ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2009Hilfseinsatz in Tansania: Zwischen Armut und Dankbarkeit

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Hilfseinsatz in Tansania: Zwischen Armut und Dankbarkeit

Blaschke, Diana

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Fotos: Diana Blaschke
Fotos: Diana Blaschke
Ein Erfahrungsbericht aus dem Heri Mission Hospital in Westtansania

Die kleine Propellermaschine landet am Nachmittag auf der roten Erde des winzigen Flughafens im Westen Tansanias. Nach einem Abstecher zu den zerfallenen Holzhütten Kigomas, zwischen denen Leprakranke um ein paar Shilling betteln, geht es auf die knapp 70 Kilometer lange Reise nach Norden in Richtung der Grenze zu Burundi. Wir fahren mehr als zwei Stunden auf unbefestigten Straßen mit riesigen Schlammlöchern, vorbei an Palmen und Bananenplantagen.

Bis auf die Knochen abgemagert – Ramadhani kämpft nach einer missglückten Bauch-OP um sein Leben.
Bis auf die Knochen abgemagert – Ramadhani kämpft nach einer missglückten Bauch-OP um sein Leben.
Am nächsten Tag im Heri Mission Hospital lerne ich Ramadhani kennen, einen 16-jährigen Patienten, der nach einer missglückten Darm-OP in unser Krankenhaus verlegt wurde. Der Junge ist bis auf die Knochen abgemagert, und durch eine offene Bauchwunde sind Darm, Kot und Eiter zu erkennen. Wir beginnen sofort mit der Gabe intravenöser Antibiotika und Flüssigkeit. Ramadhani sorgt für eine gedrückte Stimmung in der Belegschaft, jeder rechnet mit seinem baldigen Tod. Umso erstaunlicher ist es, als sich einige Tage später sein Zustand stabilisiert hat. Da wir nicht über geeignete Methoden zur parenteralen Ernährung verfügen, müssen wir dem Jungen trotz des offenen Abdomens erlauben, zu essen. Sonst verhungert der unterernährte Junge.

Anfangs bin ich sehr erschreckt über die Zustände im Krankenhaus. Es ist frustrierend, dass hier für die einfachsten Dinge das Geld fehlt. So wird mir etwa eines Morgens bei der Visite eine ältere Frau mit den Symptomen eines Herzinfarkts vorgestellt. Da es kein EKG-Gerät gibt und man von Troponin-Tests und Herzecho sowieso nur träumen kann, muss ich mich auf Anamnese und klinische Untersuchung verlassen und die Grenzen meiner Möglichkeiten erkennen und akzeptieren.

Sago (l.) lächelt – und das, obwohl ihm nach einem Schlangenbiss das linke Bein amputiert werden musste.
Sago (l.) lächelt – und das, obwohl ihm nach einem Schlangenbiss das linke Bein amputiert werden musste.
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Für Hunderte Menschen im Umkreis von vielen Kilometern ist das Heri Mission Hospital die einzige Alternative zu traditionellen Heilern. Die Medizinmänner sind in Westtansania noch sehr verbreitet und verursachen mit ihren unkonventionellen Heilmethoden mehr Schaden als Nutzen. Oft besteht ihre Therapie darin, Kräuter und Erde auf Verletzungen zu reiben. Oder sie versuchen, die Krankheit zu besiegen, indem sie die Haut in parallelen Schnitten anritzen. Bei einer Struma haben die Patienten dann viele kleine Schnitte am Hals, bei Narben am Bauch könnte es sich zum Beispiel um den Versuch handeln, eine zu große Milz zum Schrumpfen zu bringen. Gelegentlich müssen wir auch kleine Kinder mit einer transfusionspflichtigen Anämie behandeln, weil ihnen der Medizinmann die Uvula abgeschnitten hatte, um den Husten zu bekämpfen.

Ein besonders trauriges Beispiel dafür, wie fatal sich das Zusammentreffen von Armut und schlecht erreichbarer medizinischer Versorgung auswirkt, ist Sago. Sago ist acht Jahre alt und wurde vor einigen Monaten von einer Schlange ins Bein gebissen. Seine Eltern brachten ihn zu einem Medizinmann. Dieser konnte nicht verhindern, dass sich sein Bein infizierte. Erst als es Sago richtig schlecht ging, brachte man ihn zu uns ins Heri Mission Hospital. Leider war das Bein zu diesem Zeitpunkt schon so stark in Mitleidenschaft gezogen, dass es amputiert werden musste. Es folgten viele Wochen komplizierter Wundbehandlung, bis der Stumpf schließlich einigermaßen frei war von Infektionen.

Das Erstaunliche an afrikanischen Kindern ist jedoch, dass sie trotz einer solchen Tragödie nicht verzweifeln oder sich beschweren. Sago saß jeden Morgen mit einem breiten Lächeln in seinem Bett und beobachtete uns gespannt bei der Wundkontrolle. Den Rest des Tages habe ich ihn oft mit beeindruckender Geschicklichkeit und lächelnd mit seinen Krücken durchs Krankenhaus flitzen sehen.

