ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2009Der alte Patient in der Herzchirurgie
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
Hintergrund: Mit dem Anstieg der Lebenserwartung und der zunehmenden Zahl von über 75-Jährigen in der Bevölkerung ist die adäquate Behandlung Herzkranker im höheren Lebensalter von großer medizinischer und auch gesellschaftspolitischer Bedeutung.
Methoden: In Zusammenarbeit mit der Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung (BQS) analysierten die Autoren das Risikoprofil älterer Patienten mittels der Datensätze des Jahres 2007 aus allen deutschen herzchirurgischen Zentren. Die Ergebnisse zur Risikoverteilung und die Morbiditäts- und Letalitätsstatistiken für die isolierte Koronarchirurgie resultierten dabei aus dem vollständigen BQS-Bundesdatenpool mit 47 881 erfassten Operationen. Die Daten zu Lebensqualität und Langzeitüberleben stammen aus einer selektiven Literatursuche in Medline.
Ergebnisse: Über 75-jährige Patienten haben im Vergleich zu unter 65-Jährigen signifikant mehr prognosebestimmende Begleiterkrankungen und Risikofaktoren. Entsprechend dazu ist die Komplikationsrate und die Letalität in dieser Altersgruppe erhöht (relative Risikoerhöhung zum Beispiel für Retentionsstörungen 4,3-fach, neurologische Komplikationen 3,0-fach, Krankenhausletalität 3,7-fach). Das kalendarische Alter ist ein Risikofaktor für Letalität und Morbidität nach koronarchirurgischen Eingriffen.
Schlussfolgerungen: Das Letalitätsrisiko einer Bypassoperation lässt sich mit modernen Scoring-Systemen sehr gut vorhersagen. Nach erfolgreichem herzchirurgischem Eingriff kann die altersentsprechende Lebenserwartung und -qualität wiedererlangt werden.
Dtsch Arztebl Int 2009; 106(25): 416–22
DOI: 10.3238/arztebl.2009.0416
Schlüsselwörter: Bevölkerungsentwicklung, Lebenserwartung, koronare Herzkrankheit, herzchirurgische Versorgung, Gesundheitsökonomie
LNSLNS Der demografische Wandel stellt die Medizin vor große Herausforderungen. Insbesondere Herzerkrankungen sind in einem hohen Maße mit dem Lebensalter vergesellschaftet. Neben anderen physiologischen Altersveränderungen in den Koronargefäßen, reichert sich Calcium zwischen dem 40. und 70. Lebensjahr um den Faktor 500 an (1). Die Inzidenz der symptomatischen koronaren Herzerkrankung, von Myokardinfarkten und des plötzlichen Herztodes steigt. Mit dem Anstieg der Lebenserwartung und der zunehmenden Zahl von über 75-Jährigen in der Gesamtbevölkerung stellt die adäquate Behandlung Herzkranker im höheren Lebensalter nicht nur eine medizinische Herausforderung dar, sondern ist auch von erheblicher gesellschaftspolitischer Bedeutung. Die damit verbundenen Fragen zur Gesundheitsökonomie, Ressourcenbereitstellung und Medizinethik stellen hohe Anforderungen an die Kompetenz der medizinisch aber auch der politisch Verantwortlichen.

Die vorliegende Übersichtsarbeit soll einen Überblick über das Ausmaß der Risikoerhöhung im höheren Alter bei herzchirurgischen Eingriffen geben. Dazu legen die Autoren zum einen Originaldaten aus Deutschland vor, die sie in Zusammenarbeit mit der Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung (BQS) analysiert haben. Aus dem kompletten Datensatz „isolierte Koronarchirurgie“ der BQS aus dem Jahr 2007 wurden die Risikoverteilung sowie die Morbiditäts- und Letalitätsstatistiken bezüglich der Altersproblematik analysiert. Die Teilnahme an der Qualitätssicherung ist für alle deutschen herzchirurgischen Kliniken verpflichtend, sodass ein reales Abbild der Situation entsteht. Zum Zweiten zitieren die Autoren in einer selektiven Literatursuche in Medline mit den Suchworten „octogenarians and quality of life and cardiac surgery and long term survival“ Originalarbeiten, die Ergebnisse zum postoperativen Langzeitüberleben und zur Lebensqualität darlegen. Abschließend geben sie einen Ausblick auf neuere Entwicklungen in der Herzchirurgie, die zu einer weiteren Risikoreduktion der Therapie für ältere Patienten führen könnten.

Alters- und Letalitätsentwicklung
Während bis in die 1980er-Jahre die herzchirurgische Behandlung im Wesentlichen auf Patienten unter 65 Jahre beschränkt blieb, erhöhte sich der Anteil älterer Patienten in den Folgejahren stetig (Grafik 1 gif ppt). In Deutschland ist das Durchschnittsalter der herzchirurgischen Patienten im Zeitraum von 1990 bis 2007 von 55,8 auf 68,8 Jahre angestiegen, wobei der Anteil der über 80-Jährigen nun 9,8 % beträgt (2).

Eine Korrelation zwischen Lebensalter und dem Morbiditäts- und Letalitätsrisiko haben viele Studien gezeigt (3). Im Vergleich zwischen 60- und 80-Jährigen ist der Einfluss des Alters auf die Operationsletalität bei isoliertem Aortenklappenersatz am geringsten, während das Risiko bei einer isolierten Bypassoperation um das 3,7-fache erhöht ist (Krankenhausletalität < 65 Jahre = 1,5 %; > 74 Jahre = 5,6 %). Insbesondere die Kombination von Bypassoperation und Mitralklappenersatz ist bei älteren Patienten offenbar mit einem hohen Letalitätsrisiko (19,6 %) verbunden (4). Die Methoden in der Chirurgie, der Anästhesie und der Intensivmedizin konnte man in den vergangenen Jahren soweit verfeinern, dass es gelungen ist, trotz der neu hinzugekommenen Altersherzchirurgie die Operationsletalität der Bypassoperationen von 2,9 % im Jahre 1990 auf 2,7 % im Jahre 2007 konstant zu halten (Grafik 1c).

Begleiterkrankungen und Risikofaktoren
Eine weiterhin offene Frage ist die nach dem krankheitsunabhängigen Einfluss des biologischen Alterns und somit dem zellulären und Gewebealterungsprozess auf das Operationsrisiko. Bisher fehlt ein physiologischer Parameter, der die biologischen Alterungsveränderungen charakterisiert. So bleibt das kalendarische Alter der einzig parametrierbare Messwert, den man dem Alterungsprozess des Patienten zuordnen kann. Anhand der vorliegenden Daten kann man davon ausgehen, dass das kalendarische Alter ein Risikofaktor für Morbidität und Letalität nach herzchirurgischen Eingriffen ist. Im Vergleich zum Alter < 65 Jahre errechnet sich zum Beispiel ein Odds Ratio (Chancenverhältnis) für das Letalitätsrisiko von 1,7 für die Altersdekade von 65 bis 74 Jahre, von 3,18 für 75- bis 84-Jährige und von 5,85 für ein Alter über 85 Jahre. Es ist zu berücksichtigen, dass das individuell-biologische vom kalendarischen Alter abweichen und in einem bisher unbekannten Maße durch Begleiterkrankungen (Diabetes mellitus, Niereninsuffizienz), gesundheitsorientiertes Verhalten und genetische Disposition modifiziert wird (5). Generell steigt parallel zum kalendarischen Alter die Anzahl der prognosebestimmenden Begleiterkrankungen (Tabelle 1 gif ppt). Das bereits altersbedingt erhöhte Operationsrisiko wird durch Begleiterkrankungen weiter erhöht. Wie der Tabelle 1 zu entnehmen ist, sind fast alle relevanten Risikofaktoren in der Gruppe der älteren Patientengruppe signifikant häufiger vertreten als in der jüngeren. Mit der Identifizierung von Risikofaktoren und der Quantifizierung ihrer Wertigkeit entwickelte man in den letzten Jahren Scoring-Systeme für die Herzchirurgie, die eine präoperative Abschätzung des Letalitätsrisikos möglich machen. Das Scoring-System „KCH-SCORE 2.0“ wurde von der BQS zuletzt für das Jahr 2007 auf die deutschen Daten normiert (6). Es hat dadurch eine sehr hohe Vorhersagekraft für Operationen in Deutschland, während ältere Scoring-Systeme wie zum Beispiel der EURO-SCORE die Letalitätswahrscheinlichkeit erheblich überschätzen. Die Relevanz der Risikofaktoren nach dem KCH-SCORE 2.0 zeigt Tabelle 1 als Odds Ratio in der zweiten Spalte. Haben jüngere (< 65 Jahre) und ältere (75 bis 84 Jahre) Patienten dabei bezüglich der in Tabelle 1 aufgeführten Risikofaktoren vergleichbare Risiken, so ist die Wahrscheinlichkeit, im Krankenhaus zu versterben für die älteren Patienten um das 3,18-fache erhöht. Für über 85-jährige Patienten ergibt sich entsprechend ein Odds Ratio von 5,85 (Kasten gif ppt).

