auf das Suchtpotenzial von Psychostimulanzien und -dämpfern hingewiesen.

Die Referentin hielt immerhin einen gesellschaftlichen Diskurs für dringend geboten. Damit stand sie beim Ethikrat nicht allein. Der Philosoph Ludger Honnefelder, zurzeit Berlin, forderte eine Verständigung über die Ziele: „Was betrachten wir als konstitutive Güter menschlichen Gelingens?“ Der Tübinger Theologe Dietmar Mieth empfahl, eine „Angebotsethik“ zu entwickeln und nicht alles der „Nachfrage“ zu überlassen. Der Strafrechtler Henning Rosenau riet, zunächst die ethische Debatte abzuwarten und keine vorschnellen Entscheidungen zu treffen – vor allem keine restriktiven. Denn ein Verbot mentaler Optimierung verstieße „gegen die Entwicklung des Menschen selbst“. Damit war er dem Soziologen Wolfgang van den Daele aus Berlin nahe; der möchte „die Frage, wie sollten wir leben, dem Einzelnen freigeben“.

Eine Woche später, am 3. Juni widmete die Charité – Universitätsmedizin Berlin eine der Ringvorlesungen anlässlich ihres 300-jährigen Bestehens gleichfalls dem Gehirn. Schwerpunkt dieser Veranstaltung war die Frage, ob die biologischen Strukturen des Gehirns und die Abläufe im Gehirn den freien Willen nicht obsolet erscheinen lassen. Der Mannheimer Psychiater Andreas Meyer-Lindenberg berichtet anhand des Williams-Beuren-Syndroms und des „Aggressionsgens“ MAO-A über die genetische Determiniertheit menschlichen Verhaltens. John-Dylan Haynes, Neurobiologe und Psychologe aus Berlin, führte wie zuvor schon beim Ethikrat vor Augen, dass vermeintliche Willensentscheidungen nicht frei sind, sondern im Gehirn „angebahnt“ werden. Mit der Magnetresonanztomografie können Haynes und Kollegen den Ablauf einfacher Entweder-oder-Entscheidungen sichtbar machen („Brain Reading“) so wie Meyer-Lindenberg Erregungsänderungen der Amygdala.

Noch mit aller Gelassenheit
Die Neurowissenschaftler gaben sich bei der Charité zurückhaltender als der Strafrechtler und der Philosoph. Meyer-Lindenberg verwies darauf, dass das Verhalten zu vielleicht 40 Prozent genetisch bestimmt sei, aber durch Lebenserfahrungen moduliert werde. Haynes schränkte ein, dass die Neuroforschung den Ablauf komplexer Entscheidungen noch nicht durchschaue. Auch sei zu klären, ob die sich anbahnenden Entscheidungen im Gehirn noch rückgängig gemacht werden könnten. So nebenbei erinnerte Haynes daran, dass Hirnforschung sich zumeist mit Re-Aktion beschäftige: Man setze einen Reiz und sehe, was passiere. Vernachlässigt werde hingegen das proaktive Handeln.

Der Bonner Rechtswissenschaftler Tade Matthias Spranger hatte beim Ethikrat für Gelassenheit plädiert; die bestehenden rechtlichen Kategorien seien auch auf die Neuroforschung anzuwenden, akut zu regeln sei lediglich das Forscher-Probanden-Verhältnis. Auf dem Charité-Podium sprach sich hingegen der Hamburger Strafrechtler Reinhard Merkel („Ich bin Neurodeterminist“) kühn schon jetzt für eine Änderung von § 20 Strafgesetzbuch aus. Dieser geht bisher vom freien Willen des Täters aus. Was aber, wenn dessen Handeln biologisch vorherbestimmt ist? Das Strafrecht schütze die gesellschaftlichen Normen, belehrte Merkel. Würden die verletzt, müsse bestraft werden, selbst wenn der Täter für sein konkretes Handeln nichts könne. Merkel gestand jedoch zu, dass seine Lösung nicht voll befriedige, doch damit müsse man leben.

Der Mainzer Philosoph Thomas Metzinger, der von den manipulativen Möglichkeiten, die die Hirnforschung eröffnet, überzeugt ist, forderte, ähnlich wie die theologischen Philosophen beim Ethikrat, „rechzeitiges Nachdenken über positive Zielvorstellungen“ und plädierte für Normen, welche Bewusstseinzustände gefördert werden und welche illegal sein sollen. Metzinger drängte: Die Lage sei dramatischer als viele dächten. Ist sie das?

Drängen bei den einen, Gelassenheit bei den anderen. Viel work in progress. Der Ethikrat will so bald keine Stellungnahme verfassen. Er richtet sich auf einen längeren Diskurs ein – und liegt damit wohl richtig.
Norbert Jachertz
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