ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2009Reihe: Ethik in der Psychotherapie – Selbstfürsorge: Eine Aufgabe fürs Leben

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Reihe: Ethik in der Psychotherapie – Selbstfürsorge: Eine Aufgabe fürs Leben

Sonnenmoser, Marion

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Psychologen und Psychotherapeuten sind hervorragend dafür ausgebildet, anderen Menschen in schwierigen Zeiten zu helfen – dabei vernachlässigen sie oft die eigenen Probleme.

Der intensive Umgang mit mental und psychisch erkrankten Menschen erfordert Höchstleistungen auf kognitiver, emotionaler und zwischenmenschlichen Ebene: Psychologen und Psychotherapeuten haben demnach komplexe und anspruchsvolle Berufe. Sie müssen darüber hinaus verschiedene Belastungen aushalten, wie etwa berufliche Isolation, hohe Verantwortung, bürokratische Tätigkeiten und nicht zuletzt das Leid der Patienten. Der Mehrzahl der Psychologen und Psychotherapeuten gelingt es, die Herausforderungen ihres Berufs zu meistern und mit den Problemen fertig zu werden. Gelegentlich kommt es dennoch zu ernsthaften Krisen, etwa durch Krankheit, Trennungen und Scheidungen, Patientenmangel oder Gerichtsprozesse. Solche Krisen zu überwinden, sollte für Psychologen und Psychotherapeuten ein Kinderspiel sein – schließlich sind sie zu professionellen Krisenmanagern ausgebildet. Allerdings besteht ihre Kompetenz hauptsächlich darin, andere Menschen aus Krisen zu führen. Den eigenen Krisen und Tiefpunkten stehen einige hingegen ignorant oder hilflos gegenüber.

Die Psychologin Penni Smith vom University of Mississippi Medical Center und ihre Kollegin Shannon Burton Moss zählen einige Gründe dafür auf:

- Viele Psychologen und Psychotherapeuten widmen sich ganz ihrem Beruf und sind in Gedanken dauernd bei ihren Patienten. Selbst in ihrer Freizeit sind sie immer per Handy erreichbar, sodass sie nie abschalten und Distanz gewinnen. Obendrein verlieren sie sich selbst aus dem Blick.

- Psychologen und Psychotherapeuten neigen zum Glauben an die eigene Unverletzlichkeit. Sie sind überzeugt, aufgrund ihrer Ausbildung psychische Probleme rechtzeitig bei sich selbst zu erkennen, ihnen vorbeugen und sich selbst heilen zu können. Dadurch werden sie jedoch blind für Belastungen, Risiken und Anzeichen von Überforderung und Krankheit, die ihr Beruf mit sich bringt und die sie eben nicht aus eigener Kraft bewältigen können.

- Der Umgang mit eigenen Problemen ist oft recht unprofessionell. Ähnlich wie Ärzte, die jeden Tag Raucherlungen behandeln, aber selbst rauchen, suchen sich viele betroffene Psychologen und Psychotherapeuten weder Rat noch Hilfe bei Kollegen, sondern denken (oder hoffen zumindest), dass ihre Probleme mit der Zeit von selbst weggehen. Auch Scham, Angst vor Verlust von Status und Ruf, der Griff zu Alkohol und Medikamenten oder die Überzeugung, immer stark sein zu müssen und keine Schwäche zeigen zu dürfen, tragen zum Hinauszögern einer Behandlung bei.

- Psychologen und Psychotherapeuten sind oft Einzelkämpfer, ob in Privatpraxen oder im klinischen Bereich. Es fehlen ihnen in der Regel Kollegen, mit denen sie sich austauschen oder ihre Verantwortung und Arbeitsbelastung teilen können. Doch selbst wenn es daran nicht mangelt, scheut man sich in Psychologen- und Psychotherapeutenkreisen meist davor, den Anderen anzusprechen, wenn man erkennt, dass es ihm nicht gut geht.

- Psychologen und Psychotherapeuten besitzen häufig eine gewisse Anfälligkeit für psychische Probleme. Viele haben ihren Beruf ergriffen, weil sie eine entsprechende Familien- oder Erkrankungsvorgeschichte aufweisen und nun anderen helfen wollen. Dennoch bleiben sie selbst vulnerabel.

