ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2009Südafrika: „Wir wollen Forschung und Forscher zurück nach Afrika bringen“

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Südafrika: „Wir wollen Forschung und Forscher zurück nach Afrika bringen“

Dente, Karen

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Mehr als eine Vision: Das KwaZulu- Natal-Forschungsinstitut soll auf dem Campus der medizinischen Fakultät in Durban entstehen (hier die Planungsansicht).
Mehr als eine Vision: Das KwaZulu- Natal-Forschungsinstitut soll auf dem Campus der medizinischen Fakultät in Durban entstehen (hier die Planungsansicht).
Im Kampf gegen HIV/Aids und Tuberkulose entsteht in Durban das weltweit erste integrierte Forschungsinstitut. Das Projekt ist eine südafrikanisch-US-amerikanische Koproduktion.

Ein Institut, in dem sich Wissenschaftler der Erforschung der Epidemien HIV/Aids und Tuberkulose (TB) widmen, soll in diesem Jahr in der südafrikanischen Stadt Durban entstehen. Die beiden Infektionskrankheiten haben in der Provinz KwaZulu-Natal an der Ostküste Südafrikas inzwischen ein verheerendes Ausmaß erreicht.

Aids und Tuberkulose sind eng miteinander verwoben. Die steigenden Tuberkulose-Prävalenzraten der letzten Jahre sind größtenteils auf die HIV-Epidemie zurückzuführen. In Südafrika ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung mit dem HI-Virus infiziert. Experten rechnen damit, dass bis zu 50 Prozent der Infizierten eine Tuberkulose entwickeln werden, was sich wiederum ungünstig auf den Verlauf der HIV-Infektion auswirkt. Dazu kommt die Entwicklung von Resistenzen. Im Jahr 2005 beispielsweise trat eine extrem resistente Form der Tuberkulose (XDR-TB) im ländlichen Tugela Ferry auf.

Das neue KwaZulu-Natal-Forschungsinstitut für Tuberkulose und HIV ist das Ergebnis einer Kooperation zwischen der Universität KwaZulu-Natal und dem Howard Hughes Medical Institute (HHMI) in Maryland, USA. Das HHMI hat dem Institut über die Finanzierung des Baus hinaus weitere 60 Millionen US-Dollar (rund 45 Millionen Euro) für die nächsten zehn Jahre zugesagt, um die langfristige Vision der Forscher zu unterstützen.

„Das Howard Hughes Medical Institute hat sich bisher nur minimal im Ausland engagiert. Noch nie hat es ein internationales Forschungsinstitut gebaut oder ein solch langfristiges Engagement zugesagt. Das ist wirklich ein sehr innovativer Schritt“, sagt HHMI-Forscher Bruce Walker. Das neue Institut eröffne enorme Perspektiven für die weitere HIV- und TB-Forschung. Walker, der eigentlich am Massachusetts General Hospital in Boston tätig ist, arbeitet seit mehr als zehn Jahren zeitweilig in Südafrika. Ursprünglich wollte er dort erforschen, warum eine HIV-Infektion bei Kindern besonders schnell zum Tode führt. Die Antwort auf diese Frage, hoffte er, könnte generellen Aufschluss über das Versagen des Immunsystems bei HIV-Patienten geben.

Tödliche Koinfektionen
„Als ich 1998 zum ersten Mal nach Südafrika kam, gab es genügend Leute, die sich dort an der HIV-Forschung beteiligen wollten. Aber wir hatten aufgrund der schlechten Infrastruktur nur bescheidene Möglichkeiten. Und dann erhielten wir die Förderung durch die DorisDuke-Stiftung“, erklärt Walker. Mithilfe dieser Gelder entstand 2003 in Durban – im Kernland der HIV-Epidemie – das Doris-Duke-Forschungsinstitut für HIV. „Es war die erste biomedizinische Forschungseinrichtung, die jemals an einer afrikanischen Universität errichtet wurde“, betont Walker. Damals war HIV/Aids das Hauptproblem in der Region. Seither ist der enorme Anstieg an Tuberkulosefällen dazugekommen.

Ihre Kooperation besiegeln Malegapuru Makgoba, Vizekanzler der Universität KwaZulu-Natal, Südafrikas Botschafter in den USA,Welile Nhlapo, und Thomas R. Cech, damaliger Präsident des HHMI (von links). Fotos: HHMI
Ihre Kooperation besiegeln Malegapuru Makgoba, Vizekanzler der Universität KwaZulu-Natal, Südafrikas Botschafter in den USA,Welile Nhlapo, und Thomas R. Cech, damaliger Präsident des HHMI (von links). Fotos: HHMI
Die Koinfektion mit HIV und TB bedeutet für die Betroffenen eine besondere Gefährdung. Unbehandelt, wie es in vielen Ländern mit unzureichender Gesundheitsversorgung der Fall ist, verläuft eine Doppelinfektion oft binnen kurzer Zeit tödlich. Die mittlere Überlebenszeit beträgt in etwa zwei Monate. Bei einer Infektion mit XDR-TB sterben Patienten bereits innerhalb von zwei bis drei Wochen. Weltweit ist Tuberkulose für bis zu einem Drittel aller HIV-Todesfälle verantwortlich, und Schätzungen der Welt­gesund­heits­organi­sation zufolge war jeder vierte Patient, der an Tuberkulose gestorben ist, auch mit HIV infiziert. Therapieansätze, die beide Erkrankungen im Visier haben, sind deshalb entscheidend.

Walker und einige Kollegen vom HHMI, die die sich verschlimmernde Situation vor Ort beobachteten, waren überzeugt, dass sich auf dem Erfolg des Doris-Duke-Instituts aufbauend ein integriertes Programm für HIV und TB gestalten ließ – die Geburtsstunde des neuen Instituts.

Das sechsstöckige Gebäude des KwaZulu-Natal Research Institute for Tuberculosis and HIV wird sich auf dem Campus der medizinischen Fakultät der Nelson-R.-Mandela-Universität befinden und mit dem Doris-Duke-Institut verbunden werden. Auf zwei Etagen werden sich Sicherheitslabors der Stufe drei für die Tuberkulose-Forschung befinden. An der Finanzierung des Baus, der Ende September beginnen soll, beteiligen sich auch die KwaZulu-Natal-Universität und Life Lab, ein biotechnologisches Institut der südafrikanischen Regierung.

Neue Medikamente benötigt
„In Anbetracht dessen, dass das Problem wirklich gewaltig ist, ist es erstaunlich, dass es weltweit noch kein integriertes TB-/HIV-Forschungsinstitut wie dieses gibt. Und was ich besonders gut finde, ist, dass es im Herzen der schlimmsten Epidemie weltweit entstehen wird“, meint Walker. Er und seine Kollegen hoffen, dass der Bau eines Instituts vor Ort Grundlagenforschung und klinische Anwendung besser verzahnen kann und es damit möglich wird, eine der drängendsten medizinischen Krisen der heutigen Zeit effektiv zu bekämpfen. Außerdem soll das Institut dazu beitragen, die nächste Generation von afrikanischen Wissenschaftlern auszubilden.

„Es geht uns nicht darum, eine Gruppe US-amerikanischer Forscher dort arbeiten zu lassen, sondern langfristig Kapazitäten vor Ort zu schaffen, indem das Harvard und das Albert Einstein College of Medicine mit den dort zuständigen afrikanischen Wissenschaftlern kooperieren“, sagt Walker.

Zurzeit finden afrikanische Forscher, die in Europa oder den USA ausgebildet wurden, kaum gute Arbeitsmöglichkeiten in Afrika. Prof. Malegapuru W. Makgoba, Vizekanzler der Universität KwaZulu-Natal (UKZN), der an den Vorbereitungen der Partnerschaft für das neue Institut intensiv mitgewirkt hat, hegt große Hoffnungen für die Zukunft der Forschungseinrichtung und seiner Universität. „Wir wollen, dass die UKZN eine der großen Universitäten der Welt wird und sich am globalen Wissenschaftsaustausch beteiligen kann. Außerdem hoffe ich, dass das neue Institut hervorragende Forschung und Forscher zurück nach Afrika bringen wird“, erklärt Makgoba.

„Wir wollen erreichen, dass afrikanische Wissenschaftler in die Lage versetzt werden, unabhängig zu forschen, eigene Forschungsgelder zu erhalten und eigenständig Projekte zu entwickeln und zu finanzieren. Dabei geht es nicht nur um HIV und Tuberkulose. Wir wollen eine ganze Bandbreite an Problemen angehen, die spezifisch für Afrika sind“, erklärt der langjährige Weggefährte Walkers, Salim Abdool Karim, Professor an der Universität KwaZulu-Natal und Direktor des Aidsprogramms Caprisa in Südafrika.

Neben Walker und Karim werden weitere Wissenschaftler Projekte des neuen Instituts betreuen, darunter HHMI-Forscher William R. Jacobs Jr. vom Albert Einstein College of Medicine, der langjährige Erfahrung im Bereich der Tuberkuloseforschung mitbringt und sich auf Diagnosetests mithilfe von biotechnisch hergestellten Bakteriophagen spezialisiert hat. Auch TB-Experte A. Willem Sturm, Dekan der medizinischen Fakultät der Nelson-Mandela-Universität wird mitwirken und vorübergehend den Posten als Direktor des Instituts übernehmen.

„Wir werden regelmäßig Telekonferenzen zwischen Amerika und Afrika koordinieren, und das Ganze wird wie ein einziges großes Labor funktionieren“, kündigt Jacobs an. Er hofft, dass der Austausch Amerikanern und Afrikanern neue Horizonte eröffnen wird. Auf dem Gebiet der Tuberkulosebekämpfung werden dringend neue Medikamente und Diagnoseschnelltests benötigt. Seit mehr als 40 Jahren wurden keine neuen Medikamente mehr für Tuberkulose entwickelt, und der vielfach eingesetzte Diagnostiktest ist über 120 Jahre alt.
Karen Dente

Philantropie
Gemeinnützige Forschung
Das Howard Hughes Medical Institute widmet sich seit seiner Gründung im Jahr 1953 der medizinischen Grundlagenforschung. Zurzeit finanziert die Stiftung 300 Forscher und 2 500 wissenschaftliche Mitarbeiter an Universitäten und medizinischen Einrichtungen in den USA. Für die medizinische Forschung stehen jährlich rund 700 Millionen US-Dollar zur Verfügung, weitere 80 Millionen gibt das Institut für Bildung in den Naturwissenschaften aus.
Gründer der Forschungsorganisation war der Industrielle und Multimillionär Howard Hughes, der 1976 starb. Die von ihm geschaffene Einrichtung gilt nach der „Bill and Melinda Gates Foundation“ weltweit als zweitgrößte Stiftung zur Förderung biomedizinischer Forschung. Ihr Sitz ist in Chevy Chase, im US-Bundesstaat Maryland (www.hhmi.org).
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