ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2009Peru: Hightechkrankenhaus in 2.600 Metern Höhe

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Peru: Hightechkrankenhaus in 2.600 Metern Höhe

Dtsch Arztebl 2009; 106(25): A-1302 / B-1107 / C-1079

Schuster, Christina

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Fotos: Diospi Suyana
Fotos: Diospi Suyana
Allein mithilfe von Spenden haben Martina und Klaus-Dieter John ein Krankenhaus gebaut. Die beiden Ärzte wollen in dem Land mit der höchsten Kindersterblichkeit in Lateinamerika für eine bessere medizinische Versorgung sorgen.

E s erschien zunächst unmöglich: ein Krankenhaus in den Anden zu bauen, ohne Startkapital, nur mithilfe von Spenden. Doch seit fast zwei Jahren läuft nun der Betrieb des Missionskrankenhauses – gebaut für die Quechua-Indianer und die Armen im Süden Perus. Initiator des Projekts ist das deutsche Arztehepaar Dr. med. Martina John und Dr. med. Klaus-Dieter John aus Wiesbaden. Das Krankenhaus heißt Diospi Suyana; der Name kommt aus der Sprache der Quechua und bedeutet „Wir vertrauen auf Gott“.

Die Quechua-Indianer machen etwa 40 Prozent der Bevölkerung Perus aus. Sie leben in den Bergregionen, in denen es kaum Krankenhäuser und Ärzte gibt. Da Medikamente fehlen, bleiben die medizinischen Stützpunkte meist geschlossen, die Krankenschwestern können nur Erste Hilfe leisten.

Europäischer Standard wie im Krankenhaus Diospi Suyana ist sonst nur in teuren Privatkliniken anzutreffen.
Europäischer Standard wie im Krankenhaus Diospi Suyana ist sonst nur in teuren Privatkliniken anzutreffen.
Wie die Menschenrechtsorganisation Amnesty International (ai) meldet, zählt Peru zu den Ländern mit der höchsten Kinder- und Müttersterblichkeit in Lateinamerika. Alle acht Stunden stirbt eine Frau an Komplikationen bei der Geburt; 45 Prozent aller Todesfälle betreffen Kinder unter fünf Jahren. Doch ai berichtet auch, dass viele Frauen von männlichen Ärzten und Pflegern misshandelt worden seien. Noch Mitte der 90er-Jahre ließ der damalige Präsident Alberto Fujimori in ländlichen Regionen die Frauen zwangssterilisieren.

Die peruanische Regierung hat zwar mittlerweile auch für die Armen des Landes eine kostenfreie Gesundheitsversicherung eingerichtet, allerdings ist das System ai zufolge korrupt: Ärzte verlangen von ihren Patienten trotz Versicherung Gebühren für die Behandlung. Geburtsurkunden werden zum Teil ebenfalls nur gegen Bezahlung ausgestellt. Dabei sind die Identitätspapiere Voraussetzung für die Kran­ken­ver­siche­rung. Wer die illegal erhobenen Beträge nicht bezahlen könne, was auf die meisten Bedürftigen zutreffe, werde ignoriert, so Amnesty International.

Der Süden Perus gilt als das Armenhaus des Landes. Hier leben die Menschen vom Anisanbau und verdienen etwa zwei Euro am Tag. Das Trinkwasser wird über offene Kanäle in die Städte transportiert; es ist mit Wurmeiern und Parasiten kontaminiert. Auf den Wochenmärkten herrschen häufig ebenfalls mangelhafte hygienische Verhältnisse. Zudem sind Obst und Gemüse mit Pestiziden belastet.

Die meisten Quechua leben in Lehmhäusern, und nicht alle können sich Fenster und Türen leisten. Die harten Lebensbedingungen leisten Tuberkulose, Hautinfektionen oder Wurmbefall Vorschub. Da es in den Bergen wenig Zukunftsperspektiven gibt, flüchten viele in den Alkohol. Einige suchen in den Slums von Lima ihr Glück – in der Hauptstadt lebt fast ein Viertel der Bevölkerung von Peru.

Arbeiten, wo man gebraucht wird, war schon immer das Ziel von Kinderärztin Martina John (l.). Bis zu 100 000 Patienten jährlich können im Krankenhaus versorgt werden.
Arbeiten, wo man gebraucht wird, war schon immer das Ziel von Kinderärztin Martina John (l.). Bis zu 100 000 Patienten jährlich können im Krankenhaus versorgt werden.
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Das Missionskrankenhaus Diospi Suyana liegt in den Anden, 2 600 Meter über dem Meeresspiegel, am Rand der Stadt Curahuasi, direkt an der Panamericana. 25 000 Menschen leben in einem Umkreis von drei Stunden Fahrzeit. Auch das Arztehepaar John lebt hier zusammen mit seinen drei Kindern. Die Kinderärztin und der Chirurg wollten seit ihrer Jugend in einem Entwicklungsland arbeiten, um ihr Wissen dort anzuwenden und weiterzugeben, wo es wirklich gebraucht wird, wie beide betonen. Von 1998 bis 2003 arbeiteten Martina und Klaus-Dieter John zunächst als Missionsärzte in Ecuador. Dort reifte der Plan für ein eigenes Krankenhaus. „So eine Idee entsteht natürlich über Jahre“, erklärt Martina John im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt. Relativ schnell war dem Ehepaar allerdings klar, dass es seine Idee nicht alleine verwirklichen kann. Vor sieben Jahren gründeten die beiden Ärzte deshalb den Trägerverein Diospi Suyana. Von Deutschland aus koordinieren seither ehrenamtliche Mitarbeiter die Logistik und sammeln und verwalten die Spendengelder.

