ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2009Franziskuscarré Münster: Eine Alternative zum MVZ

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Franziskuscarré Münster: Eine Alternative zum MVZ

Teßarek, Ulrike

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LNSLNS Es muss nicht zwingend ein Medizinisches Versorgungszentrum sein. Die St.-Franziskus-Stiftung Münster verfolgt eine Strategie, bei der selbstständige Partner in ambulant-stationär vernetzten Strukturen am Krankenhaus zusammenarbeiten.

Die steigenden Kosten und eine unsichere Finanzplanung im Gesundheitswesen erfordern Umstrukturierungen, die eine patientenorientierte Leistungssteigerung unter optimaler Nutzung aller Ressourcen erlauben. Nur die enge interdisziplinäre Kooperation aller Leistungserbringer über die sektoralen Grenzen hinweg kann langfristig die Entwicklung gemeinsamer Behandlungsabläufe und Strukturmodelle auf vertikaler (ambulant/stationär) und horizontaler (interdisziplinär) Ebene ermöglichen.

Als Reaktion auf diese Herausforderungen verfolgt die St.-Franziskus-Stiftung Münster, die 15 Krankenhäuser in Nordwestdeutschland betreibt, eine Strategie, nach der selbstständige Partner in ambulant-stationär vernetzten Strukturen unmittelbar am Krankenhaus zusammenarbeiten („Campus-Lösung“). Diese wurde auch am St.-Franziskus-Hospital Münster realisiert. Das Franziskuscarré mit seiner engen räumlichen Anbindung von ambulanten Facharztpraxen an das Krankenhaus bietet eine Struktur, die die Versorgungsqualität mit Blick auf den gesamten Behandlungsablauf optimiert.

Das St.-Franziskus-Hospital ist ein Krankenhaus der Schwerpunktversorgung mit 562 Planbetten in 19 (Teil-)Kliniken. Es werden jährlich rund 27 000 Patienten stationär behandelt und etwa 23 000 Operationen stationär und ambulant durchgeführt. Die durchschnittliche Verweildauer liegt mit unter sechs Tagen unter dem Bundesdurchschnitt. Bereits seit Ende der 80er-Jahre richteten niedergelassene Pathologen und Radiologen, aber auch Belegärzte ihre Praxen am Krankenhaus ein.

Im August 2007 nahm das Franziskuscarré mit 17 Facharztpraxen und verschiedenen Gesundheitsdienstleistern seinen Betrieb auf. Die 23 Einheiten waren bereits während der Bauphase komplett vermietet. Die Investitionskosten von rund 16 Millionen Euro wurden aus Eigen- und Kapitalmarktmitteln der Stiftung aufgebracht. Sie werden durch die Vermietung der Räumlichkeiten refinanziert. Insgesamt umfasst das Gebäude fünf Ebenen, die an drei Seiten den Sockel eines Bettenhauses umschließen. Die drei oberen Ebenen dienen als Praxisflächen sowie dem ambulanten OP-Bereich. Auch die endoskopische Abteilung des Krankenhauses ist hier untergebracht. Die Praxen des Franziskuscarrés sind auf jeder Ebene über einen gemeinsamen Verkehrsknoten räumlich eng mit dem Krankenhaus verbunden. Die im Facharztzentrum errichteten Operationskapazitäten werden ambulant und stationär (durch Belegärzte) genutzt.

Eine Vielzahl von Spezialisten – in den 17 Facharztpraxen sind mehr als 40 Fachärzte tätig – ist somit unmittelbar am Krankenhaus angesiedelt: Fachärzte für Anästhesie, Angiologie, Augenheilkunde, Dermatologie, Diabetologie, Dialyse, HNO, Humangenetik, Innere Medizin, Kardiologie, Kinderchirurgie, Nephrologie, Oralchirurgie, Pädaudiologie, Pränataldiagnostik, Proktologie, Pneumologie, Radiologie, Schmerztherapie, Urologie sowie Zahnmedizin. Im Zugangsbereich zum Franziskuscarré, der gleichzeitig die Eingangshalle des Hospitals darstellt, befinden sich zudem weitere Gesundheitsdienstleister, Shops sowie die Informations- und Wartezonen. Alle Angebote können sowohl von den Patienten/Besuchern des Carrés als auch des Hospitals genutzt werden.

Marktposition stärken
Als Initialpartner verfolgte das St.-Franziskus-Hospital das Ziel, ein medizinisches Kompetenzzentrum mit umfassendem Leistungsangebot am selben Standort aufzubauen. Mit der Etablierung eines Fachärztezentrums sollte das bestehende Leistungsspektrum vertieft und erweitert werden. In einem wettbewerblich geprägten Umfeld zielte der Aufbau des Fachärztezentrums auch darauf ab, die Marktposition zu stärken. Die Festlegung der Ziele erfolgte unter Einbindung der im Hospital tätigen Chefärzte und leitenden Ärzte. Wesentliche Voraussetzung für das Gelingen des Vernetzungsprozesses war die frühzeitige Einbindung aller Kooperationspartner in die inhaltliche Konzipierung.

