ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2009Der Weltenläufer: Umeswaran Arunagirinathan, Arzt in Weiterbildung

THEMEN DER ZEIT: Porträt

Der Weltenläufer: Umeswaran Arunagirinathan, Arzt in Weiterbildung

Ludwig, Michaela

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Foto: Karin Desmarowitz
Foto: Karin Desmarowitz
Alleine flüchtet er im Alter von zwölf Jahren vor dem Bürgerkrieg in Sri Lanka nach Hamburg. Dort wächst er im sozialen Brennpunkt auf. Heute ist er Arzt am Universitären Herzzentrum der Hansestadt.

Dass er damals noch ein Junge war, ist auf dem Polaroidfoto nicht zu erkennen. Auch nicht, ob er lächelt. Das Gesicht ist unter einer hellgrünen Kappe, hinter einem weißen Mundschutz versteckt. Eigentlich ist nur die dicke, überdimensionale Brille zu sehen. Der schmale Körper steckt in einem viel zu großen, grünen Kittel. Hinter ihm: Ärzte und Assistenten in einem gekachelten Raum, vertieft in ihre Arbeit.

Der Junge heißt Umeswaran Arunagirinathan, wird jedoch von allen nur Umes genannt. Wahrscheinlich hat er gelächelt, als das Foto beim Berufsvorbereitungstag vor der Fototapete geschossen wurde. „Ich wollte schon immer Arzt werden“, erzählt der heute erwachsene Arunagirinathan, immer noch sehr schlank, ohne Brille, die dunklen Haare kurzgeschnitten. Damals war er erst sehr kurz in Deutschland.

Die Geschichte von Umeswaran Arunagirinathan, den alle nur Umes nennen, ist die Geschichte einer Wanderung zwischen den Welten. Von einem tamilischen Jungen, der auf Sri Lanka inmitten des Bürgerkriegs aufwächst, als zwölfjähriger ohne Eltern und Geschwister nach Hamburg flüchtet, der im sozialen Brennpunkt Mümmelmannsberg bei einem Onkel lebt und dort die Schule besucht und heute am Universitären Herzzentrum, einem Unternehmen der Uniklinik Eppendorf in seiner Heimatstadt Hamburg, zum Facharzt weitergebildet wird.

Seit einem Jahr arbeitet der 31-Jährige als Assistenzarzt auf H4a, der Überwachungsstation, nur unterbrochen von den langen Tagen im OP, an denen er seinem Chef, Prof. Dr. med. Hermann Reichenspurner, und dessen Kollegen assistiert: den Bypass fixieren, Wunden vernähen oder das Material verknoten. Als er mit kurzen Schritten über die Gänge der Station geht, grüßt er eine Patientin durch die geöffnete Tür mit einem fröhlichen „Moin, Moin“ und freut sich, dass die Frau heute ihr Bett verlassen kann. Mit einem Kollegen verabredet er nebenbei den gemeinsamen Grillabend der Assistenzärzte.

Angst vor der Abschiebung
Arunagirinathan haben sie gerne abgelichtet für Werbung und Kampagnen, um das strahlende Gesicht des modernen, weltoffenen Deutschlands zu zeigen. Doch der Hamburger ist erst seit einem halben Jahr Deutscher. 18 Jahre lang hat er darum gekämpft dazuzugehören. Noch kurz vor seinem Abitur an der Gesamtschule im Hamburger Osten sollte er abgeschoben werden. Lehrer, Mitschüler und deren Eltern haben für sein Hierbleiben gekämpft.

Gnadenloser Optimist: Umeswaran Arunagirinathan hat 18 Jahre lang um die deutsche Staatsbürgerschaft gekämpft.
Gnadenloser Optimist: Umeswaran Arunagirinathan hat 18 Jahre lang um die deutsche Staatsbürgerschaft gekämpft.
Seine alte Schule in Mümmelmannsberg ist ein orangefarbener Bau mit vielen kleinen, runden Fenstern, der zwischen Hochhäusern und Wohnblöcken wie ein ausrangiertes U-Boot liegt. Hier haben drei von vier Schülern einen Migrationshintergrund. In den Vorbereitungsklassen werden die Neuankömmlinge aus allen Teilen der Welt auf das deutsche Bildungssystem vorbereitet. Auf dem Weg dorthin grüßen viele Schüler Arunagirinathan, Lehrer bleiben für einen kurzen Schnack stehen. Das Komische ist, erzählt einer seiner ehemaligen Lehrer, dass Umes derjenige war, der Menschen zusammenbrachte, sie mitnahm. „Dabei war er doch derjenige, der normalerweise hätte integriert werden müssen.“ Arunagirinathan, der Flüchtling ohne rechtmäßigen Aufenthalt in Deutschland, wurde nach zwei Jahren zum Klassensprecher, nach einem weiteren zum Schulsprecher und später auch vom Landesschülerparlament zu seinem Sprecher gewählt. „Er war der erste Schulsprecher mit Migrationshintergrund“, sagt der Lehrer. „Die Schüler vor ihm waren Deutsche aus Mittelschichtfamilien.“

Die Offenheit habe er von seiner Mutter, meint Arunagirinathan. Jeder kannte sie und fragte sie in den unterschiedlichsten Belangen um Rat. Wenn er von seiner Kindheit erzählt, geht es immer wieder um die Eltern und Geschwister, Nachbarn und die Dorfgemeinschaft auf der Halbinsel Jaffa, im Norden Sri Lankas. Und um den kleinen Laden vorm Haus, wo er Benzin verkaufte. Doch der Krieg wirft Schatten auf die Erinnerungen, mit ihm kamen die tief fliegenden Hubschrauber, Raketen, Tod und immer wieder die Flucht aus dem elterlichen Haus. Die Angehörigen der tamilischen Minderheit wurden im Bürgerkrieg zwischen der Rebellenarmee der Tamil Tigers und den Regierungssoldaten aufgerieben.

