ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2009Von schräg unten: Überflüssig

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Überflüssig

Böhmeke, Thomas

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Wenn ich morgens auf dem Weg zur Arbeit in mein altes Auto steige, muss ich an große Politik denken. Die klappernden Türen, der matte Lack gemahnen mich zur vorzeitigen, vom Konjunkturpaket II geförderten Verschrottung dieses ansonsten zuverlässigen Fahrzeugs. Ich bin ja auch schon in die Jahre gekommen, und so beginne ich, die mich seit Berufsbeginn begleitende Drohung, dass niedergelassene Fachärzte besser aussterben sollten, zu Herzen zu nehmen. „Ihr seid zu viele! Und viel zu teuer“, so rief mir kürzlich Professor Lauterbach sinngemäß zu und ließ keinen Zweifel daran, dass er in Praxen tätige Fachärzte gerne verschrotten würde. Wenn es nach ihm ginge, müsste ich mich bestenfalls in einem Medizinischen Versorgungszentrum verdingen und statt Patienten nur noch Statistiken versorgen. Immer unter der vollen Kontrolle von Professor Lauterbach, versteht sich.

Sind wir wirklich so überflüssig wie die besagte Struma?, so frage ich mich selbstkritisch und mache unverzüglich eine Umfrage, um die Dinge zu klären. Zuerst bitte ich einen Patienten um seine Meinung. „Was? Keine niedergelassenen Fachärzte mehr? Nur noch Versorgungszentren? Das Experiment hatten wir doch schon; einmal die Woche kam der Arzt, 200 Leute standen an, bis um fünf Uhr hatte er 20 behandelt, und die übrigen mussten sich nächste Woche wieder anstellen!“ Die Medizinische Fachangestellte kommt herein, sie muss sich ebenfalls äußern. „Überflüssig? Der Terminkalender ist auf Monate ausgelastet, außerdem haben wir heute noch fünf Notfälle, wir müssen zügig arbeiten!“ Aber dazwischen ist noch Zeit, einen Allgemeinmediziner mit der oben angeführten Frage zu belästigen. „Meine Aufgabe ist es, von den hundert Patienten, die täglich in meine Praxis strömen, die zehn Kranken herauszufinden. Einen schicke ich in das Krankenhaus, einige behandele ich selbst, die übrigen schicke ich zu Ihnen.“ Ich rufe nun einen befreundeten Facharzt an. „Wenn man alle neuen Erkenntnisse umsetzen will, wird die Arbeit immer mehr. Ob sie im Krankenhaus oder der Praxis zu leisten ist, bestimmt letztendlich die Politik. Ich kann mir aber nicht vorstellen, mit einer Motivation made by Lauterbach die Versorgung im heutigen Maß aufrechtzuerhalten.“ Quasi als Kronzeugen kontaktiere ich den Oberarzt eines großen Krankenhauses. „Na klar sind niedergelassene Fachärzte überflüssig! Schließlich stellen die nur obskure Diagnosen, verschreiben unnützes Zeugs und spielen mit teuren Maschinen, von denen sie nichts verstehen!“ Ich atme tief durch und muss erkennen: Professor Lauterbach hat doch Recht. „Herr Böhmeke, wo ist Ihr Humor geblieben? Das war ein Scherz! Wenn alle Patienten einfach im Krankenhaus auftauchen, brechen wir auf der Stelle zusammen!“

Diese, zugegebenermaßen nicht repräsentative Umfrage lässt mich nun ruhiger schlafen. Außerdem meint es Herr Professor Lauterbach nicht wirklich ernst: Eine Abwrackprämie hat er uns noch nicht offeriert.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.
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