ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2009Qualitätsorientierte Vergütung: Zusätzliches Geld für mehr Qualität bewirkt keine Wunder

POLITIK

Qualitätsorientierte Vergütung: Zusätzliches Geld für mehr Qualität bewirkt keine Wunder

Rieser, Sabine

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS „Pay for performance“, das legen Erfahrungen im Ausland nahe, kann ein Mosaikstein für eine bessere Patientenversorgung sein. Ein Wundermittel sei ein solcher Ansatz einer qualitätsorientierten Vergütung aber nicht, stellten Fachleute unlängst fest.

Wir müssen uns in Deutschland die Frage stellen, ob neben der Weiterentwicklung der Qualitätssicherung nicht zusätzliche finanzielle Anreize für eine bessere Leistungsqualität sinnvoll und notwendig sind.“ Das sagte Staatssekretär Dr. Klaus-Theo Schröder Anfang Mai bei der Eröffnung des Symposiums „Qualitätsorientierte Vergütung in der Gesundheitsversorgung“ im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium. Das bedeute aber nicht, ergänzte Schröder, dass die bloße Einhaltung von Qualitätsstandards ein Zusatzentgelt begründen könne. Für ein Mehr an Vergütung müsse auch ein Mehr an Qualität oder ein wesentlicher Qualitätsfortschritt belegt werden.

Notwendig: sehr gute EDV
Zu denen, die Schröders Frage für sich bereits positiv beantwortet haben, gehört Prof. Dr. med. Matthias Schrappe, Universität Frankfurt/ Main. „Wir finanzieren immer noch eher Menge als Qualität“, kritisierte Schrappe. Nach seiner Analyse legt eine Auswertung von 28 Studien einen positiven Effekt qualitätsorientierter Vergütung, auch „pay for performance“ (P4P) genannt, nahe. Wenn man diese Art der Bezahlung anwenden wolle, müsse man allerdings Fehlanreize möglichst ausschließen. Außerdem benötige man eine solide Datenbasis und damit eine entsprechende EDV-Ausstattung bei den Adressaten.

Ähnlich ausgewogen äußerte sich Priv-Doz. Dr. Markus Lüngen, Universität zu Köln. Er verwies darauf, dass es bereits P4P-Ansätze bei den stationären Fallpauschalen gebe. So würden beispielsweise bestimmte vermeidbare Komplikationen nicht mehr bezahlt. Es bedürfe allerdings noch zahlreicher Studien, um zu ermitteln, wie qualitätsorientierte Vergütungsanreize überhaupt wirkten. Doch nicht nur das: Auf P4P könne man im Grunde erst setzen, wenn man hierzulande Fortschritte bei der sektorenübergreifenden Versorgung und Qualitätssicherung gemacht habe, so Lüngen.

Kein Druckmittel, sondern ein Angebot soll mittelfristig der Pay-for-performance-Ansatz der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) werden. KBV-Referentin Dr. med. Susanne Kleudgen stellte das Projekt AQUIK – Ambulante Qualitätsindikatoren und Kennzahlen vor (siehe auch „KBV will Qualität besser vergleichbar machen“ in diesem Heft). „Wir müssen die EDV-Architektur verbessern“, räumte auch Kleudgen ein. Dabei gehe es nicht nur um die EDV-Ausstattung der Praxen, sondern auch darum, Daten im Idealfall so zu speichern, dass man sie möglichst „auf Knopfdruck“ zur Qualitätsmessung abrufen könne.

Der Blick ins Ausland hilft bei P4P nur begrenzt. Das verdeutlichte der Vortrag von Dr. Stephen Campbell, University of Manchester, der über Erfahrungen damit bei der Neuordnung der hausärztlichen Vergütung in Großbritannien referierte. Während hierzulande die Erwartung vorherrscht, dass sich qualitätsorientierte Vergütungsanreize durch Einsparungen gegenfinanzieren, wurden in Großbritannien dafür drei Jahre lang zusätzlich 1,8 Milliarden Pfund zur Verfügung gestellt. Ziel war es vor allem, die Versorgung chronisch kranker Patienten zu verbessern. Bei nachgewiesenem Erfolg sollte sich zugleich das Einkommen der Hausärzte durch die Erfolgsprämien erhöhen.

England: erfolgreiches Projekt
Nach Angaben von Campbell hat das Gros der Hausärzte die geforderten Qualitätsanforderungen rasch erfüllt. Allerdings ließen sich auch in den zurückliegenden Jahren bereits kontinuierliche Qualitätsverbesserungen feststellen, betonte er. Für die Zukunft müsse es darum gehen, die Ursachen von Qualitätsunterschieden herauszufinden, meinte Campbell. Nur so erhalte man Hinweise, wie man den begonnenen Weg fortsetzen solle.

Auch in den USA sind Prof. Dr. Meredith B. Rosenthal, Harvard, zufolge P4P-Ansätze etabliert. Den Anstoß gab im Jahr 2001 eine Studie, die erhebliche Mängel und Unterschiede in der Versorgungsqualität benannte. Mittlerweile arbeiten mehr als die Hälfte der Health Maintenance Organizations in den USA mit qualitätsorientierten Vergütungsansätzen. Für einzelne Ärzte lägen die Boni zwischen fünf und zehn Prozent, für Kliniken zwischen ein und zwei Prozent, berichtete Rosenthal. Nach ihrer Analyse hat P4P in einigen Fällen große Einsparungen, in anderen kaum etwas bewirkt. Wirklich belastbare Studien gebe nur wenige. Doch P4P werde in Zukunft sicher eine noch größere Rolle spielen, legte Rosenthal nahe: Es sei die logische Fortentwicklung der Qualitätsmessung.
Sabine Rieser

Weitere Informationen zum Thema:
www.aerzteblatt.de/091284
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema