ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2009Forensische DNA-Analyse: Fall eines Phantoms – und die Folgen

MEDIZINREPORT

Forensische DNA-Analyse: Fall eines Phantoms – und die Folgen

Schneider, Peter M.

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LNSLNS Jahrelang fahndeten Ermittler nach einer unbekannten Frau, die mehrerer Raubüberfälle und Tötungsdelikte verdächtigt wurde. Aber das „Phantom“ gab es nur als DNA-Profil, und dieses erwies sich als Trugspur. Der Fall sollte Konsequenzen haben.

Der Fall des weiblichen „Phantoms“, dessen DNA-Spur im Zusammenhang mit dem Heilbronner Polizistenmord sowie circa 40 weiteren Straftaten vom Kapitaldelikt bis zum Laubeneinbruch in einem Zeitraum von mehr als 15 Jahren nachgewiesen worden war, hat die deutsche Öffentlichkeit in den letzten Wochen intensiv beschäftigt. Nachdem zwei neue Spuren – eine davon in Österreich und eine weitere im Saarland – mit diesen Merkmalen gefunden worden waren, bei denen sicher ausgeschlossen werden konnte, das hier die sogenannte uwP (= unbekannte weibliche Person) in irgendeiner Weise an der Verursachung beteiligt gewesen sein konnte, erhärtete sich der Verdacht, dass es sich bei dem gefundenen DNA-Profil nicht um echte Tatortspuren handeln konnte. Die Vermutung, dass es sich um eine Verunreinigung der bei der Spurensicherung verwendeten Abriebtupfer aus Baumwollwatte mit DNA einer Person handeln könnte, die bereits beim Hersteller entstanden sein muss, lag nahe und war intern bereits als mögliche Ursache in Betracht gezogen worden (1).

Nachdem schließlich entsprechende Vergleichsproben beim Personal des Herstellers der Abriebtupfer entnommen und analysiert worden waren, konnte eindeutig nachgewiesen werden, dass es sich bei dieser Trugspur um die Merkmale einer weiblichen Mitarbeiterin der Herstellerfirma gehandelt hat, die mit der Verpackung dieser auch „Bakterietten“ genannten Abriebtupfer betraut war. Sie werden für den medizinischen Gebrauch sterilisiert, also keimfrei gemacht, sind damit jedoch keineswegs frei von DNA.

Diese spektakuläre, wenn auch für die zuständigen Ermittlungsbehörden sicherlich unerfreuliche Aufklärung der Identität des „Phantoms“ ist letztendlich dennoch ein überzeugender Beweis für die Leistungsfähigkeit der DNA-Analyse. Schließlich wurde das DNA-Profil der nunmehr identifizierten Mitarbeiterin über mehrere Jahre von einer Reihe unabhängiger DNA-Labore in zwei Ländern zuverlässig und in übereinstimmender Form an vermuteten Abriebspuren nachgewiesen. Dies belegt die Empfindlichkeit und sichere Reproduzierbarkeit der DNA-Analyse bei solchen Minimalspuren.

Mögliche Falle: Im Asservat war nur DNA der Phantomfrau
Es ist davon auszugehen, dass bei den von der Spurensicherung angefertigten Abrieben an den Tatorten beziehungsweise Asservaten der 40 nicht zusammenhängenden Ermittlungsfälle jeweils gar keine DNA eines möglichen Spurenlegers erfasst wurde. Die Laboranalysen hätten dann ausschließlich die bereits vorhandene, kontaminierende DNA der Firmenmitarbeiterin nachgewiesen. Das Problem war also nicht die DNA-Analyse selbst, sondern die Art der Anwendung und die falschen Schlussfolgerungen aus im Prinzip richtigen Ergebnissen. Als unmittelbares Fazit sind sowohl die Einführung eines noch zu definierenden „DNA-freien“ Standards für alle verwendeten Materialien bei der Spurensicherung und im Labor als auch eine wesentlich kritischere Betrachtung der Analysenergebnisse bei Minimalspuren zu fordern.