- Es gibt immer wieder Umstände und Situationen, die besondere Herausforderungen und Belastungen darstellen, zum Beispiel Überstunden und Wochenenddienst, schwierige Patienten, unbefriedigende Therapieverläufe und Suizide. Diese gehen mit Stress und Überforderung einher, manchmal sogar mit Traumatisierung.

Psychologen und Psychotherapeuten, die Raubbau mit ihren Ressourcen betreiben, tragen ein erhöhtes Risiko, an Burn-out, Depressionen und Ängsten zu erkranken, ihre beruflichen Aufgaben und Pflichten zu vernachlässigen und ihre Berufsfähigkeit einzubüßen. Sie verlieren an Objektivität, überschreiten Grenzen, machen Fehler, verlieren das Interesse an ihren Patienten und vernachlässigen ihre Weiterbildung und ihr Privatleben. Kurz: Sie gefährden sich und andere und verletzen damit die ethischen Grundsätze ihrer Profession.

Im Ethics Code der American Psychological Association heißt es, dass Psychologen, Ausbilder und Auszubildende sich stets bewusst sein sollten, dass sich ihr körperlicher und mentaler Gesundheitszustand auf ihre Fähigkeit auswirkt, anderen zu helfen. Mit anderen Worten: Psychologen und Psychotherapeuten haben Verantwortung, sowohl für sich selbst als auch für andere. Während die Fürsorge und Verantwortung für andere meistens eine Selbstverständlichkeit ist, hapert es jedoch an der Selbstfürsorge. Gerade diese sollte nach Meinung der Psychologen Jeffrey Barnett und Natalie Cooper vom Loyola College für Psychologen und Psychotherapeuten oberste Priorität haben, da sie die Basis für alles andere ist. „Selbstfürsorge ist nicht etwas, das man kurz nebenbei macht, wenn gerade mal ein bisschen Zeit ist, sondern sollte ein essenzieller Bestandteil der beruflichen Identität sein“, meinen Barnett und Cooper. Sie erwarten mehr Aufmerksamkeit, Bewusstsein sowie persönliches und institutionelles Engagement für die Selbstfürsorge und fordern, dass Selbstfürsorge von Anfang an gelehrt und gelernt werden und fester Bestandteil in Ausbildungsprogrammen und Supervisionen sein sollte. Ausbildungs- und Weiterbildungsinstitutionen, Supervisoren, Mentoren und Berufsverbände sollten eine „Kultur der Selbstfürsorge“ pflegen, angehende und ausgebildete Psychologen und Psychotherapeuten auf berufliche und persönliche Risiken der Berufsausübung hinweisen und konstruktive Coping-Strategien vermitteln. Auf diese Weise werden Psychologen und Psychotherapeuten in die Lage versetzt, ihre psychische und mentale Gesundheit in jedem Stadium des Berufslebens zu erhalten.

Psychologen und Psychotherapeuten sollten sich zudem bewusst machen, dass sie die gleichen Probleme haben wie andere Leute auch und nicht „immun“ dagegen sind. Werden die Probleme jedoch verdrängt, ignoriert oder nicht gelöst, können sie sich negativ aufs Berufsleben auswirken. Aktive, ständige Selbstfürsorge kann dabei helfen, die berufliche Leistungsfähigkeit zu erhalten, die Lebensqualität zu verbessern und schädigende Einflüsse, Stress und Burnout langfristig zu verhindern.
Dr. phil. Marion Sonnenmoser


Kontakt:
Jeffrey Barnett, ABPP, 1511 Ritchie Highway,
Suite 201, Arnold, MD21012 (USA), E-Mail:
drjbarnett1@comcast.net


Selbstfürsorge
Ratschläge des Psychologen J. Barnett:

- Selbstfürsorge muss ein fester Bestandteil Ihrer beruflichen Identität werden. Genieren Sie sich nicht, sondern befassen Sie sich mit den Anforderungen und Risiken Ihres Berufs, probieren Sie verschiedene Coping-Strategien aus und seien Sie sich Ihrer Schwächen, aber auch Ihrer Stärken bewusst.

