ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2009Neue Influenza: Nicht nur bei Reisenden sollte jetzt an die Neue Grippe gedacht werden

MEDIZINREPORT

Neue Influenza: Nicht nur bei Reisenden sollte jetzt an die Neue Grippe gedacht werden

Siegmund-Schultze, Nicola; Zylka-Menhorn, Vera

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Das FluResearch- Net wurde initiiert, weil zwei Drittel der humanpathogenen Erreger vom Tier zum Menschen weitergegeben werden.
Das FluResearch- Net wurde initiiert, weil zwei Drittel der humanpathogenen Erreger vom Tier zum Menschen weitergegeben werden.
Die Neue Grippe gilt jetzt als Pandemie, für Deutschland sind zurzeit aber keine neuen Maßnahmen geplant. Behörden bitten die niedergelassenen Ärzte dringend um Mithilfe. Forschung zum Subtyp A/H1N1 wird im FluResearchNet gebündelt.

Am vergangenen Wochenende ist erstmals in Europa ein Patient an der Neuen Grippe gestorben. Der Todesfall wurde aus Schottland gemeldet. Der männliche Patient habe eine Grunderkrankung gehabt, berichten die zuständigen Gesundheitsbehörden. Es sei nicht auszuschließen, dass es auch in Deutschland künftig schwere oder tödliche Verläufe geben werde, so die Bundes­ärzte­kammer (BÄK). Ende vergangener Woche hatte die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) die neue Grippe A/H1N1 offiziell zur Pandemie erklärt, indem sie die seit dem 29. April geltende WHO-Alarmstufe fünf auf sechs angehoben hat. Voraussetzung dafür war, dass sich das Virus in zwei oder mehr Ländern außerhalb der Ursprungsregion (Mexiko und USA) ausgebreitet und sich von Mensch zu Mensch übertragen hat. Es ist das erste Mal seit 1968, dass die WHO eine Grippepandemie ausruft.

Dazu WHO-Direktorin Margaret Chan in Genf: „Das Virus kann nicht gestoppt werden, eine weitere Verbreitung ist unvermeidbar.“ Eine Befürchtung ist, dass sich das Erbgut von A/H1N1 zum Beispiel durch eine Mischung mit saisonal zirkulierenden Influenzaviren verändern könnte, und so die Pathogenität von A/H1N1 erhöht werden könnte.

Nach Angaben von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt ändert sich für Deutschland mit der Ausrufung der Phase sechs faktisch nichts. Dem Ministerium zufolge ist Deutschland aber gut vorbereitet. Grundlage sei der Nationale Pandemieplan, der in allen Details gemeinsam von Bund und Ländern ausgearbeitet wurde.

Rasante Fallzahlerhöhung
Weltweit hat sich die Zahl der gesicherten Neuinfektionen innerhalb weniger Tage rasant erhöht, von circa 27 000 Infektionen Mitte vergangener Woche auf knapp 35 000 Infekte in 74 Ländern bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe (www.ecdc. europa.eu). 165 Menschen sind gestorben. Die Altersgruppe der 30- bis 50-Jährigen sei am stärksten von tödlichen Verläufen betroffen gewesen, häufig hätten aber Vorerkrankungen bestanden, sagte Chan. Dennoch sei die Altersverteilung bei den letal verlaufenden Infektionen deutlich anders als bei der saisonalen Influenza.

In Deutschland ist in der vergangenen Woche die Zahl bestätigter Fälle von 111 auf 172 (Stand 15. Juni) gestiegen. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) in Berlin verliefen die Erkrankungen milde. Die höchsten Fallzahlen wurden aus Nordrhein-Westfalen (78) gemeldet, davon sind die meisten Kinder im Alter zwischen sechs und 14 Jahren. Dies ist auf Ausbrüche in Schulen der Städte Düsseldorf und Köln zurückzuführen.

Nach Auskunft der zuständigen Gesundheitsämter sind möglicherweise noch nicht alle Fälle erfasst worden. „Wir sind darauf angewiesen, dass sich die niedergelassenen Kollegen, auch die Pädiater, gut informieren und wachsam sind“, sagte Dr. med. Klaus Brenner vom Referat Infektionsschutz der Stadt Köln gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ). Bei der Probenentnahme aus dem Nasen-Rachen-Raum werde vor allem bei Kindern teilweise zuwenig Material entnommen (Kasten). Aus aktuellem Anlass bittet die BÄK die Ärztinnen und Ärzte im Krankenhaus und in der Praxis dringend, auf die Einhaltung der infektionshygienischen und arbeitsschutzrechtlichen Verpflichtungen zu achten, damit kein Vorwurf der Fahrlässigkeit erhoben werden kann.

Jetzt gelte es, nicht nur bei Reiserückkehrern an die Neue Grippe zu denken; bei Auftreten der typischen Grippesymptome sollte eine Laboruntersuchung auf das neue Grippevirus erwogen werden, rät Prof. Dr. rer. nat. Jörg Hacker, Präsident des RKI. Circa 50 Prozent der Fälle in Deutschland gelten als autochthon, also als vor Ort erworben.