Zu ähnlichen Ergebnissen kommen Alexander et al. in der bisher größten Feldstudie, in die 67 764 Patienten (4 743 über 80 Jahre) eingeschlossen wurden (4). Die Autoren fanden heraus, dass die Krankenhausletalität bei älteren Patienten ohne wesentliche Begleiterkrankungen um den Faktor 3,8 höher lag als in der jüngeren Patientengruppe. Bei Patienten mit schweren Begleiterkrankungen schwindet dagegen der Alterseinfluss. Hier wurde das Letalitätsrisiko im Wesentlichen durch die Anzahl und Schwere der Begleiterkrankungen bestimmt.

Einige retrospektive Analysen maßen dem Faktor Alter eine geringe Bedeutung bei und kamen zu dem Schluss, dass die höhere Letalität bei älteren Patienten durch ihre Risikofaktoren wie zum Beispiel eine Niereninsuffizienz bedingt sind (4, 5, 7). Trotz der uneinheitlichen Studienlage zwischen den großen Feldstudien einerseits und einigen unizentrischen retrospektiven Analysen andererseits ist der Parameter „kalendarisches Alter“ als eigenständiger Risikofaktor in allen Scoring-Systemen enthalten. Dies berücksichtigt auch der (ältere) EURO-SCORE, der für jeweils fünf Jahre nach dem 55. Lebensjahr Risikopunkte vergibt (8, 9).

Eine besondere Situation stellt die Notfalloperation beim kardiogenen Schock nach akutem Myokardinfarkt dar, die im hohen Lebensalter offensichtlich eine besonders ungünstige Prognose hat. Mehta et al. berichten in diesem Zusammenhang über eine Letalität von 31,9 % in der Altersgruppe > 80 Jahre (10).

Postoperative Komplikationen
Im Datenmaterial der BQS aus dem Jahr 2007 ist die Komplikationsrate nach herzchirurgischen Eingriffen bei über 75-Jährigen deutlich höher als in der jüngeren Patientengruppe (Tabelle 2 gif ppt). Dies betrifft vor allem auch schwere Komplikationen wie Niereninsuffizienz (0,9 versus 3,9 %; p < 0,001), Schlaganfall (0,6 versus 1,8 %; p < 0,001) und respiratorische Komplikationen (3,0 versus 7,1 %; p < 0,001). Dementsprechend sind verlängerte Beatmungszeiten (7,4 versus 16,0 %), Intensivaufenthalte > vier Tage (18,8 versus 33,8 %) und Dialysepflichtigkeit (0,8 versus 2,8 %) signifikant häufiger.

Auch in der Registerstudie von Alexander et al. waren bei über 80-Jährigen im Vergleich zu unter 65-Jährigen schwerwiegende Komplikationen wie Nierenversagen, Schlaganfall und kardiales Pumpversagen um den Faktor 4 erhöht (4).

Lebenserwartung
Bestimmend für die langfristige Prognose ist die Anzahl und Schwere von Begleiterkrankungen. Bezogen auf die Gesamtpopulation kann aber auch im hohen Lebensalter nach erfolgreicher Operation die altersentsprechende Lebenserwartung erreicht werden. Dies gilt vor allem für Patienten mit erhaltener linksventrikulärer Funktion (11, 12).

Die isolierte Bypassoperation und der isolierte Aortenklappenersatz haben eine hervorragende langfristige Überlebensprognose, während die Patienten nach Mi-tralklappenoperationen eine vergleichbar niedrigere Überlebenszeit haben. Dabei spielt die Genese der Mitralklappenerkrankung die entscheidende Rolle. Während die myxomatöse Degeneration bei erhaltener linksventrikulärer Funktion eine hohe Überlebensrate aufweist, ist die ischämische Mitralinsuffizienz, die mit einer Reduktion der linksventrikulären Funktion vergesellschaftet ist, mit einer deutlich verringerten Überlebensrate verbunden (13).

Neben dem Risikofaktor „reduzierte kardiale Funktion“ hat vor allem die hochgradige Einschränkung der Nierenfunktion einen stark limitierenden Einfluss auf das Langzeitüberleben nach herzchirurgischen Eingriffen.