Überhaupt habe ich den Eindruck, dass die Kinder in Afrika eine andere Einstellung zu Krankenhäusern und Ärzten haben als in Europa. Anstatt sich zu fürchten oder gar zu schreien, scheinen sie vielmehr gespannt zu sein, was wir mit ihnen vorhaben. Wir hatten regelmäßig Kinder mit großen Abszessen oder Verletzungen, die sie sich bei der Arbeit mit Messern und Macheten zugefügt hatten. Aber statt Angst sieht man in ihren Gesichtern meist nur eine gewisse Neugier und Interesse dafür, was mit ihnen passiert.

Der Unterschied zwischen einer deutschen und einer tansanischen Station ist auf den ersten Blick zu erkennen
– und zwar nicht nur wegen des großen Schlafsaals und der alten Betten. Vor allem trifft man in einem afrikanischen Krankenhaus oft mehr Angehörige als Patienten. Fast jeder Patient hat mindestens einen Angehörigen mitgebracht, der den Tag und häufig auch die Nacht „auf Station“ verbringt. Die Angehörigen schlafen unter oder neben dem Bett des Patienten und sind dafür zuständig, den Kranken zu waschen und mit Essen zu versorgen. So ist es kein seltener Anblick, dass die gesamte Station mit Menschen gefüllt ist, die auf dem Boden um mehrere Töpfe mit Essen sitzen, erzählen und essen.

Mehr Angehörige als Patienten: Verwandte und Freunde waschen die Patienten und versorgen sie mit Essen.
Mehr Angehörige als Patienten: Verwandte und Freunde waschen die Patienten und versorgen sie mit Essen.
Das Heri Mission Hospital hat ein Einzugsgebiet von vielen Quadratkilometern, einen Krankenwagen gibt es nicht. Die Patienten kommen mit öffentlichen Verkehrsmitteln (falls sie sich das leisten können), zu Fuß (falls sie dazu noch imstande sind), oder sie werden von Angehörigen auf einer Trage in die Klinik gebracht. Ein Teil der Familie bleibt anschließend bis zur Entlassung im Krankenhaus (oder zumindest in der Nähe), um den Patienten zu verpflegen und notfalls Blut zu spenden beziehungsweise nach geeigneten Spendern zu suchen. Da es im Heri Mission Hospital keine Blutbank gibt, kann es mehrere Tage dauern, bis unter den Familienangehörigen oder im Dorf des Patienten ein geeigneter Spender gefunden ist. Im Normalfall geht das aber sehr schnell, weil die meisten Tansanier über eine scheinbar unerschöpfliche Anzahl an Verwandten und Bekannten verfügen.

Trotz der sehr einfachen Verhältnisse im Krankenhaus, der Armut und des damit verbundenen Leids ist es doch erstaunlich, wie vielen Patienten man mit einfachsten Mitteln helfen kann. Auch wenn das Geld an allen Ecken und Enden fehlt, können trotzdem jedes Jahr Hunderte Patienten operiert werden – die meisten erfolgreich. Obwohl das Krankenhaus nicht über eine Intensivstation verfügt und auch die wenigen zur Verfügung stehenden Medikamente von Zeit zu Zeit ausgehen, haben sich die meisten unserer chirurgischen Patienten sehr gut erholt. Sogar Ramadhani konnte nach einigen Wochen entlassen werden, zwar immer noch völlig abgemagert, aber in stabilem Zustand. Bei ihm hat sich eine Art natürliches Stoma gebildet, und er konnte sogar selbstständig einige Schritte durchs Krankenhaus laufen – angesichts seines anfänglichen Zustands grenzt das schon fast an ein Wunder.

Da die Wohn-und Arbeitsbedingungen in Westtansania bei Weitem nicht europäischen Standards entsprechen, bedarf es anfangs einiger Überwindung und auch Improvisation, wenn man hier als Ärztin tätig ist. Mitten im Chaos wird einem dann bewusst, wie gut es uns in Deutschland geht. Nach einigen Tagen weichen das Entsetzen und die Frustration über die ärmlichen Verhältnisse der Erkenntnis, dass man auch unter diesen Umständen den Patienten sehr viel geben kann – und noch viel mehr zurückbekommt. Bald fällt es einem nicht mehr schwer, kleinere Unannehmlichkeiten mit einem Lächeln und einem „Hamna Shida“ (Kisuaheli für „kein Problem“ oder „macht nichts“) zu kommentieren. Nach einiger Zeit findet man hier zurück zu der inneren Ruhe und Zufriedenheit, die einem in der Hektik Europas viel zu häufig abhanden kommt.
Diana Blaschke

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