THEMEN DER ZEIT

World Doctors Orchestra: Ärzte und Musik – eine besondere Verbindung

Dtsch Arztebl 2009; 106(25): A-1304 / B-1109 / C-1081

Willich, Stefan N.

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Premiere in Cleveland – in der Severance Hall spielte das World Doctors Orchestra vor mehr als 1 800 begeisterten Zuhörern. Foto: Janet Century
Premiere in Cleveland – in der Severance Hall spielte das World Doctors Orchestra vor mehr als 1 800 begeisterten Zuhörern. Foto: Janet Century
Nicht nur wegen ihrer heilenden Wirkung haben viele Mediziner ein enges Verhältnis zur Musik. Zum Teil sind sie selbst Musiker, wie die Mitglieder des World Doctors Orchestra, das mit seinen Konzerten medizinische Hilfsprojekte unterstützt.

Musik begleitet uns durch das ganze Leben, von der Wiege bis zur Bahre. Kinderlieder bleiben tief im Gedächtnis haften, religiöse Riten umfassen musikalische Elemente – undenkbar ist die Reformation ohne das deutsche Kirchenlied und ohne Johann Sebastian Bach. Musikalische Berieselung senkt die Konsumschwelle im Kaufhaus und Restaurant, Filme sind umso eindrucksvoller mit passender Musik. Keine Revolution kommt ohne Revolutionslieder aus und kein Staatsbesuch ohne Nationalhymne. Selbst während des Untergangs der Titanic spielte die Bordkapelle. Eine besonders makabre Funktion hatten Orchester in einigen Konzentrationslagern. So wurde das Frauenorchester in Auschwitz während der Selektionsprozesse eingesetzt.

Im scheinbaren Kontrast zu dieser Omnipräsenz steht die Vergänglichkeit der Musik. Am Ende eines Konzerts bleibt nach Nachhall und Applaus nichts übrig, aus dem Musikerberuf resultieren – anders als beim Maler und Schriftsteller – keine bleibenden Produkte, abgesehen von Tonaufnahmen. Trotz dieser Flüchtigkeit entfaltet die Musik starke Wirkungen, ja vielleicht wäre Musik ohne diese Flüchtigkeit in ihrer Wucht gar nicht auszuhalten. Musikalische Aktivität fördert die manuellen, emotionalen, sozialen und intellektuellen Fähigkeiten. Ein Instrument zu erlernen, ist daher vor allem für Kinder eine große Bereicherung. Mittlerweile integrieren bereits einige Kindergärten konsequente musikalische Konzepte. Die Mitwirkung im Orchester erfordert technische Übung und Fertigkeiten und ermöglicht vielfältigen sozialen Austausch: Man muss die eigene Aktivität auf andere abstimmen, sich behaupten und gleichzeitig auf andere hören können. Otto Schily, ehemaliger Bundesinnenminister, formulierte daher pointiert: „Wer Musikschulen fördert, dient der inneren Sicherheit.“ Der Dirigent Daniel Barenboim entwickelte das West-Eastern Divan Orchestra aus der Überlegung heraus, dass gemeinsames Musizieren beste Voraussetzung und geradezu paradigmatisch für ein friedliches Zusammenleben sei.

Neben dieser psychosozialen Bedeutung hat die Musik konkrete medizinische Wirkungen. Ihr therapeutischer Einsatz ist seit Urzeiten beschrieben. Schon im Alten Testament steht: „So oft nun ein Geist König Saul überfiel, nahm David die Zither und spielte darauf. Dann fühlte sich Saul erleichtert, es ging ihm wieder gut, und der böse Geist wich von ihm“ – ein früher Hinweis für die Indikation von Musik speziell bei psychiatrischen Erkrankungen. Auch in der griechischen Antike findet man den Aspekt, die Ordnung des chaotischen Seelenlebens durch Musik. Diesmal in einem mythologischen Verwandtschaftsverhältnis: Asklepios, der Gott der Heilkunst, gilt als Sohn von Apollon, dem Gott der Künste.

