ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2009„Was war das für eine aufregende, anregende Zeit“

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„Was war das für eine aufregende, anregende Zeit“

Jachertz, Norbert

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Tagungsort des Runden Tisches im Bezirk Halle: Das alte Stadthaus am Marktplatz. Im Vordergrund das Händeldenkmal Foto: picture-alliance/akg-images
Tagungsort des Runden Tisches im Bezirk Halle: Das alte Stadthaus am Marktplatz. Im Vordergrund das Händeldenkmal Foto: picture-alliance/akg-images
Dr. Willms erinnert sich: Die Arbeitsgruppe Gesundheitswesen des Runden Tisches in Halle macht Politik.

Am 30. April 1990 trafen sich die Vertreter aller 57 Krankenhäuser des Bezirkes Halle im „Klubhaus der Gewerkschaften“. Organisiert hatte das Treffen die Arbeitsgruppe Gesundheitswesen des Runden Tisches des Bezirks Halle. Deren Vertreter, Dr. jur. Peter Willms, war Leiter von zwei katholischen Krankenhäusern in Halle. Zuvor, am 18. April, hatte es in Haldensleben bereits ein ähnliches Treffen der Magdeburger gegeben. Auch in Magdeburg gab es eine Formation des Runden Tisches, die sich mit dem Gesundheitswesen beschäftigte. Unterstützung für beide kam aus Niedersachsen. Dieses Bundesland hatte schon Ende 1989 eine Art Patenschaft für die Bezirke Halle und Magdeburg, aus denen sich später das Land Sachsen-Anhalt bildete, übernommen.

Die Gäste aus dem Westen informierten die „Newcomer aus dem Osten“ (Willms) über Neuland: Pflegesatzrecht, Anhaltszahlen zur Personalbedarfsermittlung, Krankenhausfinanzierung, Antragsverfahren für den Krankenhausbau. Das war nicht nur neu, sondern Information und Hilfestellung, möglichst uneigennützig, waren bitter nötig. Denn für die „Newcomer“ sei es schwierig gewesen, so Dr. Willms, „das sogenannte freie Spiel der Kräfte einer sozialen Marktwirtschaft mit den oft gegensätzlichen und rigoros vertretenen Verbandsinteressen zu durchschauen“.

Auf die beiden Treffen im April folgte schließlich am 31. August 1990 die Gründung der Krankenhausgesellschaft Sachsen-Anhalt, obwohl es dieses Land noch gar nicht gab; es wurde erst zwei Monate später gegründet. Kurios ist auch, dass das Krankenhausfinanzierungsgesetz der DDR-Volkskammer vom 30. August 1990 schon auf die (damals noch westdeutsche) Bundespflegesatzverordnung verwies, obwohl doch der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik erst am 3. Oktober 1990 wirksam wurde. Es sei eben eine aufregende und anregende Zeit gewesen, bemerkt Dr. Willms, dem noch heute allerlei solcher Merkwürdigkeiten präsent sind.

Der Runde Tisch in Halle kümmerte sich nicht nur um den stationären Sektor, der allein schon durch seinen Moderator Dr. Willms besonders im Blickfeld war. In der Arbeitsgruppe Gesundheitswesen spielte dann auch noch dessen evangelisches Pendant, Dr. Reinhard Turre, der Rektor des Diakoniewerks, eine Rolle. Ihnen allen aber ging es insgesamt um die katastrophale Lage im Gesundheits- und Sozialwesen, gekennzeichnet durch knappe Mittel, finanziell wie technisch oder baulich. Vor allem aber drückte der Personalmangel. Am 18. Januar 1990 berichtete der Bezirksarzt dem Runden Tisch von gravierenden Personalmängeln, allein 1989 hätten 1 400 Mitarbeiter des Gesundheitswesens, darunter fast 400 Ärzte und 735 Schwestern die DDR verlassen. Er empfahl den Einsatz von Soldaten der Nationalen Volksarmee und von NAV-Bausoldaten. Der Runde Tisch wies den Bericht des Bezirksarztes zurück, vermerkt das Protokoll, und setzte eine Ad-hoc-Kommission ein (vgl. den Artikel von Francesca Weil), die einen Prioritätenkatalog erarbeiten sollte. Daraus entstand die Arbeitsgruppe Gesundheitswesen des Runden Tisches Halle, die auch noch nach Auflösung des Runden Tisches weiterarbeitete, bis zum August 1990. Mit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik – den beschloss die DDR-Volkskammer am 23. August 1990 – hatte sich ihr Auftrag erledigt.

Bis dahin leistete die Arbeitsgruppe pragmatisch politische Arbeit. So standen am 11. April 1990 etwa Anträge zum Pflegenotstand oder zu einer Parkinsonabteilung der Martin-Luther-Universität zur Debatte. Ein zeittypischer Tagesordnungspunkt betraf die Verteilung von Geldern, die die PDS an das Gesundheits- und Sozialwesen abzuführen hatte: Der Bezirk Halle bekam aus dem ehemaligen SED-Vermögen zum Beispiel rund 35 Millionen Mark für die Psychiatrie, 13 Millionen für die Medizin der Universität und 38 Millionen für die örtlichen Krankenhäuser. Die Arbeitsgruppe sorgte dafür, dass auch die konfessionellen Häuser bedacht wurden.

In der „aufregenden, anregenden“ Zeit wurde viel improvisiert und viel bewegt. Vor allem aber wurde die medizinische Versorgung, trotz der Aderlässe, aufrechterhalten. Wie? Durch großen persönlichen Einsatz. Im Grußwort zu jenem Krankenhaustag am 30. April 1990 steht zu lesen: „Mit einem Rest von Selbstachtung“ dürfe man feststellen, „dass wir auch etwas stolz darauf sein dürfen, dass bei all den unglaublichen materiellen und politischen Engpässen wir überhaupt unseren Standard erreichen und halten konnten“.

Eins aber ärgert Dr. Willms bis heute: Die Auflösung der Fachambulanzen der Krankenhäuser. Da sei die Chance vertan worden, ambulante und stationäre Versorgung effektiv zu verzahnen.
Norbert Jachertz
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