Geld für den Schlepper
Die ältere Schwester starb früh an Nierenversagen. „Ihre Krankheit war heilbar, aber wegen des Krieges hat sie die medizinische Versorgung, die sie hätte retten können, nicht bekommen“, sagt Arunagirinathan bitter. Jahre vorher hatte der Junge Mutter und Schwester ins Krankenhaus begleitet. „Ich schaute den Arzt an und bewunderte ihn unendlich. Wir waren so abhängig von ihm“, erinnert er sich.

Als der Junge zum Teenager wurde, wuchs die Gefahr, von den Tamil Tigers als Kämpfer rekrutiert oder von Regierungssoldaten verschleppt zu werden. Die Mutter beschloss, ihren ältesten Sohn in Sicherheit zu bringen. In Hamburg lebte ein Onkel, dort sollte ihr Ältester die Schule besuchen und Arzt werden. Sie verschuldete sich hoch, um das Geld für den Schlepper zusammenzubekommen. Die letzte Rate zahlte er gegen Ende des Studiums ab.

Arunagirinathan war erst zwölf Jahre alt, als er seine Familie und seine Heimat verließ und zu einer Reise aufbrach, über deren Ausgang er nichts wusste. Neun lange Monate sollte sie dauern. Als jüngster einer Gruppe von Flüchtlingen wurde er über Singapur und Dubai ins westafrikanische Togo geschleust. In einem fremden Land unter unbekannten Menschen verbrachte der Junge Monate, feierte seinen 13. Geburtstag – ohne ein Lebenszeichen von seinen Eltern. Endlich, im September 1991, kam er in Hamburg an, in der kleinen Hochhauswohnung seines Onkels.

Die Flucht hat ihn geprägt, sie ist ein wichtiger Teil seiner Biografie, die er nicht verdrängt, sondern mit der er lebt. „In Afrika habe ich gelernt, alleine zu sein und zu kämpfen“, erklärt er. „Niemals die Hoffnung und den Mut zu verlieren, auch wenn es noch so ausweglos erscheint.“ In Deutschland dagegen lernte er, auf die Menschen zuzugehen und sich zu „präsentieren“. „Von allein kommt keiner auf dich zu.“

In Hamburg begann er, Marathon zu laufen. Ausdauer und Zielstrebigkeit brauchte er auch, um die Schule beenden zu dürfen, eine Aufenthaltserlaubnis für das Medizinstudium in Lübeck zu erhalten, um neben den Jobs in Nacht- und Wochenendschichten bei McDonald’s und auf Station das Geld zum Leben – und zur Unterstützung der Eltern – zu verdienen. Sie leben heute in einer kleinen Wohnung in der Hauptstadt Columbo, die der Sohn ihnen seit Studienzeiten finanziert. „Das war mein Wunsch, sie sollten in Sicherheit vor dem Bürgerkrieg leben.“

Arunagirinathan hat ein Buch über sein Leben geschrieben, es gehört mittlerweile zur Standardlektüre der neunten Klassen in der Gesamtschule Mümmelmannsberg. Schulen und Flüchtlingsinitiativen laden ihn ein, auch in einem schleswig-holsteinischen Gefängnis und einer Polizeischule hat er schon gelesen. „Mit meiner Geschichte möchte ich Menschen in einer ähnlichen Situation Mut machen und die vielen ehrenamtliche Helfer motivieren weiterzukämpfen“, sagt Arunagirinathan. „Ich will allen zeigen: Man kann es schaffen.“ Das ist sein Kampf gegen Vorurteile, gegen Schubladendenken.

Gegen das Vergessen
Aber er erzählt die Geschichte auch für sich, genauso, wie er seine Freundschaften zu ehemaligen Klassenkameraden, Lehrern und zu Freunden in Mümmelmannsberg pflegt. „Das ist wichtig, damit man nicht abhebt.“ Er will nicht vergessen, wo er herkommt und wer ihm auf diesem Weg geholfen hat. „Die Menschen, die ich getroffen habe, gaben mir Schlüssel, mit denen ich neue Türen aufschließen konnte.“

Wer ihm zuhört, sein Lächeln sieht, vergisst, welche Erfahrungen dieser junge Mann wohl gemacht haben muss. Denn auch in einer bunten Großstadt wie Hamburg gelten die Gesetze, die den Eintritt in diese Gesellschaft verhindern. Türsteher, die nach der Hautfarbe entscheiden, wem sie die Tür öffnen, und Vermieter, die meinen, sich unter Deutschen sicherer zu fühlen. Obwohl Umes Arunagirinathan auch diese negativen Erlebnisse in seiner Erinnerung aufbewahrt, hat er ihnen niemals erlaubt, die Oberhand zu gewinnen. Er ist ein gnadenloser Optimist. „Vielleicht finden mich manche Leute naiv“, vermutet er. Der vermummte Junge vor der Fototapete ist einen weiten Weg gekommen.
Michaela Ludwig
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