Heilende Wirkung der Musik
Im Mittelalter wurde Musik quasi wie ein Medikament eingesetzt. Es gibt Berichte, vor allem aus islamischen Krankenhäusern, von konkreter Musikintervention bei bestimmten Indikationen. Konsequenterweise war Musik auch ein Pflichtfach im Medizinstudium dieser Zeit. Ab dem 17. Jahrhundert war ihre medizinische Bedeutung rückläufig. Zunehmend basierte die Medizin auf naturwissenschaftlichen Grundlagen, und bei der Musik fehlten Erklärungsmodelle für ihre therapeutische Wirkung. Heute erleben wir gerade wegen moderner wissenschaftlicher Untersuchungsmethoden eine Renaissance der physiologischen und therapeutischen Wirkung der Musik. Bildgebende Verfahren und neurophysiologische Methoden ermöglichen die systematische Untersuchung der neurologischen und psychologischen Einflüsse von Musik.

In den letzten Jahrhunderten war die Musik aber nie völlig aus dem medizinischen Spektrum verschwunden, sondern wurde als Musiktherapie eingesetzt. Indikationen lagen vor allem im Bereich der Psychiatrie einschließlich Schizophrenie und Depression, der Geriatrie einschließlich Demenz sowie bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen einschließlich Blutdrucksenkung. Auch bei der Stressreaktion und Angstreduktion, in der Schmerztherapie, insbesondere bei gezielter Analgetikavermeidung beziehungsweise -reduktion bei Kindern, und in der Neurologie, unter anderem bei multipler Sklerose, griff man auf die Wirkung der Musik zurück. Zu diesen Indikationen stehen wissenschaftliche Studien zur Verfügung, die den zumindest adjuvanten Einsatz von Musik in der Medizin rechtfertigen.

Die genauen Wirkmechanismen der Musiktherapie sind unklar. Sie dürften vor allem den Ausdruck, die Darstellung und die Kommunikation mittels Musik umfassen, aber auch das musikalische Beziehungsangebot sowie die Möglichkeit zur heilenden Transformation. Arthur Schopenhauer hat diese Aspekte treffend zusammengefasst: „Die unaussprechliche Tiefe der Musik, so leicht zu verstehen und doch so unerklärlich, ist dem Umstand zu verdanken, dass sie alle Gefühle unseres innersten Wesens nachbildet, jedoch vollkommen ohne Wirklichkeit und fern allen Schmerzes.“

Ärzte und Musik
Gelegentlich wird eine besondere Verbindung von Medizinerinnen und Medizinern zur Musik postuliert – sei es als aktive Musiker oder beim passiven Musikgenuss. Gibt es mögliche Erklärungen für eine solche Verbindung? Eine nahe liegende (und eher langweilige) Begründung ergibt sich aus gesellschaftlicher Perspektive. Ärzte stammen häufig aus Familien des Bildungsbürgertums, bei denen es oft Teil der Ausbildung ist, ein Musikinstrument zu erlernen. Somit entspräche die relativ häufige Beschäftigung von Ärzten mit Musik eher einem soziologischen Phänomen.

Eine interessantere Begründung ergibt sich aus offensichtlichen strukturellen Analogien zwischen Medizin und Musik. In beiden Gebieten gibt es eine hoch strukturierte Basis im Sinne objektiver naturwissenschaftlicher (bei der Medizin) beziehungsweise mathematischer (bei der Musik) Systeme. Und bei beiden wird diese Grundlage mit einer subjektiven Auslegung kombiniert: Beim Arzt resultiert daraus die Basis einer persönlichen Arzt-Patienten-Beziehung, beim Musiker die individuelle künstlerische Interpretation. Ohne diese subjektive Ebene ist beides undenkbar. Bisherige Versuche einer Automatisierung, zum Beispiel in Form von computerisierter medizinischer Versorgung oder musikalischer Produktion, sind gescheitert. Eine zusätzliche emotionale Analogie ist die entbehrungsreiche Ausbildung in beiden Professionen. Sowohl im langen Medizinstudium mit nachfolgender Facharztausbildung als auch bei der Musikerausbildung, im konsequenten Übungsprogramm dem Leistungssport durchaus vergleichbar, gibt es keine schnelle Gratifikation. Eine mögliche Kompensation ergibt sich erst viel später aus der emotionalen Zuwendung der Patienten beziehungsweise des Publikums. Hier wird der Halbgott in Weiß verehrt, da dem Bühnenstar applaudiert.