Hatte Hacker schon vor einigen Wochen die am Surveillance-Programm der Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI) teilnehmenden Ärzte gebeten, sich noch stärker als bisher zu beteiligen, so erneuerte Priv.-Doz. Dr. med. Walter Haas, Leiter des Fachgebiets für Respiratorisch übertragbare Erkrankungen am RKI, den Appell angesichts der aktuellen Situation. „Es gibt mit Sicherheit nicht erkannte Infektionen“, betonte Haas gegenüber dem DÄ. „Auch, um diese Dunkelziffer abschätzen zu können, benötigen wir Informationen über die Krankheitslast auf Bevölkerungsebene, die wir aus Meldungen über die AGI erhalten.“

Automatische Erfassung
Zusätzlich wurde ein elektronisches System basierend auf der automatischen Erfassung von Diagnoseschlüsseln entwickelt. Dieses ist bereits in vielen Arztinformationssystemen integriert und kann wichtige zusätzliche Informationen liefern (Dtsch Arztebl 2009; 106[5]: A176). Die Qualität und Auflösung dieser Daten ist jedoch direkt davon abhängig, dass möglichst viele Ärzte das System freischalten und die Daten einmal pro Woche per E-Mail versenden.

Das RKI hat vor Kurzem zwei Tests auf Antikörper gegen A/H1N1 etabliert. Sie sind zwar für die aktuelle Diagnostik nicht erforderlich. Die Experten versprechen sich aber Informationen darüber, ob Menschen mit einem aktuell negativen Ergebnis aus dem Nasen-Rachen-Abstrich infiziert waren. Auch systematische Untersuchungen zur Virusausscheidung werden durchgeführt. „Wir wissen derzeit noch nicht, wie infektiös Menschen ohne Symptome sein können und wie lange jemand ansteckend ist“, sagte Haas. Unklar sei auch, ob sich die Virusausscheidung und damit die Infektiosität durch Therapie verändere. „Wir benötigen mehr Informationen über das neue Virus, auch, um unter Umständen die Empfehlungen in den Pandemieplänen anpassen zu können.“

Die WHO-Kollaborationszentren haben Impfstoffherstellern inzwischen Saatviren für die Vorbereitung der Vakzineproduktion zur Verfügung gestellt. Es wird erwartet, dass die WHO demnächst eine Empfehlung geben wird, mit einer Produktion von pandemischen Impfstoffen zu beginnen. Die WHO-Alarmstufe sechs schafft die Voraussetzung, dass die Impfstoffe auch angewendet werden können.

„Der Fall des neuen Erregers vom Subtyp H1N1 zeigt deutlich, dass man bei der Influenza nie vorhersehen kann, was als Nächstes passieren wird“, erklärte Prof. Dr. med. Stephan Ludwig, Direktor des Instituts für Molekulare Virologie des Universitätsklinikums Münster, Ende letzter Woche bei einer Veranstaltung in Berlin. Ludwig ist Koordinator des bundesweiten Netzwerks „FluResearchNet“ (http://zmbe.uni-muenster.de/FLURESEARCHNET/index.htm), das erstmals Projekte der Influenzaforschung an Universitäten und Bundesinstituten bündelt. „Die Influenza bei Mensch und Tier ist nach wie vor eine der letzten großen Seuchen unserer Zeit. Allerdings ist die Frage, warum und wie die Influenzaviren vom Vogel auf den Menschen übertragen werden, noch ungeklärt. Und genau das wollen wir herausfinden.“

Hauptziel ist die Aufklärung der Mechanismen und viralen Eigenschaften, die die Aggressivität von Grippeviren bestimmen und es diesen Erregern erlauben, vom Tier auf den Menschen überzuspringen. Auch neue Wege der antiviralen Therapie werden erforscht. Eine der Strategien zielt darauf ab, zelluläre Faktoren, die die Vervielfältigung der Viren ermöglichen, zu blockieren. Auch die Forschung an Influenzaviren vom Subtyp A/H1N1 ist ein wichtiger Teil der Arbeiten.

Das FluResearchNet gehört zur „Nationalen Forschungsplattform für Zoonosen“, die mit finanzieller Unterstützung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) im Oktober 2008 ihre Arbeit aufgenommen hat. Die enge Zusammenarbeit von Veterinär- und Humanmedizin, so die Begründung des BMBF, sei unerlässlich angesichts der Tatsache, dass zwei Drittel der humanpathogenen Erreger vom Tier zum Menschen weitergegeben würden und schnelle Reise- und Transportmöglichkeiten eine rasche Ausbreitung von Epidemien begünstigten – wie die Beispiele Vogelgrippe, SARS oder die Neue Grippe A/H1N1 zeigten. Von der WHO werden derzeit allerdings keine Empfehlungen für Reiseeinschränkungen gegeben.
Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze
Dr. med. Vera Zylka-Menhorn
Das FluResearch- Net wurde initiiert, weil zwei Drittel der humanpathogenen Erreger vom Tier zum Menschen weitergegeben werden.
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Das FluResearch- Net wurde initiiert, weil zwei Drittel der humanpathogenen Erreger vom Tier zum Menschen weitergegeben werden.

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