ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2009Bleiintoxikationen durch gestrecktes Marihuana in Leipzig: Schlusswort
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LNSLNS Es ist sicher richtig, dass es beim Überschreiten des HBM-II-Wertes nicht zwangsläufig zum Auftreten von Symptomen einer Bleivergiftung kommen muss, sehr wohl aber „als relevant anzusehende gesundheitliche Beeinträchtigung(en) möglich sind, sodass akuter Handlungsbedarf zur Reduktion der Belastung besteht ... Der HBM-II-Wert ist somit als Interventions- und Maßnahmenwert anzusehen“ (1). Die von uns beschriebene Situation, bei der es durch den Konsum von gestrecktem Marihuana bei einer großen Zahl überwiegend junger Erwachsener zu einer erheblichen chronischen inhalativen Bleiaufnahme gekommen war, ist mit einer gewerblichen Exposition kaum zu vergleichen. Auch muss nach unserer Ansicht bei Patienten mit einem Bleispiegel > 700 µg/L Vollblut von einer Bleivergiftung gesprochen werden (2). Bei Kindern wird ein solcher Bleispiegel als medizinischer Notfall betrachtet, der stationär zu behandeln ist (3). Es wird zurecht darauf hingewiesen, dass die Indikation zur Behandlung mit einem Chelator aufgrund der damit unter Umständen verbundenen unerwünschten Wirkungen kritisch gestellt werden muss. Angesichts des besonderen Patientenklientels (Drogenkonsumenten mit schlechter Compliance) musste davon ausgegangen werden, dass es ohne Intervention bei fortgesetztem Konsum zu einer lebenslangen erheblichen Bleibelastung und in der Folge zu einer weit höheren Zahl schwerer Bleivergiftungen kommen würde. Deshalb wurde entschieden, auch die Konsumenten zu behandeln, bei denen „nur“ ein über dem HBM-II-Wert erhöhter Bleispiegel bestimmt wurde. Der Umstand, dass der Einsatz von Chelatbildnern bei chronischen Metallvergiftungen aufgrund der derzeitigen Datenlage umstritten ist, konnte uns unter den besonderen Umständen nicht zur therapeutischen Untätigkeit veranlassen. Im Übrigen trifft die AWMF-Leitlinie zu den Kriterien einer Chelatortherapie gar keine Aussage (4), während die „Stoffmonographie Blei“ der Kommission „Human-Biomonitoring“ des UBA bei Bleispiegeln < 400 µg/L Vollblut die Chelatbildnertherapie für nicht indiziert hält (3). Zur Behandlung unserer Patienten wurde der gut verträgliche Chelator Succimer empfohlen, weil DPMS längere Zeit durch den Hersteller überhaupt nicht lieferbar war und D-Penicillamin aufgrund seines Nebenwirkungsprofils für eine Langzeitbehandlung (Gefahr der Agranulozytose und des nephrotischen Syndroms) als zu gefährlich eingeschätzt wurde. DOI: 10.3238/arztebl.2009.0480


Dr. med. Helmut Hentschel
Gemeinsames Giftinformationszentrums (GGIZ) der Länder Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, c/o HELIOS Klinikum Erfurt
Nordhäuser Straße 74
99089 Erfurt
E-Mail: leiter@ggiz-erfurt.de

Interessenkonflikt
Die Autoren aller Diskussionsbeiträge erklären, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.
1.
Umweltbundesamt: Gesundheit und Umwelthygiene. HBM- und Referenzwerte (Definitionen und Tabellen). http://www.umweltbundesamt.de/gesundheit/monitor/definitionen.htm
2.
Gloxhuber C: Toxikologie. 5. Aufl. Stuttgart, New York: Georg Thieme Verlag 1994; 147.
3.
Kommission „Human-Biomonitoring“ des Umweltbundesamtes: Stoffmonographie Blei; Referenz- und Human-Biomonitoring-Werte (HBM). http://www.umweltdaten.de/gesundheit/monitor/pbmono.pdf
4.
Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin e.V. (DGAUM): Arbeit unter Einwirkung von Blei und seinen Verbindungen. http://www.uni-duesseldorf.de/AWMF/ll/002-001.htm
5.
Busse FP, Fiedler GM, Leichtle A, Hentschel H, Stumvoll M: Lead poisoning due to adulterated Marijuana in Leipzig [Bleiintoxikationen durch gestrecktes Marihuana in Leipzig]. Dtsch Arztebl Int 2008; 105: 757–62. VOLLTEXT
1. Umweltbundesamt: Gesundheit und Umwelthygiene. HBM- und Referenzwerte (Definitionen und Tabellen). http://www.umweltbundesamt.de/gesundheit/monitor/definitionen.htm
2. Gloxhuber C: Toxikologie. 5. Aufl. Stuttgart, New York: Georg Thieme Verlag 1994; 147.
3. Kommission „Human-Biomonitoring“ des Umweltbundesamtes: Stoffmonographie Blei; Referenz- und Human-Biomonitoring-Werte (HBM). http://www.umweltdaten.de/gesundheit/monitor/pbmono.pdf
4. Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin e.V. (DGAUM): Arbeit unter Einwirkung von Blei und seinen Verbindungen. http://www.uni-duesseldorf.de/AWMF/ll/002-001.htm
5. Busse FP, Fiedler GM, Leichtle A, Hentschel H, Stumvoll M: Lead poisoning due to adulterated Marijuana in Leipzig [Bleiintoxikationen durch gestrecktes Marihuana in Leipzig]. Dtsch Arztebl Int 2008; 105: 757–62. VOLLTEXT

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