Doch bevor im Jahr 2005 mit dem Bau begonnen werden konnte, hatte Klaus-Dieter John eine zweijährige Vortragsreise durch Europa, Nord- und Südamerika hinter sich, um Spender und Sponsoren zu überzeugen. Seitdem ist er viel unterwegs. „Ich habe immer Laptop und Beamer dabei“, erzählt John. So könne er auch spontan Spender für das Projekt gewinnen. Bisher seien etwa 5,8 Millionen US-Dollar in Einzelspenden zusammengekommen, mehr als 650 Privatpersonen unterstützten das Projekt monatlich. Aber auch etwa 120 Firmen haben Diospi Suyana mit Sachspenden im Wert von mehr als drei Millionen US-Dollar geholfen, dazu gehört auch eine Satellitenschüssel für Internet- und Telefonverbindungen, deren monatliche Gebühren ebenfalls der Sponsor übernimmt. Dabei war es noch während des Baus der Klinik nicht sicher, ob genug Geld für die Fertigstellung zusammenkommen würde. „Wir haben von der Hand in den Mund gelebt“, sagt Klaus-Dieter John. Aber zu keinem Zeitpunkt habe man sich verschulden wollen.

„Spenden verpflichten“, fügt der Chirurg hinzu. Deshalb seien die Kosten für die Verwaltung niedrig, sie lägen bei nur zehn Prozent.

Diospi Suyana trägt das Spendensiegel der Deutschen Evangelischen Allianz und unterzieht sich freiwillig einer unabhängigen Wirtschaftsprüfung.

Auch in der Politik gab es für Diospi Suyana Unterstützung. So hat die deutsche Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul finanziell beim Transport der Güter aus Deutschland geholfen. Die Ehefrau des peruanischen Präsidenten, Pilar Nores de García, übernahm die Schirmherrschaft für Diospi Suyana. „Seitdem kamen das Baumaterial und die medizinischen Geräte viel schneller durch den Zoll“, erzählt der Chirurg.

"Nichts schreit lauter als die Tat. Wir müssen gar nicht viel sagen über den Glauben." Klaus-Dieter John
"Nichts schreit lauter als die Tat. Wir müssen gar nicht viel sagen über den Glauben." Klaus-Dieter John
Im Jahr 2007, nach zwei Jahren Bauzeit, fand die Einweihung des Krankenhauses statt. Mehr als 4 000 Menschen nahmen teil. Peruanische Radio- und Fernsehsender übertrugen die Feier live und sprachen von einem „modernen Wunder“. Nun kann man in der Klinik jährlich bis zu 100 000 Patienten ambulant und stationär behandeln. Die Indios werden hier respektiert. Anders als in den peruanischen Gesundheitszentren bemüht sich das Personal, die Sprache der Quechua zu sprechen. Zudem bildet das Krankenhaus Gesundheitshelfer aus, sogenannte Promotores de Salud. Diospi Suyana ist mit modernster Technik ausgestattet und entspricht europäischen Standards. Sonst findet man in Peru nur in teuren Privatkliniken eine ähnliche Versorgung. Seit einiger Zeit besuchen die Mitarbeiter von Diospi Suyana auch Dörfer, die weiter oben in den Bergen liegen, und leisten vor Ort medizinische Versorgung.

Insgesamt arbeiten 35 Ehrenamtliche aus dem Ausland und 75 Peruaner im Krankenhaus. Die Ärzte, Krankenschwestern und Techniker aus Europa und Nordamerika kommen als Missionare und bleiben meist für drei Jahre. Sie haben ihre Arbeitsplätze in der Heimat aufgegeben und private Förderkreise aufgebaut. Nur die peruanischen Arbeiter bekommen ortsübliche Gehälter.

Die monatlichen Betriebskosten decken ein internationaler Förderkreis und die Diospi-Suyana-Stiftung. Als gemeinnützige Organisation bekommt das Krankenhaus vom peruanischen Staat die Mehrwertsteuer erstattet. Hinzu kommt eine Eigenbeteiligung der Patienten. Peruanische Sozialarbeiter ermitteln, ob und wie viel jeder Einzelne zahlen kann. So lässt Diospi Suyana den Menschen ihre Würde und fördert zudem den verantwortungsvollen Umgang mit der eigenen Gesundheit, wie die Johns betonen.

Neben dem Krankenhaus haben die Helfer auch ein Amphitheater gebaut. Diospi Suyana will den Menschen von Curahuasi auch kulturell etwas bieten. Für die Kinder hat Martina John einen Kinderklub gegründet, den inzwischen mehr als 300 Kinder jede Woche besuchen. Dort könnten sie spielen und lernen und fühlten sich akzeptiert, sagt die Kinderärztin. „Nichts schreit lauter als die Tat“, da ist sich Klaus-Dieter John sicher. „Wir müssen gar nicht viel sagen über den Glauben, die Menschen verstehen die Botschaft trotzdem.“
Christina Schuster

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