Vorteil der revaskularisierenden Therapie
Eine prospektiv randomisierte Studie, die die medikamentöse oder interventionelle Therapie im Vergleich zur chirurgischen Revaskularisierung bei älteren Patienten untersucht, wurde bisher nicht durchgeführt. Hinweise auf einen Vorteil einer invasiven Revaskularisierungstherapie kann man allerdings aus zwei Studien gewinnen. Einer retrospektive Analyse an 6 000 Patienten (APPROACH-Studie) und die prospektiv randomisierte TIME-Studie, in die 300 Patienten eingeschlossen waren, untersuchten die optimale medikamentöse Therapie mit der invasiven Revaskularisierung bei älteren Patienten mit symptomatischer Angina pectoris. Die Daten der APPROACH-Studie zeigen auch bei älteren Patienten Vorteile einer invasiven Revaskularisierung (Katheterintervention [PCI] oder Bypass-OP [CABG]) im Vergleich zur medikamentösen Therapie. In der Gruppe der über 80-Jährigen lag die Überlebensrate nach vier Jahren in der Revaskularisierungsgruppe bei 77,4 % gegenüber 60,3 % in der medikamentösen Therapiegruppe. Interessanterweise war der Gewinn durch die invasive Revaskularisierung im höheren Alter größer als bei den unter 70-Jährigen. Die „number needed to treat“ (NNT) zur Verhinderung eines Todesfalls durch invasive Revaskularisierung gegenüber der medikamentösen Therapie betrug bei den < 70-Jährigen 33,1 in der PCI- und 23,4 in der CABG-Gruppe, während bei den > 80-Jährigen die NNT für die PCI-Gruppe bei 8,9 und für die CABG-Gruppe bei 5,9 lag. Die Autoren schlussfolgern: „Age alone should not be a deterrent to perform invasive revascularization“ (14).

Auch die Ergebnisse der randomisierten TIME-Studie sprechen für die Wichtigkeit der invasiven Revaskularisierung bei symptomatischen Patienten. Die Notwendigkeit zur erneuten Krankenhausaufnahme war nach Revaskularisierung signifikant niedriger, wenngleich das langfristige Überleben und die Lebensqualität nach 4,2 Jahren in der „intention-to-treat“-Analyse nicht unterschiedlich waren. Dabei ist jedoch zu erwähnen, dass im Langzeitverlauf 46 % der Patienten aus dem konservativen Arm einer invasiven Revaskularisierung zugeführt wurden und dadurch signifikant länger überlebten (15). Eine Revaskularisierung bei symptomatischen Patienten sollte man auch bei älteren Patienten unter Berücksichtigung der Risikokonstellation mit einem geeigneten Verfahren anstreben. Dies ist auch in der nationalen Versorgungsleitlinie koronare Herzerkrankung festgehalten (16).

Aortenklappenersatz bei älteren Patienten
In einer retrospektiven Kohortenstudie konnten Varadarajan et al. zeigen, dass auch bei Patienten jenseits des 80. Lebensjahres mit hochgradiger Aortenstenose durch eine Operation die Lebenserwartung erheblich gesteigert werden kann (17). Das kalendarische Alter allein darf daher kein Ausschlusskriterium für einen Aortenklappenersatz sein.

Für alte Patienten mit sehr hohem Operationsrisiko scheint ein Klappenersatz über einen transapikalen Zugang ohne Verwendung der Herz-Lungenmaschine eine gute Behandlungsalternative darzustellen. Derzeit vorliegende Ergebnisse von erfahrenen Zentren deuten darauf hin, dass gute funktionelle Ergebnisse bei akzeptabler Komplikationsrate erreicht werden können (18).

Lebensqualität nach herzchirurgischen Eingriffen
Die Akzeptanz einer Therapie hängt davon ab, ob die Patienten nach der Behandlung eine gute Lebensqualität erwarten können. Dies gilt vor allem für sehr invasive Verfahren bei Patienten im hohen Lebensalter. In den letzten Jahren beschäftigte sich eine zunehmende Anzahl von wissenschaftlichen Arbeiten mit den Aspekten der Lebensqualität nach herzchirurgischen Eingriffen. Zur Lebensqualität gehört die Rückkehr in das gewohnte Umfeld und das Wiedererlangen einer autonomen Lebensführung. Yager und Robinson stellen in einem Editorial im American Heart Journal in Kommentierung einer retrospektiven Analyse von Rady et al. kritische Fragen zur präoperativen Risikoaufklärung. Rady et al. berichteten in ihrer Originalarbeit mit dem bezeichnenden Titel „cardiac surgery for octogenarians: is it an informed decision?“ über eine hohe Rate an älteren Patienten, die nach der Operation zumindest zeitweise in einer Pflegeeinrichtung untergebracht werden mussten (19). Auch wenn dies von den wenigsten Studien bestätigt wird, muss man doch von einem Risiko für ältere Patienten ausgehen, ihre Selbstständigkeit und ihr gewohntes Umfeld nach der Operation zu verlieren. Damit werden folgende wichtige Fragen aufgeworfen:

- kann die Lebensqualität und Prognose durch die
Herzoperation entscheidend verbessert werden und
- kann der/die Patient/in nach dem ärztlichen Aufklärungsgespräch und abgewogener Darstellung aller Chancen und Risiken eine selbstbestimmte Entscheidung für oder gegen den Eingriff treffen?

