ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2009KBV-Versichertenbefragung: Skeptisch – wegen der Reformen

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KBV-Versichertenbefragung: Skeptisch – wegen der Reformen

Rieser, Sabine

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LNSLNS Die Bundesbürger wollen behalten, was sie haben: vertraute Ärzte, möglichst wohnortnah. Von Hausarztverträgen erhoffen sie sich eine verbesserte Kooperation der Haus- und Fachärzte, schnellere Termine und kürzere Wartezeiten.

Dr. med. Andreas Köhler ist zufrieden: „Im Falle einer Erkrankung fühlen sich die meisten Menschen in Deutschland gut abgesichert. Insgesamt 77 Prozent der Bürger sprechen von einer guten oder sehr guten Absicherung im Krankheitsfall. Das spricht eindeutig auch für die hohe Qualität der wohnortnahen ambulanten Versorgung.“ Mit diesen Worten hat der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) am 22. Juni die Ergebnisse der jüngsten KBV-Versichertenbefragung kommentiert. Nach 2006 und 2008 hatte die KBV im März dieses Jahres erneut eine Befragung durch die Forschungsgruppe Wahlen in Auftrag gegeben.

Gut geforscht: Carl-Heinz Müller und Andreas Köhler erörtern mit dem Geschäftsführer der Forschungsgruppe Wahlen, Matthias Jung, die Umfrageergebnisse (von links). Foto: Svea Pietschmann
Gut geforscht: Carl-Heinz Müller und Andreas Köhler erörtern mit dem Geschäftsführer der Forschungsgruppe Wahlen, Matthias Jung, die Umfrageergebnisse (von links). Foto: Svea Pietschmann
Auffällig ist auch in diesem Jahr, dass sich Privatversicherte insgesamt besser abgesichert fühlen als Mitglieder der Krankenkassen: 90 Prozent von ihnen bezeichneten ihren Schutz im Krankheitsfall als sehr gut oder gut, während es bei den Kassenpatienten nur 75 Prozent waren. Offensichtliche Unterschiede ergaben sich zudem bei der Frage danach, ob sich gesundheitspolitische Veränderungen negativ auf die Absicherung ausgewirkt hätten. Bei den Privatversicherten bejahten dies 33 Prozent, bei den Mitgliedern der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) 53 Prozent. Was sie für die Zukunft erwarten beziehungsweise befürchten, wurde allerdings nicht erfragt.

Köhler verwies aber zugleich darauf, dass sich an manchem Ergebnis diffuse Ängste vor einer Verschlechterung der Versorgung ablesen ließen. „Unsere Berichterstattung ist immer negativ, und das wirkt sich aus“, befand der KBV-Vorstand. Matthias Jung, Geschäftsführender Gesellschafter der Forschungsgruppe Wahlen, ergänzte, dass allein der Begriff „Reform“ in den letzten Jahren zunehmend negativ besetzt worden sei. „Es ist deshalb nicht zu erwarten, dass Reformmaßnahmen im Gesundheitswesen per se einen positiven Touch haben“, sagte Jung. Vielmehr würden sie von den Bürgern häufig als reine Kostendämpfungsmaßnahme gefürchtet.

Viele Bürger sind Fonds-Skeptiker
Vom Gesundheitsfonds haben 78 Prozent aller Befragten schon einmal gehört. Hier ergibt sich jedoch ein großes Gefälle: Von den über 35-Jährigen mit Hauptschulabschluss sagte der Begriff nur 76 Prozent etwas, bei den Altersgenossen mit Abitur waren es 94 Prozent. Diejenigen, die mit dem Fonds etwas anfangen können, sind allerdings skeptisch: 51 Prozent erwarten eine Verschlechterung, 38 Prozent gar keine Veränderung.