Eine pragmatische Begründung ergibt sich aus dem leidvollen Alltag vieler Ärzte: Als Ausgleich wenden sie sich in der Freizeit den schönen künstlerischen Dingen zu. Adorno deutete diese besondere Affinität der Ärzte für Musik als Protest gegen einen Beruf, „der dem Intellektuellen, der ihn ergreift, besonders viel zumutet, Opfer verlangt, wie sie sonst nur von körperlich Arbeitenden verlangt werden: Ekelerregendes berühren und über die eigene Zeit nicht verfügen, sondern auf Abruf warten. Die musikalische Sublimierung entschädigt dafür.“ Sie sei die geistige Tätigkeit, um die sich der Arzt betrogen fühle.

Zitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2009; 106(25): A 1304–6

Prof. Dr. Stefan N. Willich
Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie
und Gesundheitsökonomie
Charité – Universitätsmedizin Berlin, 10098 Berlin
E-Mail: stefan.willich@charite.de

World Doctors Orchestra
Das World Doctors Orchstra (www.world-doctors-orchestra.org) wurde im Jahr 2007 in Berlin an der Charité gegründet. Es basiert auf dem Enthusiasmus vieler Kolleginnen und Kollegen und verbindet hohen musikalischen Anspruch mit globaler medizinischer Verantwortung. Rund 100 Ärztinnen und Ärzte aus mehr als 20 Nationen kommen zweimal im Jahr zusammen, um gemeinsam im Rahmen von Benefizkonzerten für medizinische Hilfsprojekte zu musizieren.

Dabei geht es den ambitionierten Musikern, die ihre Kosten für Reise und Unterkunft selbst tragen, nicht um künstlerischen Selbstzweck. Die Teilnehmer setzen sich mit ihrem außergewöhnlichen Engagement ideell und finanziell dafür ein, eine von nationalen Grenzen und politischen oder wirtschaftlichen Interessen unabhängige medizinische Versorgung der gesamten Weltbevölkerung zu realisieren. Das Orchester versteht sich als internationaler „ärztlicher Botschafter“. Dem Kuratorium des World Doctors Orchestra gehören unter anderem Prof. Dr. Hoppe, Präsident der Bundes­ärzte­kammer, und Dr. Jonitz, Präsident der Berliner Ärztekammer an. Mit der Weltgesundheitsorganisation ist eine Zusammenarbeit vorgesehen.

In den Arbeitsphasen des Orchesters wird das Programm für Vorkonzerte in Krankenhäusern und das Abschlusskonzert erarbeitet. Die Eintrittserlöse kommen medizinischen Hilfsprojekten zugute. Bisher ging es an die Hugo-Tempelmann-Stiftung, die in Südafrika medizinische Akutversorgung und Gesund­heits­förder­ung unterstützt, das Hilfswerk Dr. Elisabeth Vomstein in Indien, die Free Medical Clinic in Cleveland und das Behandlungszentrum für Folteropfer in Berlin. Das World Doctors Orchestra ist ein eingetragener gemeinnütziger Verein, der unabhängig von politischen, religiösen oder wirtschaftlichen Einflüssen tätig ist. Nach erfolgreichen Auftritten in Berlin und Cleveland findet das nächste Konzert am 4. Juli 2009 in Berlin statt. Weitere Konzerte sind bereits in Armenien, Deutschland, Taiwan, Australien und China geplant.
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