Von ärztlicher Seite ist eine Indikationsstellung im Sinne des Patienten, jenseits der formalen Operationsbedürftigkeit, unter Berücksichtigung weiterer biologischer, psychologischer und emotionaler Faktoren notwendig, um den Patienten individuell beraten zu können. Dazu stehen uns derzeit neben der persönlichen Erfahrung des verantwortlichen Operateurs keine objektivierbaren Kriterien zur Verfügung. An dieser Stelle könnte eine zukünftige gemeinsame Forschung mit Altersmedizinern Parameter definieren, die eine Einschätzung des individuellen Potenzials erleichtern und damit die Voraussetzungen schaffen, noch bessere Ergebnisse bei Patienten im hohen Lebensalter zu erreichen.

Trotz aller Vorsicht, mit der die Ergebnisse der retrospektiven APPROACH-Studie interpretiert werden müssen, kann doch festgestellt werden, dass durch die chirurgische Revaskularisierung bei über 80-jährigen Patienten eine hervorragende Lebensqualität und vor allem eine hohe Behandlungszufriedenheit auch noch nach drei Jahren erreicht werden konnte (20).

Huber et al. analysierten die postoperative Lebensqualität bei 136 Patienten mit einem mittleren Alter von 82 Jahren (Grafik 2 gif ppt). Eine massive Verminderung der kardialen Symptomatik bei 93 % der Patienten, keine Beschwerden in den letzten vier Wochen bei 90 % und eine 94 %ige Behandlungszufriedenheit sprechen für die chirurgische Intervention (12).

Ausblick
Die bisherige Studienlage zeigt, dass auch ältere Patienten mit vertretbarem Letalitätsrisiko operiert werden können. Man benötigt jedoch Vergleichsstudien, die die spezifischen Risiken der älteren Patienten berücksichtigen (zum Beispiel Schlaganfall) und hierbei weniger invasive Operationsverfahren wie Chirurgie ohne Herz-Lungenmaschine (OPCAB, „off-pump coronary artery bypass surgery“) (21, 22) mit den konventionellen Verfahren vergleichen. Retrospektive Analysen konnten einen Vorteil der „off-pump“-Chirurgie bei älteren Patienten belegen (23). Es erscheint plausibel, bei Patienten mit hohem Risiko durch den Verzicht auf die Invasivität der Herz-Lungenmaschine und das Trauma der Ausklemmung der (verkalkten) Aorta ascendens die Rate an postoperativen Komplikationen zu senken (24). Hier erhoffen die Autoren Ergebnisse aus der angelaufenen GOPCABE-Studie, die in einem randomisierten Ansatz die Revaskularisierung ohne Herz-Lungenmaschine mit der konventionellen Technik bei Älteren vergleicht.

Bei sehr hohem Operationsrisiko sollte man auch eine Hybridrevaskularisierung in Erwägung ziehen. Dabei wird bei einer koronaren 3-Gefäßerkrankung der Ramus interventrikularis anterior in einem minimal-invasiven Verfahren mit der linken Arteria thoracica interna versorgt und in einem zweiten Schritt eine Stent-Implantation in weitere stenosierte Gefäße vorgenommen. Randomisierte Vergleichsdaten zu dieser Technik liegen noch nicht vor. Interessanterweise profitieren auch ältere Patienten bezüglich der Lebensprognose von einer Versorgung des Ramus interventricularis anterior mit der Arteria thoracica interna (25).

Zielrichtung künftiger Studien sollte sein, für den alten Patienten die optimale individuelle Therapie zu finden. Hierzu erscheint es notwendig, aus der Vielzahl der biologischen, psychologischen und emotionalen Faktoren diejenigen zu identifizieren, welche das postoperative Ergebnis wesentlich beeinflussen. Die Verbesserung der Versorgung herzchirurgischer Patienten im hohen Lebensalter kann nur durch die Verzahnung von Anästhesie, Kardiologie, Geriatrie und Herzchirurgie erreicht werden. Entscheidend ist eine individuelle Ausrichtung der Therapie. Generell muss man feststellen, dass der medizinische und finanzielle Aufwand für die herzchirurgische Behandlung älterer Menschen wesentlich höher ist. Die politische und ethische Entscheidung, allen Bevölkerungsschichten medizinisch sinnvolle und notwendige Behandlungen aus den Ressourcen der sozialen Sicherungssysteme zu garantieren, muss konsequenterweise diesem hohen Aufwand Rechnung tragen.