Die Serie von erfolgreich aufgeklärten Straftaten auch bei Fällen, die 20 Jahre und länger zurückliegen, verbunden mit der publikumswirksamen Darstellung diverser kriminalistischer „Hightech“-Laborverfahren in populären Fernsehserien, hat diesem Werkzeug in der Öffentlichkeit den Ruf der Unfehlbarkeit eingebracht. In der Praxis werden immer mehr sogenannte Kontakt- oder Hautabriebspuren durch die Spurensicherung mithilfe der nunmehr inkriminierten Wattetupfer von Gegenständen oder Oberflächen abgenommen, bei denen man zunächst nicht weiß, ob und wie viel DNA eines oder auch mehrerer möglicher Spurenleger gesichert werden konnte. Dies kann erst anhand des Ergebnisses der DNA-Analyse festgestellt werden: Sie ergibt entweder keinen Befund (somit konnte keine Spur gesichert werden) oder in anderen Fällen das Teil- oder Vollprofil im Idealfall einer einzigen, in der Realität aber häufig auch von mehreren unbekannten Personen. Nur wenn das möglichst vollständige DNA-Profil einer einzelnen Person nachgewiesen wurde, kann dieses zur Recherche in die DNA-Analyse-Datei (DAD) beim Bundeskriminalamt eingestellt werden, was im Fall der „uwP“ offensichtlich immer wieder geschehen ist. Dabei muss berücksichtigt werden, dass solche Kontamination nur eine sehr geringe Menge an DNA darstellt. Wird ein derartig kontaminierter Tupfer zur Sicherung einer Tatortspur mit hohem DNA-Gehalt, wie zum Beispiel einer Blut- oder Speichelspur, verwendet, so ist davon auszugehen, dass die latent vorhandene kontaminierende DNA nach der Analyse nicht sichtbar wird, da sie bei der Amplifikation während der Polymerase-Kettenreaktion (PCR) durch die Konkurrenz der im Überschuss vorhandenen Spuren-DNA nicht ausreichend erfasst würde. Der auch von einigen Fachleuten vorgebrachte Vorwurf, es seien nicht aureichend Leerkontrollen untersucht worden, wirft per se Fragen auf. Schließlich ist es unklar, wie viele der von der Firma ausgelieferten Abriebtupfer tatsächlich kontaminiert waren. Selbst wenn man zu jeder gesicherten Spur einen nicht benutzten Tupfer an das DNA-Labor geschickt hätte, wäre die Verunreinigung nicht zwingend sichtbar geworden. Die Laborkosten hätten sich aber verdoppelt.

Es ist daher wesentlich sinnvoller, gezielte Strategien zu entwickeln, um solche Kontaminationen zu vermeiden sowie unvermeidbare Kontaminationen frühzeitig zu erkennen. Dazu gehört zunächst die Etablierung eines DNA-freien Standards für alle Verbrauchsmaterialien der Spurensicherung und der Laboranalytik einschließlich der biochemischen und molekulargenetischen Reagenzien. Dieser sollte gemeinsam mit der Industrie erarbeitet und durch eine anerkannte Zertifizierung belegt werden. „DNA-frei“ kann in diesem Kontext nur die Abwesenheit von menschlicher DNA bedeuten, die mittels PCR amplifizierbar ist, denn eine vollständige Abwesenheit jeglicher DNA ist weder machbar noch notwendig. Neben der Einführung eines Produktionsprozesses, der überwiegend automatisiert sein sollte, kann eine anschließende Behandlung des Materials, zum Beispiel mit Ethylenoxid, eine Zerstörung eventuell vorhandener DNA-Kontaminationen größtenteils sicherstellen. Diese Verfahren sind etabliert und auch für die Anwendung in der forensischen DNA-Analyse validiert (2).

Dennoch sind Kontaminationen nie völlig auszuschließen. Und so sollten zusätzlich intelligente datenbankbezogene Analyseverfahren eingesetzt werden, um wenig plausible Befunde wie Treffer zwischen offensichtlich unzusammenhängenden Straftaten frühzeitig herauszufiltern. Dies muss auf mehreren Ebenen geschehen und wurde bereits vor einigen Jahren in Großbritannien durch den Forensic Science Service (FSS) dokumentiert. Dort wurde eine DNA-Spur aus einem Kapitaldelikt mit einer Serie von offensichtlich nicht zusammenhängenden DNA-Spuren aus anderen Straftaten in der National-DNA-Database identifiziert (3). Diese Trefferserie führte zu einer kritischen Überprüfung aller Befunde und der möglichen Quelle, die schließlich bei einem Hersteller von Plastikröhrchen gefunden wurde. Bei der Aufklärung waren verschiedene sogenannte elimination databases von großem Nutzen. Sie dienen nur zum Zweck des Abgleichs mit fraglichen Kontaminationsprofilen. Dabei werden sowohl Angehörige der Spurensicherung bei der Polizei erfasst als auch Personen aus dem Produktionsprozess der Hersteller von Verbrauchsmaterial. Die Einbeziehung der Industrie beruht auf einer Selbstverpflichtung namhafter Hersteller, auf freiwilliger Basis eine Datenbank mit anonymisierten DNA-Profilen ihrer Mitarbeiter vorzuhalten. Um den Belangen des Datenschutzes Rechnung zu tragen, wäre vorstellbar, dass diese DNA-Profile weder bei der Polizei noch bei den Firmen gespeichert werden, sondern bei einer externen Einrichtung als Treuhänder, die dafür sorgt, dass ein mögliches Kontaminationsprofil anonym mit Mitarbeiterdaten abgeglichen wird. Für DNA-Analyse-Labore war es immer schon selbstverständlich, dass die DNA-Profile der mit der Spurenbearbeitung befassten Mitarbeiter zum Ausschluss möglicher laborinterner Kontaminationen erhoben wurden.

