ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2009Aktionswoche Alkohol: „Die Sucht kommt schleichend“

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Aktionswoche Alkohol: „Die Sucht kommt schleichend“

Gieseke, Sunna

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Riskanter Alkoholkonsum ist noch immer ein Tabuthema. Problematisches Trinkverhalten sollte aber offen angesprochen werden. Foto: mauritius images
Riskanter Alkoholkonsum ist noch immer ein Tabuthema. Problematisches Trinkverhalten sollte aber offen angesprochen werden. Foto: mauritius images
Mit der Kampagne „Alkohol? Kenn Dein Limit“ will man Erwachsene dafür sensibilisieren, verantwortungsvoll mit Alkohol umzugehen.

Mehr als 9,5 Millionen Menschen betreiben einen riskanten Alkoholkonsum. Der Übergang zur Sucht kann schleichend verlaufen. Daher ist es wichtig, Menschen rechtzeitig über einen verantwortungsbewussten Umgang mit Alkohol aufzuklären. Die „Aktionswoche Alkohol“ machte nun bundesweit auf die Gefahren des übermäßigen Alkoholkonsums aufmerksam. Allein in Berlin gab es mehr als 100 Veranstaltungen zu diesem Thema. Hintergrund der Aktionen ist die neue Kampagne „Alkohol? Kenn Dein Limit“ der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Sabine Bätzing (SPD), der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS).

Ziel sei es, über verantwortlichen und maßvollen Alkoholkonsum aufzuklären, betonte Bätzing bei der Auftaktveranstaltung Mitte Juni in Berlin. „Alkohol zu trinken setzt immer eine besondere Verantwortung für Maß, Ort und Zeit voraus.“ In bestimmten Lebenssituationen müsse das Nichttrinken selbstverständlich werden: im Kindes- und Jugendalter, im Straßenverkehr, bei der Arbeit und besonders während der Schwangerschaft, sagte die Bundesdrogenbeauftragte und Schirmherrin der Aktionswoche. Vor allem unter Freunden, Arbeitskollegen, in der Familie und beim Hausarzt dürfe problematisches Trinkverhalten nicht tabuisiert werden.

Bundesweit gab es mehr als 2 500 Veranstaltungen – die DHS feierte die Aktionswoche als vollen Erfolg. „Der Alkoholkonsum in Deutschland ist extrem. Dies gilt für alle Bevölkerungsgruppen, jedes Alter und Männer wie Frauen gleichermaßen“, erklärte Dr. Raphael Gaßmann, Geschäftsführer der DHS. Deutschland belege mit 9,9 Litern reinen Alkohols pro Kopf und Jahr weltweit den sechsten Platz. Besonders im europäischen Vergleich sei der Alkoholkonsum hierzulande sehr hoch. Etwa 1,3 Millionen Menschen gelten in Deutschland als alkoholabhängig, bei etwa zwei Millionen Menschen liege ein Alkoholmissbrauch vor.

Selbst in der Altersgruppe der Zwölf- bis 17-Jährigen, von denen nach dem Jugendschutzgesetz der größte Teil eigentlich gar keinen Alkohol trinken dürfte, betreiben etwa 20 Prozent „Binge Drinking“. Dies ergab eine aktuelle Befragung durch die BZgA. „Wer Alkohol unterschätzt, lebt gefährlich. Dies gilt für Erwachsene, vor allem aber auch für Jugendliche, die sich oft nicht über die Folgen unkontrollierten Alkoholkonsums im Klaren sind“, so der Präsident der Lan­des­ärz­te­kam­mer Hessen, Dr. med. Gottfried von Knobloch zu Hatzbach. Die Lan­des­ärz­te­kam­mer beteiligte sich an der Aktionswoche mit Alkohol-Aufklärungsaktionen an hessischen Schulen. „Da Alkohol heute in allen Schichten ,gesellschaftsfähig‘ ist, darf es nicht verwundern, dass junge Menschen immer früher zu alkoholischen Getränken greifen“, sagte von Knoblauch. Verbote seien seiner Meinung nach zur Vorbeugung wenig sinnvoll. Aus diesem Grund sei es wichtig, Jugendliche über einen verantwortungsbewussten Umgang mit Alkohol zu informieren. Die Aktionen, mit der die Lan­des­ärz­te­kam­mer an der Kampagne mitwirkte, seien Teil eines langfristig angelegten Projekts. Ärzte werden als Experten an hessische Schulen vermittelt und klären dort im Unterricht, bei Elternabenden oder auf Gesundheitstagen über die Risiken des Alkoholkonsums auf.

Gaßmann betonte, dass es zwar angesichts des bedenklichen Alkoholkonsums der Jugendlichen wichtig sei, diese über die Folgen aufzuklären. Dass man aber gleichzeitig die Erwachsenen nicht vergessen dürfe. „Wir fokussieren auf die Jugendlichen, und wir Erwachsenen können uns derweil entspannt zurücklehnen.“ Das Thema ginge aber alle an: Jeder fünfte Mann und fast jede sechste Frau trinken zu viel. Zudem machten die Erwachsenen die Werbung für Alkohol und Geschäfte, ohne den Jugendschutz zu bedenken. „Erwachsene sind also schlechte Vorbilder.“
Sunna Gieseke
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