Interessenkonflikt
Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 2. 8. 2008, revidierte Fassung angenommen: 29. 1. 2009


Anschrift für die Verfasser
PD Dr. med. Ivar Friedrich
Klinik für Herz- und Thoraxchirurgie
Universitätsklinikum Halle
Ernst-Grube-Straße 40
06108 Halle
E-Mail: ivar.friedrich@medizin.uni-halle.de


Summary
Cardiac Surgery in the Elderly Patient
Background: As life expectancies rise and the number of persons over age 75 in the population increases, the proper treatment of elderly cardiac patients is becoming a matter of ever greater medical and political importance.
Methods: In collaboration with the German Federal Quality Assurance Office (Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung, BQS), the authors analyzed the risk profiles of elderly patients by means of data sets from all cardiac surgical centers in Germany for the year 2007. The results regarding risk distribution and the morbidity and lethality statistics for isolated coronary surgery were derived from the complete, nationwide BQS data pool, containing information on a total of 47 881 operations. Data on quality of life and long-term survival were obtained from a selective literature search using Medline.
Results: Compared to patients under age 65, those over age 75 have significantly more prognosis-determining comorbidities and risk factors. Accordingly, complication rates and lethality are higher in the latter age group (for example, there is a 4.3-fold relative risk elevation for renal dysfunction, a 3.0-fold elevation for neurological complications, and 3.7-fold elevation for in-hospital lethality). The patient's chronological age is a risk factor for lethality and morbidity after coronary surgical procedures.
Conclusions: The lethality risk of a bypass operation can be predicted very accurately with the aid of modern scoring systems. Successful cardiac surgical procedures can return the patient to a normal life expectancy and quality of life for his or her age group.
Dtsch Arztebl Int 2009; 106(25): 416–22
DOI: 10.3238/arztebl.2009.0416
Key words: demographic trends, life expectancy, coronary heart disease, cardiac surgery, health economics
1.
Dakik HA, Skouri HN, Mehio-Sibai A et al.: Prevalence of coronary artery calcium among asymptomatic men and women in a developing country: comparison with the USA data. Atherosclerosis 2005; 183: 141–5. MEDLINE
2.
Bruckenberger E: 20 Herzbericht 2007: http://www.bruckenberger.de
3.
Trummer G, Beyersdorf F: Heart surgery in the elderly. Dtsch Med Wochenschr 2005; 130: 731–4.
4.
Alexander KP, Anstrom KJ, Muhlbaier LH et al.: Outcomes of cardiac surgery in patients > or = 80 years: results from the National Cardiovascular Network. J Am Coll Cardiol 2000; 35: 731–8. MEDLINE
5.
Baskett R, Buth K, Ghali W et al.: Outcomes in octogenarians undergoing coronary artery bypass grafting. Cmaj 2005; 172: 1183–6. MEDLINE
6.
BQS, Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung gGmbH 2008: Risikoadjustierung der In-Hospital-Letalität mit dem logistischen KCH-SCORE 2.0. http://www.bqs-outcome.de/2007/ergebnisse/leistungsbereiche/koronarchirurgie/buaw/risikoadjustierung
7.
Stoica S, Cafferty F, Kitcat J et al.: Octogenarians undergoing cardiac surgery outlive their peers—a case for early referral. Heart 2006; 92 (4): 503–6. MEDLINE
8.
Johnson WM, Smith JM, Woods SE, Hendy MP, Hiratzka LF: Cardiac surgery in octogenarians: does age alone influence outcomes? Arch Surg 2005; 140: 1089–93. MEDLINE
9.
Roques F, Nashef SA, Michel P et al.: Risk factors and outcome in European cardiac surgery: analysis of the EuroSCORE multinational database of 19 030 patients. Eur J Cardiothorac Surg 1999; 15: 816–22; discussion 22–3. MEDLINE
10.
Mehta RH, Eagle KA, Coombs LP et al.: Influence of age on outcomes in patients undergoing mitral valve replacement. Ann Thorac Surg 2002; 74: 1459–67. MEDLINE
