ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2009Leserreaktionen: Mitgefühl, Jobangebote und Unverständnis

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Leserreaktionen: Mitgefühl, Jobangebote und Unverständnis

Flintrop, Jens

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Anonym schilderte eine junge Ärztin im April, warum sie nach nur sechs Monaten ihre Weiterbildung zur Anästhesistin abgebrochen hatte. Ungewöhnlich viele Leser kommentierten die Veröffentlichung.

Ein in der „Ich-Form“ geschriebener Erfahrungsbericht einer Betroffenen löst beim Leser mehr Emotionen aus als die neutrale Beschreibung des Sachverhalts durch einen Außenstehenden. Diese journalistische Regel bewahrheitete sich nach der Veröffentlichung des Artikels „Der Feind in meinem OP“ (DÄ, Heft 14/2009). Mehr als 30 Zuschriften erreichten die Redaktion seitdem: „Liebe Damen und Herren der Redaktion, wenn Sie sich zum Sprachrohr einer nicht näher genannt sein wollenden Dame machen, werden Sie auch in Verbindung mit dem Inhalt des Artikels dem ständig schwindenden Sozialprestige der Ärzteschaft guten Dienst erweisen“, schreibt Dr. med. Rolf Holtzhauer. „Danke für Ihre Courage, als journalistisches Leitmedium der deutschen Ärzteschaft diesen Artikel einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt zu haben“, meint hingegen Markus Lüttig. Eindrucksvoll schildert die Ärztin in dem Artikel, wie es dazu kommt, dass sie nach nur sechs Monaten ihre Weiterbildung zur Anästhesistin abbricht. Die Gründe dafür sind: die fehlende medizinische Anleitung, das schlechte Arbeitsklima, die strengen Hierarchien und vor allem das miese Verhältnis zum zuständigen Oberarzt. Damit der Artikel nicht als Abrechnung mit den vorgesetzten Ärzten oder dem Klinikarbeitgeber missverstanden wird, erfolgte die Veröffentlichung anonym. Der Autorin geht es darum, dem System den Spiegel vorzuhalten. Schmutzige Wäsche waschen will sie nicht.

Er habe den Artikel mit Besorgnis zur Kenntnis genommen, schreibt der Präsident des Berufsverbandes Deutscher Anästhesisten (BDA), Prof. Dr. med. Bernd Landauer: „Sie werden verstehen, dass wir über die ernüchternden Erfahrungen einer jungen Kollegin, wie Sie von Ihnen publiziert wurden, nicht gerade glücklich sind, wobei wir nicht bestreiten, dass es im Einzelfall – wie überall im menschlichen Miteinander – zu personenbedingten Fehlleistungen kommen kann.“ Die Anästhesie habe als eines der ersten Gebiete einen strukturierten Weiterbildungsnachweis eingeführt. Im Wissen um Bedeutung und Aufwendigkeit einer sachlich und emotional hochwertigen Weiterbildung habe der BDA zudem bereits früh die Forderung nach einer Zusatzhonorierung von Weiterbildung erhoben, betont Landauer und verweist auf die Vorzüge des Faches: „Flache Hierarchien, interdisziplinäre und interprofessionelle Zusammenarbeit sowie unterschiedlichste Arbeitszeit- und Wiedereinsteigermodelle sind unseres Erachtens besondere Highlights der Anästhesie.“ Er appelliert an den Ärztenachwuchs, sich nicht von dem Bericht abschrecken zu lassen, sondern sich unter www.anaesthesist-werden.de zu informieren.

Dass sich der Ärztemangel in der Anästhesie durch den DÄ-Artikel weiter verschärfen könnte, fürchten auch Dr. med. Petra Tietze-Schnur, Prof. Dr. med. Michael Wendt und Dr. med. Knut Mauermann. Alle drei laden die Autorin ein, sich an ihrer jeweiligen Klinik ein besseres Bild von der Facharztweiterbildung zu machen und den Berufswunsch Anästhesistin nicht aufzugeben. „Bewerben Sie sich bei uns. Sie werden es mit Sicherheit nicht bereuen“, schreibt Mauermann. „Schade, dass der Artikel einen so allgemeingültigen Ton hat. Ich würde mich freuen, wenn Sie dem Fachgebiet, aber auch vielen anderen Kollegen eine Chance geben würden“, betont Wendt.

Die meisten Zuschriften kamen von Ärztinnen und Ärzten, die in ihrer Weiterbildungszeit vergleichbare Erfahrungen sammeln mussten wie die Autorin. Dr. med. Angelika Zerwes ist seit 22 Jahren Anästhesistin und hat die beschriebenen Zustände selbst und bei vielen nachfolgenden Kollegen erfahren: „Man wechselt gefühlsmäßig zwischen Resignation und ohnmächtiger Wut, die in meinem Fall nun zur Kündigung geführt hat. Wann werden diese elenden Hierarchien abgeschafft?“ Mit „Ohnmacht und Wut“ hat sich auch Markus Lüttig beim Lesen in seine eigene Situation versetzt gesehen. „Es wird Zeit, dass den Chef- und Oberärzten klargemacht wird, dass sich der Ärztenachwuchs nicht mehr ohne Anspruch auf Fort- und Weiterbildung, eigene Meinung, Kritik und Lebensqualität ausnutzen lässt“, meint er. „Mich hat beim Lesen des Artikels meine eigene Vergangenheit eingeholt – vor 23 Jahren ist mir als jungem Assistenzarzt genau das Gleiche passiert“, erinnert sich Dr. med. Michael Wetzig. Nach zehn Jahren hat er damals das Handtuch geworfen und sich in die Niederlassung verabschiedet: „In unseren Kliniken fehlt weithin alles, was nichts kostet: eine Kultur der Achtung der Mitarbeiter, die sich in Motivation, klarer Aufgabenstellung, Anleitung und Anerkennung ausdrückt.“

Prof. Dr. med. Benno von Bormann ist hingegen zuversichtlich, dass die beschriebenen Zustände schon lange die Ausnahme darstellen. Inzwischen diktierten die nachgeordneten Ärzte wegen des Ärztemangels sogar vielerorts das Geschehen und führten „ihre ehemaligen Peiniger am Nasenring durch die Arena“. Von Bormann ärgert sich über die „überzogene Verallgemeinerung“ des Artikels, die das Deutsche Ärzteblatt zu verantworten habe. Auch Dr. med. Irmgard und Dr. med. Josef Hagemeier kritisieren die Redaktion: „Das Deutsche Ärzteblatt sollte sein Ansehen durch solche unausgewogene Beiträge nicht in Gefahr bringen“, meint das Ehepaar. Die Frage müsse erlaubt sein, ob die anonyme Kollegin nicht zumindest zum Teil selbst Schuld an ihren Problemen habe.

„Eine Meldung der Missstände an eine ärztliche Standesvertretung hätte künftigen Anästhesistengenerationen vielleicht mehr gedient, als anonym im Deutschen Ärzteblatt Dampf abzulassen“, schreiben Dr. med. Annette Ebert, Dr. med. Manfred Sturm und Dr. med. Florian Gerheuser.
Jens Flintrop
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