ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2009TV-Kritik „The Operation: Surgery Live“: Im OP auf Sendung

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TV-Kritik „The Operation: Surgery Live“: Im OP auf Sendung

Dtsch Arztebl 2009; 106(27): A-1419 / B-1207 / C-1175

Tuffs, Annette

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Zuschauer verfolgen live eine Herzoperation per Fernsehübertragung. Foto:Wellcome Library, London
Zuschauer verfolgen live eine Herzoperation per Fernsehübertragung. Foto:Wellcome Library, London
Der Privatsender Channel 4 berichtete in Großbritannien live aus dem Operationssaal über schwierige Eingriffe.

Hilfreiche medizinische Information oder Sensationsgier? Die Meinungen über die Liveübertragung von vier Operationen im britischen Privatsender Channel 4 gingen vor der Ausstrahlung am 25. bis 28. Mai 2009 auseinander. Danach zeichnete sich ein eher positives Bild ab: Die Mehrheit der Zuschauer war von der Miniserie „The Operation: Surgery Live“ angetan, nicht zuletzt, weil sie die Ärzte live über die elektronischen Foren Twitter oder Facebook befragen konnte. Selbst britische Chirurgen spendeten Lob, blieben jedoch skeptisch, ob Chirurgie für das Reality-TV wirklich geeignet ist. Etwas mehr Didaktik hätte den Sendungen zudem gutgetan.

Jeweils knapp eine Million Zuschauer
Zu noch akzeptabler Sendezeit ab 21.30 Uhr sahen sich jeweils knapp eine Million Zuschauer die zweistündige Operation an. Operiert wurden Patienten mit defekter Herzklappe, Hirn- und Hypophysentumor sowie einer Ösophagus-Hernie, bei der die minimalinvasive Chirurgie eingesetzt wurde. Geschickt hatte man das Geschehen auf zwei Standorte verlagert: Im Auditorium des Wellcome Collection Trust in London präsentierte ein bekannter Nachrichtenmoderator zusammen mit einem Chirurgen der jeweiligen Klinik vor Zuschauern die Operation und beantwortete Fragen, wenn der Operateur gerade zu beschäftigt war. Am zweiten Standort im OP erklärte der Chirurg sein Vorgehen, begleitet von zum Teil spektakulären Aufnahmen aus dem Operationsfeld.

Der Wellcome Trust – größter britischer Sponsor für Medizinforschung und medizinische Information – bietet schon länger Live-OP-Veranstaltungen an, bislang allerdings nicht vor laufender Kamera. Für die TV-Premiere konnten renommierte Chirurgen aus Cambridge, Southampton und London und ihre Patienten gewonnen werden. Diese erzählten ihre Krankengeschichte und erklärten, warum sie gerne an der medizinischen Aufklärung mitwirken würden. Denn darum war es dem Sender Channel 4 nach eigenem Bekunden gegangen, der sich ansonsten eher bei Realityshows wie „Big Brother“ engagiert. „Wir hoffen, dass die Serie dazu beiträgt, Chirurgie zu entmystifizieren, möchten aber auch die hohe Qualität moderner Chirurgie zeigen“, teilte der Sender mit.

Etwas mehr gut aufbereitete visuelle Information zum Ablauf der Operationen hätte dazu beitragen können, denn der Zuschauer benötigte einige Anatomiekenntnisse, um die komplexen Innenansichten des menschlichen Körpers begreifen zu können. „Die Abläufe zu verfolgen, ist eine Sache, sie aber wirklich zu verstehen, eine andere“, kommentierten Roger Kneebone und Rajesh Aggarwal, beide Chirurgen am Imperial College London, die Sendung im „British Medical Journal“ vom 6. Juni 2009.

Ihr Urteil fiel jedoch insgesamt positiv aus: „Die Sendungen wurden mit großem Geschick und menschlichem Einfühlungsvermögen professionell umgesetzt.“ Allerdings blieben sie skeptisch, ob Chirurgie sich regelmäßig zu einer „Reality-Show“ entwickeln sollte. Der Wellcome-Trust hat jedenfalls derzeit keine Pläne, die Serie fortzusetzen, ist aber mit der Premiere durchaus zufrieden. Das Ziel sei erreicht worden, eine breitere Bevölkerungsgruppe aufzuklären und für die Möglichkeiten der modernen Chirurgie zu begeistern.

Wenn überhaupt, dann verborgener Thrill
Bleibt noch die Frage: Wo blieb der Thrill der Live-Op? Gab es Momente, wo dem Zuschauer der Atem stockte, weil etwas im OP schiefzugehen drohte? Eigentlich nicht. Nur einmal bat der Herzchirurg, vom Sender gehen zu dürfen – wie sich später zeigte, um über den weiteren Verlauf der Operation nachzudenken, die etwas anders als geplant durchgeführt werden musste, aber dennoch erfolgreich verlief.
Annette Tuffs
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