11.
Schmidtler FW, Tischler I, Lieber M et al.: Cardiac surgery for octogenarians – a suitable procedure? Twelve-year operative and post-hospital mortality in 641 patients over 80 years of age. Thorac Cardiovasc Surg 2008; 56: 14–9. MEDLINE
12.
Huber CH, Goeber V, Berdat P, Carrel T, Eckstein F: Benefits of cardiac surgery in octogenarians—a postoperative quality of life assessment. Eur J Cardiothorac Surg 2007; 31: 1099–105. MEDLINE
13.
DiGregorio V, Zehr KJ, Orszulak TA et al.: Results of mitral surgery in octogenarians with isolated nonrheumatic mitral regurgitation. Ann Thorac Surg 2004; 78: 807–13; discussion 13–4. MEDLINE
14.
Pfisterer M: Long-term outcome in elderly patients with chronic angina managed invasively versus by optimized medical therapy: four-year follow-up of the randomized Trial of Invasive versus Medical therapy in Elderly patients (TIME). Circulation 2004; 110: 1213–8. MEDLINE
15.
Graham MM, Ghali WA, Faris PD, Galbraith PD, Norris CM, Knudtson ML: Survival after coronary revascularization in the elderly. Circulation 2002; 105: 2378–84. MEDLINE
16.
Ollenschläger G, Lelgemann M, Kopp I: The German Program for Disease Management Guidelines: CHD Guideline 2006. Med Klin 2006; 101: 993–8.
17.
Varadarajan P, Kapoor N, Bansal RC, Pai RG: Survival in elderly patients with severe aortic stenosis is dramatically improved by aortic valve replacement: results from a cohort of 277 patients aged > or = 80 years. Eur J Cardiothorac Surg 2006; 30: 722–7. MEDLINE
18.
Walther T, Simon P, Dewey T et al.: Transapical minimally invasive aortic valve implantation: multicenter experience. Circulation 2007; 116(11 Suppl): 240–5. MEDLINE
19.
Yager JE, Peterson ED: Cardiac surgery in octogenarians: have we gone too far ... or not far enough? Am Heart J 2004; 147: 187–9. MEDLINE
20.
Graham MM, Norris CM, Galbraith PD, Knudtson ML, Ghali WA: Quality of life after coronary revascularization in the elderly. Eur Heart J 2006; 27: 1690–8. MEDLINE
21.
Hake U, Dahm M, Böning A, Massoudy P, Schmitz C, Tzanova I: Koronaroperationen ohne Herz-Lungen-Maschine. Dtsch Arztebl 2007; 104(30): 2127–32. VOLLTEXT
22.
Klotz S, Scheld H: Moderne Verfahren in der operativen Myokardrevaskularisierung. Dtsch Arztebl 2007; 104(48): 3334–9. VOLLTEXT
23.
Demaria RG, Carrier M, Fortier S et al.: Reduced mortality and strokes with off-pump coronary artery bypass grafting surgery in octogenarians. Circulation 2002; 106(12 Suppl 1): 5–10. MEDLINE
24.
Bolotin G, Shapira Y, Gotler Y et al.: The potential advantage of „no-touch“ aortic technique in off-pump complete arterial revascularization. Int J Cardiol 2007; 114: 11–5. MEDLINE
25.
Moon MR, Sundt TM, Pasque MK, Barner HB, Gay WA Jr, Damiano RJ Jr: Influence of internal mammary artery grafting and completeness of revascularization on long-term outcome in octogenarians. Ann Thorac Surg 2001; 72: 2003–7. MEDLINE
Klinik für Herz- und Thoraxchirurgie, Universitätsklinikum Halle: PD Dr. med. Friedrich, PD Dr. med. Simm, Prof. Dr. med. Silber
BQS Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung gGmbH, Düsseldorf: Kötting, Dr. med. Thölen, Fischer
1. Dakik HA, Skouri HN, Mehio-Sibai A et al.: Prevalence of coronary artery calcium among asymptomatic men and women in a developing country: comparison with the USA data. Atherosclerosis 2005; 183: 141–5. MEDLINE
2. Bruckenberger E: 20 Herzbericht 2007: http://www.bruckenberger.de
3. Trummer G, Beyersdorf F: Heart surgery in the elderly. Dtsch Med Wochenschr 2005; 130: 731–4.
4. Alexander KP, Anstrom KJ, Muhlbaier LH et al.: Outcomes of cardiac surgery in patients > or = 80 years: results from the National Cardiovascular Network. J Am Coll Cardiol 2000; 35: 731–8. MEDLINE
5. Baskett R, Buth K, Ghali W et al.: Outcomes in octogenarians undergoing coronary artery bypass grafting. Cmaj 2005; 172: 1183–6. MEDLINE
