ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2009Nordsee-Internat: Lernen am Meer

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Nordsee-Internat: Lernen am Meer

Dtsch Arztebl 2009; 106(26): A-1377 / B-1169

Gieseke, Sunna

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Das Internat Campus Nordsee bricht mit neuem Konzept alte Strukturen auf: Schüler, Pädägogen und die Leitung arbeiten motiviert zusammen.

Auf den Aufenthalt im Internat Campus Nordsee in Sankt Peter-Ording hat sich Marie* sehr gefreut. „Das Meer in direkter Nähe: Das habe ich mir toll vorgestellt.“ Die 19-jährige Abiturientin lächelt, als sie von ihren ersten Vorstellungen des Internatslebens berichtet. „Aber die Nordsee ist ja häufig gar nicht da!“ An Ebbe und Flut hatte sie damals nicht gedacht. Marie hat sich vor vier Jahren für ein Leben im Internat entschieden. Der Grund: Sie war schlecht in der Schule – wie viele ihrer jetzigen Mitschüler auch. Wie zum Beispiel Zahnarzttochter Laura*. Bei ihr war die Versetzung zum zweiten Mal gefährdet. Das Nordsee-Internat haben die Schülerinnen gewählt, weil ihnen das Konzept sehr gut gefiel: „Man lebt zwar im Internat, geht aber auf eine staatliche Schule.“ Der Unterricht findet nicht im Internat selbst, sondern in den örtlichen Schulen statt. Aus diesem Grund sind nicht alle Internatsbewohner auf derselben Schule: Einige besuchen die Haupt- und Realschule, andere das Gymnasium. Es gibt sogar eine Grundschülerin, um die man sich hier fürsorglich kümmert. Die Trennung zwischen Schule und Internat wird von allen Schülern sehr geschätzt: Häusliche Probleme haben keinen direkten Einfluss auf die Situation in der Schule.

Eine Mutter, deren Sohn das Internat besucht, bestätigt allerdings, wie schwierig es sein kann, das richtige Internat zu finden. „Das ist wirklich ein Dschungel“, betont die Frau. In diesem Fall hätte ihr zugesagt, dass die Kinder sowohl schulisch als auch sportlich und musikalisch gefördert werden.

Kein elitärer Kreis: Der Unterricht findet nicht im Internat, sondern in den örtlichen Schulen statt. Fotos: Visuelle Lebensfreude, Markus Heimbach, Anne Jessen
Kein elitärer Kreis: Der Unterricht findet nicht im Internat, sondern in den örtlichen Schulen statt. Fotos: Visuelle Lebensfreude, Markus Heimbach, Anne Jessen
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„In unserem Internat entsteht dennoch kein elitärer Kreis aus Internatsschülern“, sagt Rainer von Bülow, kaufmännischer Leiter des Internats. Die etwa 120 Schüler müssen auch mit den „Dörflern“ auskommen. So werden die Bewohner Sankt Peter-Ordings im Jargon des Internats genannt. Da könnte allerdings der Zusammenhalt unter den Internatsschülern auf der Strecke bleiben. Dieser Herausforderung stellen sich von Bülow und der pädagogische Leiter Rüdiger Hoff aber gern. „Uns ist es vor allem wichtig, dass wir ein gutes Verhältnis zu unseren Schülern haben“, betont von Bülow. Um dieses zu pflegen, trifft sich die Internatsleitung jeden Montag mit Vertretern der Schülerschaft. Beim Mittagessen werden verschiedene Aspekte des Internatslebens besprochen. „Wir sind selbst manchmal ganz überrascht, welche Vorschläge von den Schülern kommen“, sagt Hoff. Man merkt dem pädagogischen Leiter an, dass er sich für die Angelegenheiten der Schüler begeistern kann. „Wir sind keine reine Aufbewahrungsanstalt“, bestätigt auch von Bülow. „Die Schüler müssen in den Ferien nach Hause fahren.“ Die enge Zusammenarbeit mit den Eltern gehöre zum Konzept des Internats.

Eigene Zimmer für die Schüler der Oberstufe: Hier sind die Internatszöglinge für die Organisation des Tagesablaufs weitgehend selbst verantwortlich.
Eigene Zimmer für die Schüler der Oberstufe: Hier sind die Internatszöglinge für die Organisation des Tagesablaufs weitgehend selbst verantwortlich.
Die Schüler werden im Nordsee-Internat an „der langen Leine“ gehalten. Das vorrangige Ziel ist es, sie zur Selbstständigkeit zu erziehen. Dazu beitragen soll die Wohngemeinschaft (WG) mitten auf dem Gelände. Schüler der Oberstufe haben die Möglichkeit, in eines der begehrten Zimmer zu ziehen. In dieser Wohnung sind die Jugendlichen für sich selbst verantwortlich: putzen, abwaschen, rechtzeitig aufstehen und den Schulalltag organisieren gehören dann zum Erwachsenwerden dazu.

Nachmittags haben alle Schüler ein straffes Programm: Die Lernzeit von 16 bis 18 Uhr ist verbindlich. Unter Aufsicht müssen sie zwei Stunden lang in kleinen Gruppen ihre Hausaufgaben erledigen und den Unterricht vor- und nachbereiten. Darüber hinaus gibt es den nachmittäglichen Förderunterricht. Selbst die Schüler scheinen begeistert zu sein. „Der Förderunterricht ist gut. Er bringt wirklich etwas, wenn man sich darauf einlässt“, meint die 15-jährige Sarah*. Am Anfang habe sie noch viel Förderunterricht gebraucht. Nun sei dieser aber nur noch sporadisch notwendig. „Und wenn man mal kurzfristig Hilfe braucht, erhält man auch welche.“

Erfolgreiche Quote: Mit rund 98 Prozent erreicht die überwältigende Mehrheit der Schüler im Internat Campus Nordsee den Abschluss.
Erfolgreiche Quote: Mit rund 98 Prozent erreicht die überwältigende Mehrheit der Schüler im Internat Campus Nordsee den Abschluss.
Einer der pädagogischen Mitarbeiter weiß: „Die Schüler brauchen etwa ein halbes Jahr, bis sie hier ankommen.“ Die Eltern würden häufig Wunder erwarten, schmunzelt er. Manches Mal würden die Leistungen der Schüler aber zunächst schlechter. „Das ist dann oft ein Schock für die Eltern“, fügt der Pädagoge hinzu. Bei Sarah war dies zunächst auch der Fall. Jetzt steht die Schülerin bei einem Notendurchschnitt von 2,3 und hat ehrgeizige Ziele: Schließlich will sie später Musiktherapeutin werden.

Mit dem neuen pädagogischen Konzept versucht die Leitung, Schüler und Mitarbeiter stärker einzubinden und dadurch auch mehr zu motivieren. Letztendlich sei das Internat ein Produkt, an dem alle mitarbeiten müssten, betont Hoff. „Erfolgreich lernen – Impulse fürs Leben“ heißt das Motto des Internats. Und es zeigt Erfolg: Etwa 98 Prozent der Schüler erreichen ihren Abschluss.

Laura und Marie würden nach dem Abitur am liebsten in Sankt Peter-Ording bleiben. Allerdings wollen beide studieren: Zahnmedizin und Jura. Schweren Herzens werden sie das Internatsleben hinter sich lassen.
Sunna Gieseke
* Name von der Redaktion geändert

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