ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2009Ärzteschach: Unglaublich, aber wahr

SCHLUSSPUNKT

Ärzteschach: Unglaublich, aber wahr

Pfleger, Helmut

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Foto: Dagobert Kohlmeyer
Foto: Dagobert Kohlmeyer
Angeblich gibt es in einer normalen Schachpartie von 40 Zügen 10125 Möglichkeiten, weit mehr als die 1082 Atome im gesamten Weltall mit all seinen Millionen von Lichtjahren entfernten Galaxien. So unglaublich das klingen mag, so variantionsreich ist das Schachspiel mit Sicherheit; schließlich gibt es schon nach dem ersten Zug 400 verschiedene Stellungen, die natürlich mit jedem weiteren Zug „explodieren“.

Weithin bekannt ist die Legende von den Weizenkörnern, in der ein indischer Herrscher einem verdienten Untertanen eine Belohnung verspricht und dieser die Bitte äußert, auf dem ersten Feld ein, auf dem zweiten zwei, auf dem dritten vier und auf jedem weiteren bis schließlich zum 64. Feld die jeweils doppelte Anzahl von Weizenkörnern zu bekommen. Fast schon erzürnt gewährt der Herrscher die scheinbar allzu bescheidene Bitte, um dann aber feststellen zu müssen, dass dies völlig jenseits seiner Möglichkeiten ist, dass mit dieser Menge von Weizenkörnern ganz Indien einen Meter hoch bedeckt wäre.

Beide Beispiele zeigen, wie komplex das Schachspiel ist, implizit aber auch, dass es extrem unwahrscheinlich ist, dass unter all den Millionen von gespielten Partien ein und die gleiche identisch ein zweites Mal aufs Brett kommt. Und doch kommt dies wegen der immanenten Logik des Schachs und der heutzutage viel größeren Verwissenschaftlichung mit den entsprechenden Datenbanken, wenn auch sehr selten, schon einmal vor.

Womit wir bei der 17. Deutschen Ärztemeisterschaft und hier bei Dr. med. Matthias Birke wären. Sowohl beim vorausgehenden Blitzturnier (wo jeder nur fünf Minuten Bedenkzeit für die ganze Partie hat) als auch bei der eigentlichen (Schnellschach-)Meisterschaft mit 30 Minuten pro Partie hatte er in einer selten gespielten Eröffnung nach immerhin schon 14 Zügen und einer damit bereits astronomischen Anzahl von Stellungsmöglichkeiten eine identische Stellung auf dem Brett. Erst dann gingen Dr. med. Kurt Baum aus München und Dr. med. Andrea Huppertz aus Köln, die nichts von der anderen, vorherigen Partie wusste, als Schwarze verschiedene Wege.

Beide Male ging das Rezept des Dermatologen Dr. Birke auf, was mich an seinen berühmten Vorgänger, Dr. med. Gottfried Benn, denken ließ. Einem Kollegen, der ihn vertreten sollte, aber die eigene hautärztliche Kompetenz infrage stellte, gab er den schriftlichen Rat: „. . . keine Beunruhigung. Sie brauchen gar nicht hinsehen, Sie verschreiben für alles Tumenol-Ammonium mit Zinkpaste, das hilft.“

Nun bin ich gespannt, ob beim nächsten Ärzteturnier Dr. Birke wiederum die gleiche Stellung auf dem Brett haben wird, natürlich auch, ob er im positiven Fall noch hinschaut – etwaige Gegner seien jedenfalls schon gewarnt.

Dr. Baum setzte er schließlich unter Damenopfer matt, während er es gegen Dr. Huppertz, die ansonsten ein sehr gutes Turnier spielte, just auf deren bestes Stück abgesehen hatte.

Wie stellte er sie als Weißer am Zug vor die üble Alternative Matt oder Damenverlust?

Lösung:
Der stolz auf d6 im schwarzen Lager thronende und die schwarzen Türme lähmende Springer hatte mit 1. Se4! noch viel Lohnenderes im Sinn, denn dem Tritt gegen die schwarze Dame und deren Ausweichen mit 1. . . . Df5 folgte das schreckliche Schachgebot: 2. Sf6+. Die Schwarze gab schon auf, weil sie ihre Dame hergeben muss, um nicht nach einem Königszug, zum Beispiel 2. . . . Kg7, durch 3. Txh7+ mattgesetzt zu werden.
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