6. BQS, Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung gGmbH 2008: Risikoadjustierung der In-Hospital-Letalität mit dem logistischen KCH-SCORE 2.0. http://www.bqs-outcome.de/2007/ergebnisse/leistungsbereiche/koronarchirurgie/buaw/risikoadjustierung
7. Stoica S, Cafferty F, Kitcat J et al.: Octogenarians undergoing cardiac surgery outlive their peers—a case for early referral. Heart 2006; 92 (4): 503–6. MEDLINE
8. Johnson WM, Smith JM, Woods SE, Hendy MP, Hiratzka LF: Cardiac surgery in octogenarians: does age alone influence outcomes? Arch Surg 2005; 140: 1089–93. MEDLINE
9. Roques F, Nashef SA, Michel P et al.: Risk factors and outcome in European cardiac surgery: analysis of the EuroSCORE multinational database of 19 030 patients. Eur J Cardiothorac Surg 1999; 15: 816–22; discussion 22–3. MEDLINE
10. Mehta RH, Eagle KA, Coombs LP et al.: Influence of age on outcomes in patients undergoing mitral valve replacement. Ann Thorac Surg 2002; 74: 1459–67. MEDLINE
11. Schmidtler FW, Tischler I, Lieber M et al.: Cardiac surgery for octogenarians – a suitable procedure? Twelve-year operative and post-hospital mortality in 641 patients over 80 years of age. Thorac Cardiovasc Surg 2008; 56: 14–9. MEDLINE
12. Huber CH, Goeber V, Berdat P, Carrel T, Eckstein F: Benefits of cardiac surgery in octogenarians—a postoperative quality of life assessment. Eur J Cardiothorac Surg 2007; 31: 1099–105. MEDLINE
13. DiGregorio V, Zehr KJ, Orszulak TA et al.: Results of mitral surgery in octogenarians with isolated nonrheumatic mitral regurgitation. Ann Thorac Surg 2004; 78: 807–13; discussion 13–4. MEDLINE
14. Pfisterer M: Long-term outcome in elderly patients with chronic angina managed invasively versus by optimized medical therapy: four-year follow-up of the randomized Trial of Invasive versus Medical therapy in Elderly patients (TIME). Circulation 2004; 110: 1213–8. MEDLINE
15. Graham MM, Ghali WA, Faris PD, Galbraith PD, Norris CM, Knudtson ML: Survival after coronary revascularization in the elderly. Circulation 2002; 105: 2378–84. MEDLINE
16. Ollenschläger G, Lelgemann M, Kopp I: The German Program for Disease Management Guidelines: CHD Guideline 2006. Med Klin 2006; 101: 993–8.
17. Varadarajan P, Kapoor N, Bansal RC, Pai RG: Survival in elderly patients with severe aortic stenosis is dramatically improved by aortic valve replacement: results from a cohort of 277 patients aged > or = 80 years. Eur J Cardiothorac Surg 2006; 30: 722–7. MEDLINE
18. Walther T, Simon P, Dewey T et al.: Transapical minimally invasive aortic valve implantation: multicenter experience. Circulation 2007; 116(11 Suppl): 240–5. MEDLINE
19. Yager JE, Peterson ED: Cardiac surgery in octogenarians: have we gone too far ... or not far enough? Am Heart J 2004; 147: 187–9. MEDLINE
20. Graham MM, Norris CM, Galbraith PD, Knudtson ML, Ghali WA: Quality of life after coronary revascularization in the elderly. Eur Heart J 2006; 27: 1690–8. MEDLINE
21. Hake U, Dahm M, Böning A, Massoudy P, Schmitz C, Tzanova I: Koronaroperationen ohne Herz-Lungen-Maschine. Dtsch Arztebl 2007; 104(30): 2127–32. VOLLTEXT
22. Klotz S, Scheld H: Moderne Verfahren in der operativen Myokardrevaskularisierung. Dtsch Arztebl 2007; 104(48): 3334–9. VOLLTEXT
23. Demaria RG, Carrier M, Fortier S et al.: Reduced mortality and strokes with off-pump coronary artery bypass grafting surgery in octogenarians. Circulation 2002; 106(12 Suppl 1): 5–10. MEDLINE
24. Bolotin G, Shapira Y, Gotler Y et al.: The potential advantage of „no-touch“ aortic technique in off-pump complete arterial revascularization. Int J Cardiol 2007; 114: 11–5. MEDLINE
25. Moon MR, Sundt TM, Pasque MK, Barner HB, Gay WA Jr, Damiano RJ Jr: Influence of internal mammary artery grafting and completeness of revascularization on long-term outcome in octogenarians. Ann Thorac Surg 2001; 72: 2003–7. MEDLINE

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema