ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2009Zitate zählen – auch in der Publikumspresse
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LNSLNS Deutsche Wissenschaftsjournalisten zitieren keineswegs nur englischsprachige Fachzeitschriften: Eine Auswertung der Zitatgewohnheiten von FAZ, Spiegel, SZ, Welt und Zeit

Zitate regieren die Welt – zumindest die Welt der akademischen Medizin. Wegen der Bedeutung des Impact-Faktors sind medizinische Journale darauf angewiesen, möglichst oft in anderen Fachzeitschriften zitiert zu werden. Dies gilt auch für das Deutsche Ärzteblatt, das nach der Aufnahme seiner internationalen Ausgabe in den Science Citation Index im vergangenen Jahr seinen ersten Impact-Faktor für 2011 erwartet (1).

In dieser Situation kann aus dem Blick geraten, dass auch Zitate in der Publikumspresse für Fachzeitschriften wichtig sind: Selbst wenn sie nicht zu einer Erhöhung des Impact-Faktors führt, gibt die Erwähnung in allgemeinen Medien Hinweise auf die Bedeutung medizinischer Zeitschriften für die Öffentlichkeit. An der Berücksichtigung deutschsprachiger Zeitschriften kann man auch ablesen, wie sehr das Vorurteil berechtigt ist, die Medizin sei vollständig anglifiziert. Haben tatsächlich nur noch englischsprachige Zeitschriften Gewicht für die Recherche von Medizinjournalisten?

Vor diesem Hintergund haben wir erhoben, wie oft meinungsführende deutsche Publikumsmedien während der letzten acht Jahre wichtige deutsch- und englischsprachige medizinische Fachzeitschriften erwähnt haben. Ausgewählt wurden sechs Fachjournale, die wegen ihres generalisierten medizinischen Schwerpunktes und ihrer wöchentlichen Erscheinungsweise strukturell ähnlich sind: New England Journal of Medicine, JAMA, British Medical Journal, Deutsche Medizinische Wochenschrift, Münchener Medizinische Wochenschrift und Deutsches Ärzteblatt (zu den Details der Methodik siehe Kasten gif ppt).

Ergebnisse der Erhebung
Insgesamt haben zwischen 2001 und 2008 die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Süddeutsche Zeitung, Die Welt, Der Spiegel und Die Zeit wissenschaftliche Inhalte der sechs untersuchten Fachzeitschriften 1573-mal zitiert. Davon entfielen rund 85 Prozent (n = 1343) auf die drei englischsprachigen Zeitschriften und 15 Prozent (n = 230) auf die Deutsche Medizinische Wochenschrift, die Münchener Medizinische Wochenschrift und auf das Deutsche Ärzteblatt. Das New England Journal of Medicine wurde mit Abstand am häufigsten genannt (n = 636), während JAMA und British Medical Journal etwa gleich oft Erwähnung fanden (JAMA: n = 362, BMJ: n = 351). Für die deutschen Journale liegen die Zitatzahlen bei 114 für das Deutsche Ärzteblatt (nur Zitate wissenschaftlicher Artikel), bei 77 für die Deutsche Medizinische Wochenschrift und für die Münchener Medizinische Wochenschrift bei 33. In einer gesonderten Auswertung ergab sich, dass der journalistische Teil des Deutschen Ärzteblattes – in dem auch die medizinjournalistischen Beiträge erscheinen – zusätzlich 79-mal als Quelle genannt worden war.

Im Verlauf der letzten acht Jahre variierten Zahl und Anteil der Verweise auf deutschsprachige Zeitschriften stark (Grafik 1 gif ppt). Der Anteil schwankte zwischen 7 und 26 Prozent und nahm in den letzten Jahren zu. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die Deutsche Medizinische Wochenschrift und das Deutsche Ärzteblatt zuletzt häufiger zitiert wurden (für das Deutsche Ärzteblatt etwa lauten die absoluten Zahlen: 2001:

12 Zitate; 2002: 14; 2003: 13; 2004: 7; 2005: 8; 2006: 14; 2007: 21; 2008: 25). Bei den Inhalten, auf die aus dem Deutschen Ärzteblatt zugegriffen wurde, handelte es sich sehr oft um Originalarbeiten.