Die Fokussierung auf selbstständige spezialisierte Fachärzte als Kooperationspartner – und eben nicht der Aufbau eines MVZ mit angestellten Ärzten – soll maximale Synergien ermöglichen und gleichzeitig eine mögliche Konfrontation mit anderen niedergelassenen Ärzten in der Umgebung vermeiden. Bei der Wahl der Disziplinen standen neben dem Ziel einer möglichst gemeinsamen Nutzung von Ressourcen (etwa Räumlichkeiten, Personal, medizinische Großgeräte) vor allem die Erweiterung und Spezialisierung der vom Hospital vorgehaltenen Leistungs- und Behandlungsschwerpunkte mit entsprechender inhaltlicher Verzahnung des ambulanten und stationären Versorgungsbereichs im Vordergrund.

Komplettiert wird die Organisationsstruktur zwischen Hospital und Franziskuscarré durch eine Netzwerkmanagerin (Anästhesistin, Master of Public Health), die für die Steuerung und kontinuierliche Weiterwicklung des Kooperationsprozesses verantwortlich ist. Die Schaffung dieser Stabsstelle sichert somit die Kommunikation und Kooperation der vielfältigen Disziplinen und Arbeitsbereiche und bietet die Entwicklungsplattform für gemeinsame Projekte. Vor dem Hintergrund des klinischen Alltags scheint die Implementierung einer solchen Managementstruktur sinnvoll, um die Koordination und Entwicklung der Projekte und damit eine nachhaltige Weiterentwicklung des Netzwerks zu gewährleisten.

Kurze Wege für die Patienten
Die enge inhaltliche und räumliche Verzahnung zwischen dem Facharztzentrum und dem Krankenhaus ermöglicht kurze Wege für den Patienten. Darüber hinaus werden unterschiedliche Synergien genutzt. Neben der gemeinsamen Nutzung etwa von Räumlichkeiten, Personal, medizinischen Großgeräten steht die Entwicklung medizinischer Versorgungsmodelle im Vordergrund. Als ein Beispiel ist das regional etablierte Gefäßnetzwerk zwischen ambulant tätigen Angiologen und in der Klinik angestellten Gefäßchirurgen zu nennen. Das angebotene Spektrum umfasst nicht invasive Gefäßdiagnostik, interventionelle Therapie und die gesamte Nachsorge. Auch die gemeinsame Betreuung und Versorgung von Schwangeren unter möglicher Einbindung von Pränataldiagnostik, Gynäkologie, Neonatologie, Kinderchirurgie, Anästhesie und Beratungsstellen verdeutlicht die Interdisziplinarität der sektorenübergreifenden Versorgung. Ziel ist eine kontinuierliche Weiterentwicklung derartiger Versorgungsmodelle, die künftig unter Einbindung von Zu- beziehungsweise Einweisern und entsprechenden Gesundheitsdienstleistern eine umfassende Patientenbetreuung über den gesamten Behandlungsverlauf ermöglichen.

Als eine gemeinsame Aktivität ist die Implementierung des „FranziskusForums“ zu nennen. Diese regelmäßig stattfindende Informations- und Fortbildungsveranstaltung wird gemeinsam von Experten aus dem Franziskuscarré und dem St.-Franziskus-Hospital gestaltet.

Der hier beschriebene Aufbau innovativer intersektoraler Kooperationsmodelle ist eine mögliche Antwort auf die wachsenden qualitativen und ökonomischen Anforderungen des Gesundheitsmarkts. Durch die Errichtung des Franziskuscarrés mit der engen Anbindung ambulanter Versorgungsstrukturen an eine stationäre Einrichtung sind am St.-Franziskus-Hospital die Voraussetzungen für eine Optimierung im Bereich der sektorenübergreifenden Patientenversorgung geschaffen worden. Schon jetzt zeigen die bisherigen Erfahrungen, dass die „Campus-Lösung“ ein praktikables Modell zur Entwicklung von sektorenübergreifenden und interdisziplinären Versorgungsstrukturen im Sinne einer optimierten Versorgungsqualität darstellt.

Dr. med. Ulrike Teßarek MPH
Netzwerkmanagement
St.-Franziskus-Hospital Münster
Hohenzollernring 72, 48145 Münster
E-Mail: ulrike.tessarek@sfh-muenster.de

eTabelle und eGrafik unter:
www.aerzteblatt.de/2609
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