ArchivDeutsches Ärzteblatt10/1996Vergangenheit: Ergänzung

SPEKTRUM: Leserbriefe

Vergangenheit: Ergänzung

Wandt, H.

Zu der Würdigung von Prof. Dr. med. Dr. med. h. c. Hans Joachim Sewering anläßlich seines 80. Geburtstages in der Rubrik Varia des Heftes 4/1996
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LNSLNS Es ist normalerweise nicht verwunderlich, wenn, wie es nur allzuoft der Brauch ist, bei der Würdigung von "ehrenwerten Männern" die Zeit von 1933 bis 1945 ausgeblendet wird. Daß sich dies aber auch nach einem langen Jahr des Gedenkens an das Ende des Nationalsozialismus nicht geändert hat, macht mich traurig und ärgerlich zugleich.
Am 1. August 1994 meldete die Deutsche Presseagentur, daß Herr Sewering wegen seiner NS-Vergangenheit nicht mehr in die USA einreisen dürfe. Dabei ging es nicht nur darum, daß er seit 1933 Mitglied der SS und seit 1934 auch der NSDAP war, sondern auch um seine umstrittene Tätigkeit als "Hausarzt" an der Pflegeanstalt Schönbrunn während der NS-Zeit. Er war in wenigstens einem Fall an der Verlegung einer Patientin von Schönbrunn in die Pflegeanstalt Eglfing-Haar beteiligt. Der heutige Direktor und die Oberschwester der Schönbrunner Anstalt schreiben über diese Verlegungen in einer Dokumentation 1993: " . . . die Schwestern wußten, daß diese schwer körperlich und geistig behinderten Menschen als sogenanntes ,unwertes Leben' vernichtet werden sollten." Herr Sewering hat nach seinen Aussagen von alledem nichts gewußt, und es ist auch heute nicht mehr möglich, anderes zu beweisen. Wegen der Diskussion um seine NSVergangenheit trat Herr Sewering jedoch nach weltweiten Protesten vom Amt des Präsidenten der "World Medical Association" 1993 zurück.
Es ist zu hoffen, daß in zukünftigen Jubiläumsartikeln an Stelle der Ausgrenzung der NS-Zeit angstfrei und offen über diese Zeit geschrieben werden kann, auch wenn Einzelheiten durchaus umstritten sein können. In diesem Sinne bin ich hoffnungsvoll.
Dr. med. H. Wandt, Georg-Eberlein-Straße 18, 90408 Nürnberg


Redaktionelle Anmerkung: Eine offene Auseinandersetzung mit der NS-Zeit hat das Deutsche Ärzteblatt in einer 16teiligen Serie über die "Medizin im Dritten Reich" in den Jahren 1988/89 begonnen. Den Vorwürfen gegen Prof. Sewering wegen dessen Tätigkeit in Schönbrunn ist das Deutsche Ärzteblatt in Heft 5/1993 nachgegangen, die jüngsten Vorwürfe hat das Bayerische Justizministerium überprüft. Anhaltspunkte für ein Verschulden wurden nach Mitteilung des Ministeriums nicht gefunden.

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