ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2009Bologna-Prozess: Gefahr für ein hochwertiges Medizinstudium

POLITIK: Kommentar

Bologna-Prozess: Gefahr für ein hochwertiges Medizinstudium

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Prof. Dr. med. habil. Jan Schulze, Präsident der Sächsischen Landesärztekammer
Prof. Dr. med. habil. Jan Schulze, Präsident der Sächsischen Lan­des­ärz­te­kam­mer
Kommentar von Prof. Dr. med. habil. Jan Schulze, Präsident der Sächsischen Lan­des­ärz­te­kam­mer

Der Deutsche Ärztetag, der Medizinische Fakultätentag und der Juristische Fakultätentag lehnen einen Bachelor-/Masterstudiengang in der Mediziner- respektive in der Juristenausbildung ab. Die Bundes­ärzte­kammer hält nach wie vor an ihrer Auffassung fest, dass die konsequente Umsetzung der neuen Approbationsordnung an den medizinischen Fakultäten in Deutschland alle Möglichkeiten bietet, um im Rahmen eines einstufigen Studiengangs die notwendigen Reformen in Bezug auf Mobilität, Flexibilität und Anrechnung von Studienabschnitten zu realisieren.

Es darf keinen Bruch einer mehr als 800-jährigen Tradition mit einheitlichen und hochwertigen Studiengängen geben, die mit einem Staatsexamen und einer Berufsqualifikation abschließen.

Ebenso hat der Wissenschaftsrat davon abgeraten, das unausgereifte Bachelor-/Mastersystem für die Medizin vorzusehen. Folgerichtig hat auch der 112. Deutsche Ärztetag in Mainz die Einführung dieser gestuften Ausbildung für die Medizin abgelehnt und den Erhalt des einheitlichen, hochwertigen Medizinstudiums gefordert. Diese konsequente Auffassung wird – mit wenigen Ausnahmen – ebenfalls in den einzelnen deutschen medizinischen Fakultäten vertreten, obwohl durch die Hochschulrektoren- und die Kultusministerkonferenz ein zunehmender Druck entfaltet wird, bisherige Staatsexamensstudiengänge durch Bachelor- und Mastercurricula zu ersetzen.

Hilfreich für die Sondersituation mit Ausnahmestatus der Medizin war deren frühe europäische Harmonisierung mit gegenseitiger Anerkennung. Die Hochschulrektoren- sowie die Kultusministerkonferenz empfahlen zwar im Jahr 2003, Diplom-, Magister- und auch Staatsexamensstudiengänge zügig durch Bachelor- und Mastercurricula zu ersetzen. Doch „begründete Ausnahmen“ sollten zulässig sein. Für die Medizin fiel diese Begründung nicht schwer, da eine gegenseitige Anerkennung der Studienabschlüsse auf der Grundlage einer bindenden Richtlinie (2005/36 EG beziehungsweise 93/16 EWG) bestand. Diese Richtlinie sorgt für Minimalstandards in der europäischen Ärzteausbildung (5 500 Stunden). Ärztevertreter und Hochschulmediziner können daher derzeit durch Bologna keinen Nutzen erkennen. Vielmehr befürchten sie für das Medizinstudium einen großen Schaden und bei den Patienten eine Konfusion, wenn diese Reform durchgesetzt würde.

Mit einem „Dr. light“ wurden schon in der Vergangenheit keine guten Erfahrungen gemacht. Als „Feldscher“, „Arzthelfer“ oder „Halbarzt“ war er kein Erfolgsmodell. Die Ergebnisse des 2008 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung vorgelegten 10. Studierendensurveys belegen, dass es in den Studiengängen, welche Bachelor-/Masterstudiengänge bereits eingeführt haben, zur „Bologna-Ernüchterung“ gekommen ist. Aus den bisher vorliegenden Erfahrungen muss man das Scheitern des Bologna-Prozesses in den wesentlichen Zielstellungen konstatieren:
- hohe Abbruchquote
- mangelnde wissenschaftliche Qualität
- gesunkene Mobilität der Studierenden
- geringe Vergleichbarkeit der
Abschlüsse
- geringe Berufsqualifikation für die Mehrzahl der Bachelorabsolventen
- dadurch geringe Chancen auf dem Arbeitsmarkt.
In diesem Zusammenhang fordern die von der Bundes­ärzte­kammer initiierte Arbeitsgruppe Hochschulmedizin und der Deutsche Hochschulverband ein sofortiges Bologna-Moratorium für noch nicht umgestellte Studiengänge, wie Jura und Medizin. Hierfür spricht auch, dass der Bachelor in der Medizin keinen berufsqualifizierenden Abschluss darstellen kann.

Trotz aller Skepsis sind in Deutschland zwei Universitäten dabei, das Medizinstudium entsprechend dem Bologna-Prozess zu reformieren. Die Universitäten Oldenburg und Groningen, Niederlande, wollen eine „European Medical School“ entwickeln, während die Charité vorläufig noch an unausgereiften Vorstellungen eines Modellstudiengangs arbeitet. Außerordentlich bedenklich ist die Tatsache, dass der Hochschulausschuss der Kultusministerkonferenz nunmehr doch Bachelor-/Masterstrukturen in der Medizin einführen möchte und die Gesellschaft für Medizinische Ausbildung beauftragt hat, in Abstimmung mit dem Medizinischen Fakultätentag einen entsprechenden Qualifikationsrahmen hierfür zu erarbeiten.

Deshalb bedarf es einer breit angelegten Kampagne für den Erhalt der deutschen Standards in Lehre und Forschung – zum Wohle der Patienten und damit des Allgemeinwohls. Reformen ja, aber kein „Bologna-Schematismus“. Nachhaltige und präzise Argumentationsketten können besonders im Wahljahr 2009 erfolgreich sein.
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