- Nehmen Sie sich gezielt Zeit für sich: Legen Sie im Berufsalltag bewusst Pausen ein, und unterbrechen Sie Ihre Tätigkeit ab und zu. Vernachlässigen Sie nicht Ihre Freizeit, und gönnen Sie sich regelmäßig Urlaub.

- Behalten Sie die Kontrolle über Ihren Berufsalltag. Nehmen Sie sich nicht zu viel vor, und lassen Sie sich nicht zu sehr „von außen“ bestimmen.

- Setzen Sie Grenzen! Sagen Sie: „Nein!“ Zeigen und akzeptieren Sie Ihre Kapazitäten und Einschränkungen. Nehmen Sie nicht zu viele schwierige Patienten an. Fordern Sie nicht zu viel von sich selbst, und schützen Sie sich auf diese Weise vor Überforderung und Überlastung.

- Isolieren Sie sich nicht. Suchen Sie Kontakt zu anderen, und tauschen Sie sich regelmäßig aus. Pflegen Sie auch die sozialen Kontakte, die nichts mit Ihrem Beruf zu tun haben.

- Achten Sie auf Warnsignale. Dazu zählen: Zuspätkommen, Termine und Rückrufe vergessen, Gefühlsausbrüche, Langeweile und Müdigkeit in Therapiesitzungen, Schwierigkeiten, sich in die Patienten einzufühlen, Desinteresse an Patienten, Selbstmedikation. Steuern Sie rechtzeitig gegen, indem Sie etwa Ihre Arbeitsbelastung reduzieren oder Supervision in Anspruch nehmen.

- Nehmen Sie Hilfe an. Seien Sie sich Ihrer „Blindheit“ für die eigenen Probleme bewusst, und scheuen Sie sich nicht, sich fachgerechten Rat und Unterstützung zu suchen.

- Helfen Sie sich gegenseitig. Achten Sie auf Anzeichen von Stress, Ermüdung oder Unlust bei Ihren Kollegen.

- Gehen Sie immer wieder innerlich auf Distanz zu Ihrem Berufsleben. Lassen Sie sich nicht von den beruflichen Anforderungen, schwierigen Fällen, Leistungsdruck oder Verwaltungstätigkeiten okkupieren. Lernen Sie, zu delegieren. Schaffen Sie sich Freiräume, indem Sie beispielsweise nicht immer per Handy erreichbar sind.

- Lernen Sie, mit Stress umzugehen. Stress ist ein Teil unseres Lebens. Akzeptieren Sie das, und lernen Sie, durch produktive Coping-Strategien die negativen Konsequenzen von Stress zu vermeiden. Machen Sie Selbstfürsorge zu einer Alltagsroutine.

- Denken Sie immer daran: Selbstfürsorge ist nicht egoistisch, sondern eine gute Sache. Je besser wir mit uns selbst umgehen, desto besser können wir auch mit anderen umgehen.
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1.
Barnett J, Cooper N: Creating a culture of self-care. Clin Psychol Sci Prac 2009; 16(1): 16–20.
2.
Hoffmann N, Hofmann B: Selbstfürsorge für Therapeuten und Berater. Weinheim: Beltz PVU 2008.
3.
Smith P, Moss S: Psychologist impairment: What is it, how can it be prevented, and what can be done to address it? Clin Psychol Sci Prac 2009; 16(1): 1–15.
4.
http://www.apa.org/ethics/code2002.html
1. Barnett J, Cooper N: Creating a culture of self-care. Clin Psychol Sci Prac 2009; 16(1): 16–20.
2. Hoffmann N, Hofmann B: Selbstfürsorge für Therapeuten und Berater. Weinheim: Beltz PVU 2008.
3. Smith P, Moss S: Psychologist impairment: What is it, how can it be prevented, and what can be done to address it? Clin Psychol Sci Prac 2009; 16(1): 1–15.
4. http://www.apa.org/ethics/code2002.html

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