ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2009Nordnorwegen: Besuch in Eiderentenhausen

KULTUR

Nordnorwegen: Besuch in Eiderentenhausen

Müller, Jan-Manuel

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Vega: 6 000 Inseln, Welterbe und im Frühjahr Heimat der wertvollsten Enten der Welt (oben)
Vega: 6 000 Inseln, Welterbe und im Frühjahr Heimat der wertvollsten Enten der Welt (oben)
Beitrag zur Schlafkultur: Auf der Insel Vega kann man Pate der Vögel werden, die für die weichsten Daunenkissen sorgen.

Hier oben herrscht die Natur, nicht der Mensch“, erzählt der Fischer Falk-Arvid Olsen. Wir sind mit seinem Motorboot durch eine der jüngsten Weltkulturstätten der Erde unterwegs, durch Vega. Nur knapp unterhalb des Polarkreises, in der norwegischen Region Helgeland. In der Ferne präsentieren sich kleine Holzbauten, nicht größer als Kisten, wie bunte Stecknadelköpfe, während uns ein kühler Wind um die Ohren pfeift.

Fotos: laif
Fotos: laif
Knapp 1 500 Bewohner leben auf Vega. Viele verdienen ihr Geld mit Fischfang. Die meisten der Inseln und Schären des Nordmeerarchipels aber sind unbewohnt. Doch jedes Jahr im Frühling erhalten die Menschen auf Vega schnatternden Besuch, und das anschließende Ritual gehört zum Inselleben wie das wechselhafte Wetter und die hellen Mittsommernächte. Sie nehmen Eiderenten auf. Wilde Vögel, die ansonsten das ganze Jahr über in Alaska, auf Island oder in Nordrussland leben. Zwei Monate lang werden die Bewohner von Vega sich auch in diesem Jahr wieder um die Tiere kümmern, wie sie es seit Hunderten von Jahren tun. Seit jeher stellen sie Prachtbauten für die Vögel auf, um sie anzulocken – nicht ganz uneigennützig, denn Eiderenten sind die wertvollsten Enten der Welt, und das liegt an ihren Federn.

Unter allen Füllmaterialien für Bettdecken und Kissen sind ihre Daunen die edelsten, die weichsten, die wärmsten und die leichtesten, aber auch die teuersten. Ganze 40 000 Kronen, gut viereinhalbtausend Euro bezahlt man für eine Bettdecke. Dabei kommt kein Vogel zu Schaden, sie bemerken nicht einmal, dass man ihre Daunen sammelt. Die Enten zupfen sich die Brustfedern aus, um ihr Nest damit auszukleiden, und die Inselbewohner nehmen diese wieder heraus, sobald die Jungen geschlüpft sind.

Das ist eine sehr zeitaufwendige Angelegenheit, die früher ausschließlich Aufgabe der Frauen war, während die Männer monatelang als Fischer auf dem Nordmeer unterwegs waren. Seitdem sind mehr als 150 Jahre vergangen. Heute sammeln im Frühjahr Frauen wie Männer die Daunen. Für eine normale Bettdecke benötigen sie Daunen aus siebzig Nestern. Doch wer einmal unter solch einer Bettdecke gelegen hat, will sie nie wieder eintauschen. „Eine Decke aus Eiderdaunen wiegt nur etwas mehr als tausend Gramm und ist warm und weich“, erzählt Olsen, der seit mehr als zwei Jahrzehnten Eiderdaunen sammelt. Das liegt daran, dass diese keine Kiele haben, sondern kleine Widerhaken, die sie zusammenhalten.

Ein Himmel wie aus hellem Schiefer spannt sich über die Landschaft. Mehr als 6 000 Inseln gehören zu Vega in Helgeland. Vor fünf Jahren wurde die Region in Nordnorwegen zum Weltkulturerbe erklärt. Es ist das ureigene Leben, das hier von der UNESCO gewürdigt wurde. Und jedes Jahr im Frühjahr kehren die Eiderenten zum Brüten nach Helgeland zurück.

„Das Wichtigste zum Brüten ist die richtige Unterlage. Gras würde die feinen Daunen zerstören“, sagt Olsen. „Deshalb sammeln wir auf Vega Tang.“ Das ist eine ideale Nestverkleidung für die anspruchsvollen Enten. Damit nicht genug. Die Menschen halten Wache, um die wertvollen Eiderenten vor Polarfüchsen, Ottern oder Raben zu schützen. Die Tiere sind gerade während der Brutzeit eine leichte Beute, da sie ihre Nester nicht verlassen und in dieser Zeit an Kraft und Gewicht verlieren.

Doch seit einigen Jahren gibt es nicht mehr genug Inselbewohner, die sich in der Brutzeit zwischen Mai und Juni der Enten widmen. Deshalb werden tierliebe Helfer aus der ganzen Welt gesucht – im Austausch gegen ein unvergessliches Naturerlebnis. Für zwei Monate können Entenpaten nach Vega kommen, in die Natur und Einsamkeit von Nordnorwegen, täglich ihre Enten bewachen, ihnen beim Brüten zusehen und schließlich die Daunen aus den Nestern klauben. „Man muss übrigens kein Norwegisch können, die Enten schnattern vielsprachig“, sagt Entenpate Olsen Und fügt hinzu: „Selbstverständlich gehört zur Unterkunft auch eine echte Eiderdaunendecke.“
Jan-Manuel Müller

Informationen: Norwegisches Fremdenverkehrsamt, info@visit
nordland.no; www.vistitnorway.no.
Eine Patenschaft für Eiderenten kann man jedes Jahr im Mai und Juni übernehmen, zwei Monate lang lebt man im eigenen Zimmer bei einer Gastfamilie auf der Insel Lanan.
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