ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2009Organtransplantation: Gewagte Entscheidung

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Organtransplantation: Gewagte Entscheidung

Jachertz, Norbert

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Präsentierte der Presse die Neuigkeit der ersten Lebertransplantation in Deutschland: der Chirurg Alfred Gütgemann (links). Ohne die Mitarbeit von J. S. Lee wäre dieser Erfolg nicht möglich gewesen. Foto: Keystone Foto: privat
Präsentierte der Presse die Neuigkeit der ersten Lebertransplantation in Deutschland: der Chirurg Alfred Gütgemann (links). Ohne die Mitarbeit von J. S. Lee wäre dieser Erfolg nicht möglich gewesen. Foto: Keystone Foto: privat
Vor 40 Jahren transplantierten Gütgemann, J. S. Lee und ein Bonner Team erstmals in Deutschland eine Humanleber.

Am 19. Juni 1969 trat der Chef der Chirurgischen Universitätsklinik Bonn, Prof. Dr. med. Alfred Gütgemann, vor die Presse und verkündete eine kleine Sensation: die erste Lebertransplantation beim Menschen in Deutschland, Mittwochnacht, unter seiner Leitung, mit einem Team von rund 30 Mitarbeitern. Spender war ein Förster, der mit 30 Jahren einem Gehirnschlag erlegen war, Empfänger ein gleichaltriger Mann mit Leberkrebs. Der Empfänger lebte noch sieben Monate. Die Überlebenszeit war beachtlich. Bei der weltweit ersten Lebertransplantation durch Thomas Starzl in Denver, USA, 1963 starb der Patient intraoperativ. Erst 1967 gelang Starzl die erste klinisch erfolgreiche Übertragung, die Überlebenszeit lag bei einem Jahr.

In der Pressekonferenz nach dem Eingriff würdigte Gütgemann „die Mitarbeit des südkoreanischen Kollegen Dr. Jong-Soo Lee“. Sie sei, zitierte der Bonner „General-Anzeiger“, „sehr wesentlich gewesen“. Das war zurückhaltend formuliert. In Wirklichkeit hätte es ohne J. S. Lee (oder T. S. Lie, je nach Transskription) diese Transplantation nicht gegeben. Lee hatte sich privat, wenn auch mit Gütgemanns Segen, auf die Transplantation vorbereitet, gegen starke Widerstände in der Klinik. In einem Kellerraum übte er die Technik an Hunden, anfangs mit Nebennieren. Die Hunde hielt er zu Hause in seiner Garage, weil die Tierstallungen der Klinik die Hunde nicht unterbringen konnten oder wollten. Lee bekam Ärger mit dem Tierschutzverein. Der zeigte ihn an, ein Gericht sprach ihn später frei.

Lee war erst zwei Jahre zuvor nach Bonn gekommen und versah im Hauptamt als „Verwalter einer Assistentenstelle“ eine 30-Betten-Station. Gütgemann aber, ein Mann mit Gespür für Talente, förderte und deckte den zielstrebigen Newcomer. Eine Art Vater-Sohn-Beziehung: Gütgemann stand vor der Emeritierung, Lee war 40 Jahre alt.

Lee erlebt in der Erinnerung noch heute die entscheidenden Stunden, als seien sie gerade erst vorbei: Im Juni 1969 sammelt er Erfahrungen bei Starzl in Denver. Gerade zurück, soll er, am Montag, dem 16. Juni, den Stationsdienst wieder aufnehmen. Die Träume scheinen ausgeträumt, und tags darauf löst er das Transplantationsteam auf. Wieder einen Tag später, am Mittwochmorgen ruft Gütgemann Lee an und trägt ihm auf, die Transplantation vorzubereiten. Lee: „Ich dachte, das sei eine Witz.“ War es aber nicht. Ein Spender war gefunden. Es eilte. Organkonservierung gab es noch nicht. Lee hatte den Empfänger auszuwählen. Der und seine Frau gaben erst nach langem Bedenken die Einwilligung. Die Angehörigen des Spenders wussten hingegen von nichts. Gütgemann hatte entschieden, keine Zustimmung einzuholen. Um sechs Uhr am Mittwochabend konnte schließlich die OP beginnen. Die Entnahme des Spenderorgans und die Empfängeroperation erfolgten gleichzeitig in zwei Teams, die miteinander zu koordinieren waren.

Zuvor habe es, erinnert sich Lee, „eine äußerst abenteuerliche Entscheidung“ gegeben. Die Blutgruppen von Spender und Empfänger waren nämlich nicht kompatibel, „und uns war bewusst“, so Lee, „dass bei Transplantationen blutgruppenunterschiedlicher Spenderherzen und -nieren unmittelbar nach der Gefäßanastomose und der Freigabe des Blutes auf dem OP-Tisch eine hyperakute Abstoßungsreaktion, die Schwarzmann-Reaktion, auftrat und das transplantierte Organ geschädigt wurde“. Die gewagte Entscheidung folgte einer „pathophysiologischen Überlegung“, von der Lee Gütgemann überzeugen konnte: Die Leber sei ein blutbildendes Organ und werde, anders als Herz oder Niere, die Inkompatibilität tolerieren. Und so war es. „Als wir die Leber angeschlossen haben, hat kein Mensch im OP etwas gesagt,“ erinnert sich Lee, das Ergebnis noch vor Augen: „Die Leber war so schön.“

Die Transplantation hatte ein juristisches Nachspiel. Zunächst ein Strafverfahren; es wurde nach einem Jahr eingestellt, weil sich der Vorwurf, die Leber sei einem noch Lebenden entnommen worden, als haltlos erwies. In einem Zivilverfahren kam es sieben Jahre später zum Prozess. Das Gericht monierte zwar die fehlende Zustimmung des Spenders/der Angehörigen, verurteilte Gütgemann aber dennoch nicht zu Schadensersatz, weil es sich bei dieser ersten Transplantation um eine „an sich achtenswerte, dem Fortschritt dienende Pioniertat“ gehandelt habe.

Das Pionierstadium ist längst vorbei. Jährlich werden heute in Deutschland etwa tausend Lebern übertragen. In den 70er-Jahren baute Prof. Dr. med. Rudolf Pichlmayr in Hannover einen Schwerpunkt auf. Inzwischen führen Essen, Hannover und Berlin (Charité/Virchow) die Statistik an. Bonn bleibt der Ruhm, Pionier gewesen zu sein.
Norbert Jachertz
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