ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2009Medizinische Fachangestellte: Deutlich mehr Honorar nach langer Durststrecke

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Medizinische Fachangestellte: Deutlich mehr Honorar nach langer Durststrecke

Bristrup, Rosemarie

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LNSLNS Um fünf Prozent soll das Gehalt der Medizinischen Fachangestellten ab dem 1. Juli erhöht werden. Der Beruf muss für den Nachwuchs attraktiver werden.

Medizinische Fachangestellte (MFA) erhalten ab dem 1. Juli 2009 ein fünf Prozent höheres Gehalt. Der Tarifvertrag zwischen der Arbeitsgemeinschaft zur Regelung der Arbeitsbedingungen der MFA und dem Verband medizinischer Fachberufe trat nach Ablauf der Einspruchsfrist am 20. Mai rückwirkend zum 1. Januar 2009 in Kraft. Außer der fünfprozentigen Gehaltserhöhung sieht der Abschluss eine Einmalzahlung für das erste Halbjahr 2009 in Höhe von 330 Euro für Vollzeitbeschäftigte, anteilig für Teilzeitbeschäftigte vor. Die Ausbildungsvergütungen werden ab Juli in allen Ausbildungsjahren um einheitlich 50 Euro auf nunmehr 531 Euro im ersten Ausbildungsjahr, 572 Euro im zweiten Ausbildungsjahr und 616 Euro im dritten Ausbildungsjahr erhöht. Der Vertrag hat eine 24-monatige Laufzeit bis Ende des Jahres 2010. Der Gehaltstarifvertrag vom November 2007 war fristgerecht bereits zum 31. Dezember 2008 gekündigt worden. Die Vertragspartner hatten sich aber in Vorgesprächen im Herbst 2008 darauf verständigt, die Auswirkungen der ärztlichen Honorarreform zu Beginn des Jahres 2009 zunächst abzuwarten.

Die Anforderungen an die Medizinische Fachangestellte nehmen kontinuierlich zu. Dies sollte sich in einer entsprechenden Vergütung niederschlagen. Foto: laif
Die Anforderungen an die Medizinische Fachangestellte nehmen kontinuierlich zu. Dies sollte sich in einer entsprechenden Vergütung niederschlagen. Foto: laif
Am Honorarplus teilhaben
Erstmalig spielte bei den Tarifverhandlungen der frühere Richtwert der Grundlohnsummensteigerung eine untergeordnete Rolle. Stattdessen wurden die 2,7 Milliarden Euro, die zusätzlich zwischen 2007 und 2009 in die ambulante Versorgung geflossen waren, als Orientierungsrahmen herangezogen. Bereits in den abschließenden Tarifrunden im Herbst 2007 hatten die Fachangestellten ihre Erwartung deutlich zum Ausdruck gebracht, dass von den zusätzlichen Finanzmitteln auch das Praxispersonal angemessen profitieren solle. Die Arbeitgeberseite signalisierte damals die grundsätzliche Bereitschaft, den Beitrag der MFA an der Leistungserbringung in den Praxen stärker zu honorieren. Dabei spielte die politisch motivierte Diskussion um eine stärkere Einbeziehung nicht ärztlicher Gesundheitsberufe in die Versorgung ebenfalls eine große Rolle.

Auf der Versorgungsebene vollzieht sich ohnehin unabhängig hiervon eine deutlich wahrnehmbare Entwicklung hin zu einer deutlichen Aufwertung der Medizinischen Fachangestellten im ambulanten therapeutischen Team. Die neue Ausbildungsverordnung von 2006, die mittlerweile breite und aktuelle Palette anspruchsvoller Fortbildungscurricula der Bundes­ärzte­kammer und die neue 420-Stunden-Aufstiegsfortbildung zur Fachwirtin für ambulante medizinische Versorgung – dies alles ist Ausdruck einer gestiegenen Qualifikation und einer zunehmend wichtigen Funktion der Medizinischen Fachangestellten im Versorgungsgeschehen. Die Delegationsvereinbarung nach § 87 Abs. 2 b SGB V („Praxisassistentin“) vom April 2009 ist ein weiteres Beispiel hierfür. Diese Entwicklung muss sich auch nach Auffassung der Arbeitgebervertretung künftig in einer Vergütung niederschlagen, die derjenigen vergleichbarer Berufe entspricht.

Die optimistischen Erwartungen an die Honorarreform haben sich – zumindest in einigen Regionen und Facharztgruppen – nicht generell erfüllt. Die zum Teil enttäuschende Entwicklung und die notwendigen Nachbesserungen haben die abwartende Haltung der Tarifpartner gerechtfertigt. Trotzdem wurden die Tarifgehälter – in Abwägung aller Argumente und in Kenntnis der aktuellen Datenlage zur Honorarsituation – linear um fünf Prozent erhöht.

Ein wichtiges Argument für diese Erhöhung war, dass bereits 2007/2008 das Arzthonorar relativ stark gestiegen war, die Gehälter der Medizinischen Fachangestellten jedoch 2007 „lediglich“ um 2,5 Prozent zulegten. Bezieht man die Tariferhöhung von 2004 in Höhe von einem Prozent mit ein, so wurden die Tarifgehälter zwischen 2004 und 2010, also über einen Zeitraum von sieben Jahren, nur um 8,5 Prozent angehoben. Zusätzlich wurde 2008 ein Arbeitgeberbeitrag zur Altersversorgung in Höhe von 20 beziehungsweise zehn Euro monatlich eingeführt. Insgesamt muss man diese Steigerungsraten mit Blick auf vergleichbare Berufe als maßvoll bezeichnen. Auch nach der Tariferhöhung liegt der Stundenlohn einer Medizinischen Fachangestellten in den Eingangsstufen bei durchschnittlich 8,50 Euro und damit hart an der Grenze oder unterhalb dessen, was in der Mindestlohndebatte genannt wird. Im zehnten Berufsjahr der Tätigkeitsgruppe I beträgt der Stundenlohn nunmehr zehn Euro. Angehörige anderer Berufe, wie zum Beispiel Krankenschwestern oder Gesundheitskauffrauen verdienen mit dieser Berufserfahrung (ohne Zulagen) bereits 15,90 beziehungsweise 13,80 Euro pro Stunde.

Sorge um Tarifautonomie
Einig waren sich die Tarifpartner auch darin, die Ausbildungsvergütungen nach nunmehr fünf Jahren deutlich zu erhöhen. Hier sind Medizinische Fachangestellte im deutschen Vergleich in den letzten Jahren von einem Platz im Mittelfeld auf eine Position im unteren Drittel abgerutscht. Dies ist den gestiegenen Qualifikationen und künftigen Aufgaben nicht mehr angemessen. Darüber hinaus werden sich schon bald die zurückgehenden Schulabgängerzahlen bemerkbar machen. Bereits jetzt wird der Ausbildungsmarkt zunehmend enger; gute Realschulabsolventen ziehen besser dotierte und stressfreiere Berufe vor. Dies wird sich das ambulante Gesundheitswesen der Zukunft nicht mehr leisten können. Auch die um 50 Euro erhöhten Ausbildungsvergütungen liegen weiterhin im unteren Mittelfeld, auch im Vergleich zu anderen Ausbildungsberufen bei den freien Berufen.

Die Verhandlungsführerin auf Arbeitgeberseite, Dr. med. Cornelia Goesmann, rief auch die nicht tarifgebundenen Ärztinnen und Ärzte dazu auf, diese Gehaltserhöhung weiterzugeben und „damit den Medizinischen Fachangestellten zu zeigen, wie wichtig ihre Arbeit für das Funktionieren der ambulanten medizinischen Versorgung und die Betreuung der Patientinnen und Patienten ist“.

Unabhängig von der sozialpolitischen Signalwirkung soll damit auch verhindert werden, dass der ambulante medizinische Bereich in den Sog der Mindestlohndebatte gerät. Die Zahlung von angemessenen Tariflöhnen verhindert eine Debatte über die Abschaffung autonomer Tarifvertragsparteien, wie sie der Deutsche Gewerkschaftsbund derzeit mit der Begründung führt, dass die Aufnahme in das Arbeitnehmerentsendegesetz und damit die Einführung eines Mindestlohns eine größere Verbindlichkeit habe als der Abschluss zu niedriger Tariflöhne durch nicht durchsetzungsfähige Tarifvertragsparteien.
Rosemarie Bristrup
Bundes­ärzte­kammer

Der neue Gehaltstarifvertrag für Medizinische Fachangestellte/Arzthelferinnen ist in diesem Heft unter „Bekanntgaben der Herausgeber“ abgedruckt.
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