ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2009Demenzerkrankungen: Alle Ärzte sind gefragt

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Demenzerkrankungen: Alle Ärzte sind gefragt

Hibbeler, Birgit

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Die „Nebendiagnose Demenz“ kommt im Krankenhaus immer häufiger vor. Der alte Patient wird zum Normalfall. Foto: superbild
Die „Nebendiagnose Demenz“ kommt im Krankenhaus immer häufiger vor. Der alte Patient wird zum Normalfall. Foto: superbild
Die Zahl der demenzkranken Patienten wird in den kommenden Jahren deutlich steigen. Krankenhäuser und Arztpraxen sind darauf bislang kaum vorbereitet.

Die Prognosen sind nicht neu: Im Jahr 2050 werden in Deutschland mehr als zweieinhalb Millionen Menschen an einer Demenzerkrankung leiden. Auch wenn solche Vorhersagen noch weit weg erscheinen – auf Krankenhäuser und Praxen wird sich diese Entwicklung spürbar auswirken. Zum Teil ist sie schon heute bemerkbar. „Demenz ist ein Thema für alle Ärztinnen und Ärzte – und ein Thema, das politische Bedeutung hat“, stellte Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Bundes­ärzte­kammer und der Ärztekammer Nordrhein, beim Kammerkolloquium „Demenzkranke Patienten in Praxis und Krankenhaus“ Anfang Juni in Düsseldorf klar. Wichtig sei es, die Forschung zu verstärken. An dem Thema Demenz zeige sich aber auch, dass es in Deutschland bereits eine stille Rationierung gebe.

In den kommenden Jahren wird sich die Altersstruktur der Krankenhauspatienten dramatisch verändern – bedingt durch den demografischen Wandel, aber auch weil jüngere Patienten immer häufiger ambulant behandelt werden. Schon heute sei etwa die Hälfte der Klinikpatienten älter als 60 Jahre, erläuterte die Soziologin, Dr. phil. Susanne Angerhausen, Wuppertal. Im Jahr 2050 würden voraussichtlich die 80- bis 84-Jährigen die größte Gruppe stellen. Entsprechend werde auch die Zahl der demenzkranken Krankenhauspatienten steigen.

Großer Fortbildungsbedarf
Diese Entwicklung ist im Bewusstsein von Ärzten und Krankenhausträgern noch nicht angekommen. Dabei, so Angerhausen, habe die „Nebendiagnose Demenz“ großen Einfluss auf den Behandlungserfolg. Operationen, Änderungen der Medikation, Infekte, aber auch schon der Umgebungswechsel könnten bei Demenzkranken ein Delir auslösen. Folge könne der Verlust von Selbstständigkeit sein. Deshalb sei es wichtig, die Mitarbeiter in den Krankenhäusern zum Thema Demenz fortzubilden. Außerdem wies Angerhausen darauf hin, dass die zunehmende Standardisierung und Spezialisierung nicht den Bedürfnissen multimorbider Patienten entspreche. „Wir müssen die Bausteine des Gesundheitswesens wieder zusammenführen“, forderte sie.

Auch in der ambulanten Versorgung ist es wichtig, dass alle Disziplinen und Berufsgruppen an einem Strang ziehen. Daher plädierte Dr. med. Stefan Wilm, Köln, dafür, das Zusammenspiel an den Nahtstellen zwischen Arzt, Pflegedienst und Heim sowie mit den Anghörigen zu verbessern. „Da gibt es noch reichlich Kooperations- und Kommunikationsprobleme“, sagte der Hausarzt. Die Ärzte sollten die Zusammenarbeit mit anderen Gesundheitsberufen ernst nehmen.

Vor allem die pflegenden Angehörigen müssen besser unterstützt werden. Das verlangte der Geriater Dr. med. Holger Lange, Mönchengladbach. Die Familien könnten durch flexible Angebote von Tages- und Nachtpflege entlastet werden. Sie bräuchten Unterstützung durch ehrenamtliche und professionelle Netzwerke, damit die Angehörigen beispielsweise zumindest einen freien Nachmittag in der Woche hätten.

Demenz entstigmatisieren
Familiäre Strukturen brechen zunehmend weg. Die Bereitschaft zum ehrenamtlichen Engagement kann aber nur steigen, wenn Demenzen nicht als bedrohlich empfunden werden. Prof. Dr. med. Wolfgang Maier, Bonn, sieht besonders die Ärzte in der Pflicht, Vorurteile abzubauen – auch in der eigenen Berufsgruppe. „Die Stigmatisierung erfolgt oft durch die Ärzte selbst“, kritisierte der Psychiater. Sie sähen die Erkrankung häufig als Störfaktor.

Nach Ansicht von Allgemeinmediziner Wilm herrscht bei vielen Ärzten ein Gefühl von Hilf- und Hoffnungslosigkeit – bedingt durch Zweifel am eigenen Wissen und an den therapeutischen Möglichkeiten. Deshalb müssten die Ärzte ihre Kompetenzen zum Thema Demenz schärfen. Dabei seien besonders die Hausärzte gefragt. Angesichts einer Zahl von etwa 200 000 Neuerkrankungen pro Jahr könnten nicht alle Demenzkranken regelhaft von Neurologen und Psychiatern betreut werden.
Dr. med. Birgit Hibbeler
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