Es fällt auf, dass die Tageszeitungen häufiger Fachzeitschriften nennen als Wochenblätter wie Spiegel und Zeit (Grafik 2 gif ppt). Einige Medien haben über die Jahre eine konstant hohe (Süddeutsche Zeitung) oder niedrige (Spiegel, Zeit) Zitatzahl. Demgegenüber ergaben sich bei Welt und FAZ Verschiebungen: Während sich die Zitate in der Welt mehr als verfünffachten, erwähnte die FAZ in den letzten Jahren generell weniger medizinische Fachzeitschriften als zu Beginn der Dekade. Über den gesamten Zeitraum hat jedoch die FAZ am häufigsten aus den sechs untersuchten Zeitschriften berichtet (n = 606). Mit 57 bis 70 Nennungen, bezogen auf alle sechs Journale, lagen 2008 die Zahlen der drei Tageszeitungen nahe beieinander.

Die Erhebung zeigt den großen Anteil englischsprachiger Journale an allen wissenschaftlichen Referenzen in der Publikumspresse – besonders, weil die ausgewählten Zeitschriften nur einen Teil der einflussreichen Periodika aus dem angloamerikanischen Raum repräsentieren. Allerdings spielen auch deutschsprachige wissenschaftliche Quellen eine wichtige Rolle, in den letzten Jahren sogar verstärkt. Hiermit bestätigt sich, dass es einerseits einen Kern wichtiger englischer Zeitschriften gibt, der für die Diskussion in der internationalen Medizin maßgeblich ist, dass aber in der Muttersprache abgefasste Zeitschriften nicht nur für das nationale Fachpublikum, sondern auch für die breite Öffentlichkeit im Heimatland eine Bedeutung haben (2).

Aus dieser rein quantitativen Auswertung lässt sich nicht auf die Qualität des Wissenschaftsjournalismus schließen. Eine hohe Zahl an Zitaten wissenschaftlicher Fachzeitschriften bedeutet nicht automatisch eine höhere Qualität. Strukturelle Faktoren dürften eine Rolle spielen: So hat die Zahl der Wissenschaftsseiten in der FAZ seit einigen Jahren abgenommen. Spiegel und Zeit produzieren als Wochenblätter weniger der zitatreichen tagesaktuellen Nachrichten und dafür anteilig mehr Hintergrundberichte. Auch umgekehrt – für die Bewertung der Fachzeitschriften – ergibt sich keine einfache Beziehung zwischen Häufigkeit der Erwähnung und wissenschaftlicher Bedeutung. Hier könnten auch andere Faktoren, wie das Prestige, die Zahl der Artikel oder die Themen einer Zeitschrift, entscheidend sein. In der Tat entstand während der Erhebung der Eindruck, dass selbst so seriöse Presseorgane wie die hier untersuchten in ihrer Themenauswahl nicht immer nur nach den Kriterien medizinischer Relevanz entscheiden. Dies war allerdings nicht Gegenstand unserer Analyse. Für Großbritannien liegt jedoch eine entsprechende Studie vor: Bartlett et al. untersuchten, welche der Originalarbeiten, die BMJ und Lancet 1999 und 2000 veröffentlicht hatten, von der seriösen Times und der Boulevardzeitung Sun aufgenommen worden waren (3). Insgesamt berichteten die Tageszeitungen über 7 Prozent aller 1193 Artikel, wobei überproportional häufig Beobachtungsstudien ausgesucht worden waren und weniger randomisierte kontrollierte Studien. Die Journalisten wählten signifikant mehr negative Nachrichten aus. Thematisch waren Arbeiten über Frauengesundheit, Reproduktionsmedizin und Krebs besonders oft vertreten, während Arbeiten von außerhalb Großbritanniens selten berücksichtigt worden waren. Die Times hatte im Vergleich zur Sun mehr als dreimal so viele Artikel aus Lancet und BMJ aufgenommen. Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass Journalisten keineswegs nur nach Wichtigkeit auswählen, sondern dass in ihrem Alltag auch andere Erwägungen eine Rolle spielen (4).

Beeinflusst die Erwähnung eines wissenschaftlichen Artikels in der Publikumspresse die Zitate in medizinischen Zeitschriften? Tatsächlich wurden Arbeiten aus dem New England Journal of Medicine, über die die New York Times berichtet hatte, häufiger zitiert als journalistisch nicht aufgegriffene Vergleichspublikationen aus dem gleichen Journal (5). Wie Phillips und Koautoren in ihrer Studie aus dem Jahre 1991 zeigten, lag dies aber nicht an der Qualität der für die Berichterstattung ausgewählten Artikel: Als ihre Zeitung für drei Monate bestreikt wurde, hatten die Journalisten dennoch jeden Tag eine Ausgabe erstellen müssen und über die Veröffentlichungen des New England Journal of Medicine geschrieben – ihre Artikel waren nur nicht gedruckt worden. Ohne die Unterstützung durch die New York Times kam es nicht zu einer verstärkten Zitierung dieser wissenschaftlichen Arbeiten. Ob ein solcher Effekt auch im deutschen Sprachraum nachweisbar wäre, muss offen bleiben. Es erscheint jedoch nicht sehr wahrscheinlich, denn es existiert in der Bundesrepublik keine so flächendeckend von Akademikern wahrgenommene Zeitung, wie es die New York Times in den USA ist. Um den gleichen Effekt in Deutschland zu erzielen, wäre also eine Zitierung in verschiedenen Printmedien notwendig. Dies ist nach unseren Erfahrungen während der vorliegenden Erhebung bei Artikeln aus deutschen Fachzeitschriften jedoch sehr selten.

Dennoch ist es erfreulich, dass deutschsprachige Zeitschriften von den großen Wissenschaftsredaktionen durchaus wahrgenommen werden. Auch die zunehmende Würdigung des Deutschen Ärzteblattes als wissenschaftliches Organ ist der Redaktion ein Ansporn für die weitere Arbeit.

Interessenkonflikt
PD Dr. Baethge leitet die Medizinisch-Wissenschaftliche Redaktion des Deutschen Ärzteblattes. Melanie Engels ist Mitarbeiterin der Medizinisch-Wissenschaftlichen Redaktion des Deutschen Ärzteblattes.


Anschrift für die Verfasser
PD Dr. med. Christopher Baethge
Leiter der Medizinisch-Wissenschaftlichen Redaktion
E-Mail: baethge@aerzteblatt.de

Counting Medical Journal Citations in the Lay Press

Dtsch Arztebl Int 2009; 106(25): 413–5
DOI: 10.3238/arztebl.2009.0413

The English version of this article is available online:
www.aerzteblatt-international.de
1.
Baethge C: Welcome to the club—Deutsches Ärzteblatt International is now included in Medline and will receive an impact factor. [Willkommen im Club – Deutsches Ärzteblatt International wird in Medline aufgenommen und erhält Impact-Faktor]. Dtsch Arztebl Int 2009; 106: 1. VOLLTEXT
2.
Baethge C: The languages of medicine [Die Sprachen der Medizin]. Dtsch Arztebl Int 2008; 105: 37–40. VOLLTEXT
3.
Bartlett C, Sterne J, Egger M: What is newsworthy? Longitudinal study of the reporting of medical research in two British newspapers. BMJ 2002; 325: 81–4. MEDLINE
4.
Smith R: Medical journals and the mass media: moving from love and hate to love. J R Soc Med 2006; 99: 347–52. MEDLINE
5.
Phillips DP, Kanter EJ, Bednarczyk B, Tastad PL: Importance of the lay press in the transmission of medical knowledge to the scientific community. N Engl J Med 1991; 325: 1180–3. MEDLINE
1. Baethge C: Welcome to the club—Deutsches Ärzteblatt International is now included in Medline and will receive an impact factor. [Willkommen im Club – Deutsches Ärzteblatt International wird in Medline aufgenommen und erhält Impact-Faktor]. Dtsch Arztebl Int 2009; 106: 1. VOLLTEXT
2. Baethge C: The languages of medicine [Die Sprachen der Medizin]. Dtsch Arztebl Int 2008; 105: 37–40. VOLLTEXT
3. Bartlett C, Sterne J, Egger M: What is newsworthy? Longitudinal study of the reporting of medical research in two British newspapers. BMJ 2002; 325: 81–4. MEDLINE
4. Smith R: Medical journals and the mass media: moving from love and hate to love. J R Soc Med 2006; 99: 347–52. MEDLINE
5. Phillips DP, Kanter EJ, Bednarczyk B, Tastad PL: Importance of the lay press in the transmission of medical knowledge to the scientific community. N Engl J Med 1991; 325: 1180–3. MEDLINE

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