Als letztes und wesentliches Element zur Kontaminationserkennung sollten die in den Laboren in den jeweiligen Negativ- und Leerkontrollen möglicherweise sporadisch erfassten DNA-Signale systematisch gesammelt und überregional in einer „Kontaminationsdatenbank“ zusammengefasst und ausgewertet werden, wie es der FSS schon lange praktiziert (3). Dort wurden zum Beispiel in einem Zeitraum von drei Jahren bei circa drei Millionen verbrauchten Plastikröhrchen die DNA-Profile von insgesamt 20 Mitarbeitern des Herstellers in den Negativkontrollen dieser Röhrchen gefunden und darüber hinaus in 14 nicht zugeordneten Tatortspuren in der nationalen Datenbank. Eine Umstellung des Produktionsprozesses hin zu einer weitestgehenden Automatisierung hat bei den Kontrolluntersuchungen zu einer Reduktion der nachweisbaren Verunreinigungen auf ein Zehntel geführt.

Kontaminationen könnten in Datenbanken erfasst werden
Es liegt in der Natur solcher Kontaminationen, dass sie nur punktuell auftreten, sodass ein einzelnes Labor vielleicht nur einmal im Jahr einen solchen unerwarteten und somit nicht reproduzierbaren Befund erhebt. Wenn aber alle Labore diese Daten sammeln und gemeinsam auswerten, so können in solchen isolierten Befunden eventuell systematische Verunreinigungen erkannt und gegebenenfalls mit nicht zusammenhängenden Spur-Spur-Treffern der DAD sowie mit den entsprechenden Eliminationsdatenbanken verglichen werden. Der „Phantomfall“ sollte zum Anlass dienen, diese Maßnahmen möglichst zeitnah in die Praxis umzusetzen.
Prof. Dr. Peter M. Schneider
Institut für Rechtsmedizin
Universitätsklinikum Köln
1.
Lt. Pressemitteilung des LKA Baden-Württemberg vom 27. 3. 2009 waren bereits über 300 unbenutzte Wattestäbchen des Herstellers ohne Hinweis auf eine Kontamination analysiert worden.
2.
Shaw K, Sesardic I, Bristol N, Ames C, Dagnall K, Ellis C, Whittaker F, Daniel B: Comparison of the effects of sterilisation techniques on subsequent DNA profiling. Int J Legal Med 2008; 122: 29–33. MEDLINE
3.
Sullivan K, Johnson P, Rowlands D, Allen H: New developments and challenges in the use of the UK DNA Database: addressing the issue of contaminated consumables. Forensic Sci Int 2004; 146 S: S 175–6. MEDLINE
Forensische DNAAnalyse: Eine Probe wird für die Amplifikation mittels PCR vorbereitet. Foto: dpa
FORENSISCHE DNA-ANALYSE
Forensische DNAAnalyse: Eine Probe wird für die Amplifikation mittels PCR vorbereitet. Foto: dpa
1. Lt. Pressemitteilung des LKA Baden-Württemberg vom 27. 3. 2009 waren bereits über 300 unbenutzte Wattestäbchen des Herstellers ohne Hinweis auf eine Kontamination analysiert worden.
2. Shaw K, Sesardic I, Bristol N, Ames C, Dagnall K, Ellis C, Whittaker F, Daniel B: Comparison of the effects of sterilisation techniques on subsequent DNA profiling. Int J Legal Med 2008; 122: 29–33. MEDLINE
3. Sullivan K, Johnson P, Rowlands D, Allen H: New developments and challenges in the use of the UK DNA Database: addressing the issue of contaminated consumables. Forensic Sci Int 2004; 146 S: S 175–6. MEDLINE

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