Dass Versicherte manches im Gesundheitswesen anders beurteilen als die Experten, wird auch aus anderen Antworten ersichtlich: 63 Prozent der Befragten meinen, dass sich trotz des einheitlichen Beitragssatzes die Behandlung von Kasse zu Kasse unterschiedlich gestalten wird. Und 16 Prozent erwarten, dass die Kassen mehr Leistungen als bisher finanzieren. Und das, obwohl fast zwei Drittel (59 Prozent) vermuten, dass sie weder einen Zusatzbeitrag an ihre Krankenkasse entrichten müssen noch eine Beitragsrückerstattung stattfindet.

Interessant ist, dass sich fast die Hälfte der Interviewten über Informationsdefizite beklagte. Dabei fühlten sich Jüngere deutlich schlechter informiert als Ältere. Abhilfe wird in erster Linie von den Krankenkassen erwartet: 63 Prozent wünschten sich Informationen aus dieser Quelle. Immerhin 44 Prozent hätten aber auch gern, dass der Arzt ihres Vertrauens sie über Veränderungen im Gesundheitswesen informiert.

KBV-Vorstand Dr. med. Carl-Heinz Müller wertete dieses Ergebnis als ein Zeichen für ein enges Vertrauensverhältnis vieler Patienten zu ihrem Arzt. Es sei zugleich ein Hinweis auf immer komplexere Angebote im Gesundheitswesen, wie zum Beispiel Wahltarife, die viele Versicherte offenbar überforderten. Dass Ärzte allerdings Patienten auch noch in diesem Bereich informierten, wie es sich manche wünschten, sei kaum machbar, weil die Zeit zum Behandeln ja bereits knapp bemessen sei.

Müller erläuterte darüber hinaus weitere Aspekte der Befragung. So halten 87 Prozent der Befragten eine kontinuierliche Behandlung für sehr wichtig beziehungsweise wichtig: „Das ist ein eindeutiges Indiz dafür, dass ständig wechselnde Ärzte unerwünscht sind.“

Vertrauter Arzt bleibt den Patienten wichtig
Für ebenso viele Bürger spielt die wohnortnahe Lage von Praxen eine große Rolle. Mehrere Ärzte unter einem Dach zu haben, halten dagegen lediglich 56 Prozent für sehr wichtig oder wichtig. Die Forschungsgruppe Wahlen hat sich darüber hinaus erkundigt, welchen Stellenwert Aushänge zum Qualitätsmanagement für die Patienten haben. Als sehr wichtig stuften dies 19 Prozent der Befragten ein, als wichtig 44 Prozent.

Gefragt wurde zudem nach dem Hausarzt und Hausarztverträgen. 94 Prozent gaben an, einen Hausarzt beziehungsweise eine Hausärztin zu haben. Die Besuchsfrequenz ist auch nach eigener Einschätzung der Bürger hoch: 19 Prozent waren demnach einmal im Jahr beim Hausarzt, 15 Prozent zweimal, 33 Prozent drei- bis fünfmal.

Gestiegen ist mittlerweile die Bekanntheit von Hausarztverträgen. 71 Prozent kannten dieses Angebot; vor einem Jahr waren es erst 62 Prozent. „Das gefühlte Ergebnis für die Versicherten, die daran teilnehmen, ist allerdings ernüchternd“, sagte Müller. Mehr als zwei Drittel (69 Prozent) gaben an, es habe sich an der Versorgung nichts geändert. 14 Prozent meinen sogar, ihre Behandlung habe sich verschlechtert. Die KBV verweist allerdings darauf, dass unter den 2 000 Befragten zwischen 18 und 79 Jahren zu wenige bereits längere Erfahrungen mit Hausarztverträgen gemacht hätten. Deshalb seien die Ergebnisse auch nicht repräsentativ.

Welche Vorteile Hausarztverträge haben könnten, ist aussagekräftiger: 86 Prozent der Befragten hoffen auf eine verbesserte Zusammenarbeit von Haus- und Fachärzten, 84 Prozent würde eine kurzfristige Terminvergabe motivieren, 80 Prozent fänden kürzere Wartezeiten an einem solchen Vertrag attraktiv.
Sabine Rieser
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