ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2009Von schräg unten: Fremdwörter

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Fremdwörter

Böhmeke, Thomas

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Je komplizierter die Wortwahl, desto ehrfurchtsgebietender die Aussage. Idiopathisch klingt nun mal besser als „ich-weiß-auch-nicht-wo-das-herkommt“; ein Korrelationskoeffizient von 0,1 meißelt einen Zusammenhang in den Stein der Weisen. Fremdwörter schützen vor Hinterfragung und schaffen damit Glaubhaftigkeit. Dieses altehrwürdige medizinische Prozedere hilft uns in vielen krankhaften Situationen. Ein gerade aus der Klinik entlassener Patient sitzt vor mir und beschwert sich. „Herr Doktor, zur Visite hat die Ärztin einfach nur die Nase durch die Tür gesteckt und gefragt: Alles klar? Und schon war sie wieder weg!“ Nun, so versuche ich ihn zu beruhigen, diese mikroskopische Form ärztlicher Empathie heißt aber noch lange nicht, dass die Kollegin nicht über alle Details seiner Gesundwerdung im Bilde war. Schließlich sind die Krankenhäuser heutzutage vernetzt, über das hauseigene Informationssystem kann sie jederzeit seine biometrischen Daten abrufen, die berechnete Kreatininclearance überprüfen, den Spannungskurvenverlauf seiner ST-Strecken kontrollieren, ein pneumonisches Infiltrat im Röntgen-Thorax nachweisen. Über Telemetrie schaut sie nach seinem Herzen, über Somnografie wacht sie über seinen Schlaf. Ganz im Einklang mit der Qualitätskontrolle nach DIN ISO 9001 kann man daher schon mal die Visite auf den Punkt bringen. Alles klar? Der Patient schaut mich misstrauisch an. Leider ist es nicht mehr so leicht wie früher, durch verbales Vakuum eine Beschwerde zu eradizieren. Er hakt nach: „Könnten Sie mir das bitte noch mal erklären?“ Ich erläutere ihm, dass die krankenhausimmanenten Versorgungsstrukturen sowie die Rechtsprechung hinsichtlich Dienstzeitregelung nach EuGH es mit sich bringen, dass das Gravitätszentrum der Patientenzuwendung auf einer effizienten DRG-fixierten Prozeduralisierung seiner Krankheitsentität liegt, dass das Fallpauschalensystem die ärztliche Arbeit segmentalisiert und das Patientenkolloquium minimalisiert. Da fällt die Visite halt knäpplich aus. Alles klar?

„Herr Doktor, nichts ist klar. Was Sie mir wahrscheinlich sagen wollen, heißt ja nichts anderes als Programm statt Patient, Maschinen statt Medizin, Verkabelung statt Visite, Fremdwörter statt Feingefühl. Wenn ihr Mediziner so weitermacht, dann laufen euch die Patienten weg. Alles klar?“

Alles klar.

Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.
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