ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2009Roman: Vertrauensfrage an die Gesellschaft

KULTUR

Roman: Vertrauensfrage an die Gesellschaft

Großner, Barbara

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Juli Zeh: Corpus Delicti. Ein Prozess. Schöffling, Frankfurt am Main 2009, 272 Seiten, gebunden, 19,90 Euro
Juli Zeh: Corpus Delicti. Ein Prozess. Schöffling, Frankfurt am Main 2009, 272 Seiten, gebunden, 19,90 Euro
Juli Zehs neuer Roman ist eine Utopie im Stil Orwells oder Huxleys. Sie blickt auf ein Staatssystem der Zukunft, in dem Gesundheit zum höchsten Wert überhaupt geworden ist. In der Annahme, dass ein Gesundheitssystem für alle nur über maximale Prävention zu finanzieren ist, hat der Staat alle notwendig erscheinenden Maßnahmen getroffen: Die Bürger bewegen sich in keimfreien Zonen – und nur da; implantierte Chips geben zu jedem Zeitpunkt Auskunft über zugeführte und abgearbeitete Kalorien. Man grüßt sich mit „Santé“ und bietet sich freundlich ein Glas heißes Wasser an.

Widerstand in Form der Gefährdung der eigenen Gesundheit, ob durch Alkohol, Nikotinkonsum oder unzureichende sportliche Aktivität ist zum Schutz der Allgemeinheit vor den Folgekosten rechtlich sanktioniert. In dieser Welt gerät die Protagonistin Mia Holl nach dem Tod ihres rebellischen Bruders in die Mühlen der Justiz und immer mehr in die Rolle einer gesundheitspolitischen Jeanne d’Arc bis zu ihrer Verurteilung zum „Einfrieren auf unbestimmte Zeit“.

„Corpus Delicti“ wirkt in der Intensität der Dialoge und dem programmatischen Monolog des Kernkapitels, der Vertrauensfrage Mia Holls an die Gesellschaft, in der sie lebt, kammerspielartig, und tatsächlich ist das Buch ursprünglich für die Bühne geschrieben. Zeh stellt zwei große Themen besonders heraus: Die Eingrenzung der Rechte des Einzelnen zum Wohl der Gemeinschaft und die konsequente Umsetzung medizinischer Prävention, um Gesundheit für alle in Zeiten schwindender Ressourcen aufrechterhalten zu können. Wie hoch der Preis für die scheinbar durch und durch gesunde Welt ist, wird mehr als deutlich.

Das Prinzip totaler gesundheitlicher Kontrolle wird in seiner Sinnlosigkeit, fehlenden Sinnlichkeit und Inhumanität dargestellt. Das Buch ist eine deutliche Warnung vor dem Weg, den unser System gehen könnte, wenn bestehende Ansätze nur konsequent genug weiterverfolgt werden. Wie weit ist unsere Gegenwart mit der Erfassung biometrischer Daten in Pässen und medizinischer Diagnosen auf Chipkarten noch von der zukünftigen Welt Mia Holls entfernt? Mehr oder weniger als 60 Jahre?

Dass medizinischen Fakten an einer Stelle etwas verdreht werden, mag an der Medizin der Zukunft liegen, im Endeffekt mindern sie die Bedeutung des Textes nicht, der die Leser, insbesondere aber die Ärzte, über den Blick in die Zukunft daran erinnert, die Gegenwart im Auge zu behalten.
Barbara Großner
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