ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2009Kinder- und Jugendärzte: Keine Priorisierung, sondern eine optimale Versorgung für Kinder

POLITIK

Kinder- und Jugendärzte: Keine Priorisierung, sondern eine optimale Versorgung für Kinder

Dtsch Arztebl 2009; 106(27): A-1398 / B-1190 / C-1158

Rieser, Sabine

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LNSLNS BVKJ-Präsident Wolfram Hartmann verlangt eine angemessene Bezahlung für alle, die Kinder und Jugendliche versorgen – egal, ob Ärzte oder Erzieherinnen.

Eine Priorisierung bei der medizinischen Behandlung von Kindern und Jugendlichen lehnt der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (bvkj) ab. In Anlehnung an die UN-Kinderrechtskonvention von 1992 betonte bvkj-Präsident Dr. med. Wolfram Hartmann Mitte Juni in Berlin, der Nachwuchs habe Anspruch auf das erreichbare Höchstmaß an gesundheitlicher Versorgung. Hartmann nahm damit Bezug auf die allgemeine Diskussion, die der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Dietrich Hoppe, im Vorfeld des Deutschen Ärztetags angestoßen hatte – Hoppe hatte keine Priorisierung von Gesundheitsleistungen für Kinder und Jugendliche gefordert.

Hartmann kritisierte erneut die niedrigen Hartz-IV-Regelsätze für Kinder bis 14 Jahre. Sie liegen bei 211 Euro im Monat. „Davon kann man ein Kind nicht ernähren, davon können die Grundbedürfnisse eines Kindes nicht gestillt werden“, sagte Hartmann. Er forderte unentgeltliche, qualitativ durchweg gute Kita-Angebote, gerade um Kinder aus sozialen Randgruppen zu fördern.

Deshalb unterstütze man die Anliegen der Erzieherinnen und Erzieher, die streikten, allerdings nicht deren Protestform: „Tagelanges Bestreiken dieser Einrichtungen schadet gerade den Kindern, die kompetente Förderung benötigen, und gefährdet die oft bitter notwendige Erwerbstätigkeit der Eltern.“

Der bvkj-Präsident verwies aber zugleich auf die unzureichende Honorierung seiner Fachgruppe: „Durch die anhaltende Unterfinanzierung ärztlicher Leistungen im GKV-System sind die Kolleginnen und Kollegen nicht mehr bereit und in der Lage, sich in Wohnvierteln mit einem hohen Anteil an Arbeitslosen, Migranten und anderen Randgruppen niederzulassen. Wir können bereits in bestimmten Stadtteilen von Berlin, Hamburg, Bremen, Köln und anderen Großstädten diese Entwicklung beobachten.“

Darüber hinaus ging Hartmann auf die aktuelle Diskussion um den Abschluss von Hausarztverträgen nach § 73 b SGB V ein. Bisherige Verträge berücksichtigten die berechtigten Interessen von Kindern und Jugendlichen in keiner Weise, monierte er. Den bvkj stört seit Längerem, dass in den Verträgen, wie sie der Deutsche Hausärzteverband in Bayern und Baden-Württemberg abgeschlossen hat, keine speziellen Anforderungen an die Hausärzte gestellt werden, die Kinder versorgen.

„Wir sagen nicht, dass Hausärzte keine Kinder und Jugendlichen behandeln sollen“, stellte Hartmann klar. „Aber wir sagen, dass der, der sie behandelt, eine entsprechende Qualifikation braucht.“ Konkret verlangte er, dass Ärztinnen und Ärzte ohne abgeschlossene Weiterbildung in Kinder- und Jugendmedizin Mindestweiterbildungszeiten auf diesem Gebiet sowie eine kontinuierliche Fortbildung vorweisen müssten. Früherkennungsuntersuchungen bis zum 12. Lebensjahr sowie Überweisungen an Spezialambulanzen in Kinderkliniken sollten zudem vollständig weitergebildeten Kinder- und Jugendärzten vorbehalten sein.

Für geeigneter als die Ausweitung von Hausarztverträgen auf Kinder hält der bvkj eigenständige Verträge mit den Krankenkassen. Einige wurden bereits geschlossen. Sie sehen beispielsweise mehr Vorsorgeuntersuchungen als üblich vor (Informationen unter www.kinderaerzte-im-netz.de). Hartmann verwies zudem auf den bvkj-Vertrag zur pädiaterzentrierten Versorgung mit der AOK Bayern zum 1. April: „Er stellt aufgrund seiner Inhalte eine Blaupause für weitere Verträge mit den Krankenkassen dar.“
Sabine Rieser

Neu: Medienpreis
Es war die 39. Jahrestagung des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, dieses Mal vom 19. bis 21. Juni in Berlin. Aber es war zugleich die erste, bei der ein Medienpreis vergeben wurde. Mit ihm wurden vier Journalistinnen geehrt, die über Schicksale „vergessener“ Kinder berichtet haben:
- 1. Preis: Nikola Sellmair für „Zwei Kinder – zwei Welten“ in „Menschen. das Magazin“. Der Beitrag schildert die unterschiedlichen Lebenswelten von zwei Kindern aus zwei Schichten.
- 2. Preis: Anita und Marian Blasberg für „Die verhinderten Retter vom Jugendamt“ in der „Zeit“. Die beiden Journalistinnen schreiben über den Wedding in Berlin, wo zunehmend Familien in Not geraten, auch, weil staatliche Hilfe gekürzt wird.
- 3. Preis: Ulrike Meyer-Timpe für „Unsere armen Kinder“ in der „Zeit“. Sie beschreibt nicht nur, was Kinderarmut bedeutet, sondern auch, welche wirtschaftlichen Folgen diese hat. EB
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