ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2009Erfahrungsbericht: Keine Scheu im Umgang mit Menschen

THEMEN DER ZEIT

Erfahrungsbericht: Keine Scheu im Umgang mit Menschen

PP 8, Ausgabe Juli 2009, Seite 309

Leisegang, Bernd

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Täglich neue Herausforderungen: Ein psychologisch-technischer Assistent berichtet aus seinem Berufsalltag.

Nach kurzer Arbeitslosigkeit bewarb ich mich 1992 für eine Tätigkeit in einem „Vorzimmer“ einer psychologisch-psychotherapeutischen Praxis. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt noch keine Vorstellungen von Art und Umfang der zu bewältigenden Aufgaben. Ursprünglich kam ich aus der Chemieindustrie. Allerdings kannte ich meinen heutigen Chef, den Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten Priv.-Doz. Dr. Wolfram Zimmermann, bereits aus der Zeit seiner Promotion. Damals hatte ich ihm dabei geholfen, Tests durchzuführen und auszuwerten. Das Gebiet der Psychodiagnostik war mir demnach bereits bekannt. Zimmermann hatte sich erst ein Jahr zuvor als erster Psychologischer Psychotherapeut im Land Brandenburg niedergelassen, und ich konnte von Beginn an die Abläufe im Vorzimmer dieser Praxis mitgestalten. Hierdurch bin ich in ein für mich neues Gebiet hineingewachsen.

Eine wichtige Voraussetzung für die Tätigkeit brachte ich bereits mit: keine Scheu im Umgang mit unbekannten Menschen. Darüber hinaus habe ich im September 1993 an einem umfangreichen Seminar des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen in Bonn speziell für psychologisch-technische Assistenten (PTA) teilgenommen und Grundlagen meiner Arbeit inhaltlich noch präzisieren können. Es dauerte nicht lange, bis die ersten Anmeldungen, meist noch persönlich in der Praxis, zu einem formalen Aufnahmegespräch erfolgten. Dieser anfangs noch unkoordinierte Ablauf stieß schon bald aufgrund der zunehmenden Nachfragen an organisatorische Grenzen. Die bis dahin sehr großzügig gestalteten Anmeldezeiten unterbrachen immer wieder den Praxisablauf. Es erwies sich nach kurzer Zeit ein Anmeldemanagement als praktikabel, indem die Terminanfragen kanalisiert wurden. Von Montag bis Donnerstag haben seither alle Patienten zwischen neun und elf Uhr die Möglichkeit, sich ausführlich nach den Bedingungen zur Aufnahme einer Therapie bei uns zu informieren und sich einen Termin für das formale Aufnahmegespräch geben zu lassen. Ich bin also der erste Ansprechpartner für potenzielle Patienten – per Telefon oder bei persönlicher Vorstellung in der Praxis.

Dieser Erstkontakt ist sehr wichtig, verbindet sich damit doch die „Präsentation der Praxis“. Die Patienten stehen häufig unter einem großen emotionalen Behandlungsdruck und suchen in einer akuten Problemlage die Praxis auf. In diesem Zustand erwarten sie häufig sofortige Hilfe – was natürlich nicht geht. Dennoch sollte ihnen das Gefühl der „Annahme“ vermittelt werden, auch wenn sie noch etwas Geduld aufbringen müssen, bevor sie von mir die Termine zur Aufnahme und für die probatorischen Sitzungen beim Therapeuten erhalten. Zuerst erfolgt jedoch durch mich telefonisch oder im direkten Kontakt die Kontrolle, ob der Patient auch wirklich zum Psychotherapeuten will. Manches Mal gilt die Überweisung vielleicht auch für einen Psychiater, Neurologen oder gar einen Physiotherapeuten. Vielen Patienten sind diese Unterschiede häufig nicht bewusst. Nachdem ich die Überweisung überprüft habe, vergebe ich einen Termin zum formalen Aufnahmegespräch. Meine Aufgabe ist es zudem, eine Patientenakte sowohl im Computer als auch manuell anzulegen.

Zimmermann ist Psychologischer Psychotherapeut und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut. Gerade bei Kindern und Jugendlichen besteht beim Erstkontakt häufig ein hoher Erwartungsdruck, meist aufgebaut durch die Schule oder das Elternhaus. Meine Aufgabe ist es, diesen aufzufangen und zu kanalisieren. Teilweise führe ich aufgrund der in der Überweisung aufgeführten Symptomatik erste Testverfahren zu Intelligenz oder Konzentrationsfähigkeit in Verbindung mit dem Sozialverhalten durch, damit diese beim ersten probatorischen Gespräch bereits ausgewertet vorliegen.

Das Terminmanagement ist vor allem dann wichtig, wenn Therapiepatienten anrufen und darum bitten, einen Termin zu verschieben oder ihn aus unterschiedlichen Gründen komplett absagen. Der PTA organisiert dann entweder den Tausch eines Termins mit einem anderen Patienten oder vergibt den frei gewordenen Termin an einen der wartenden Patienten. Mit diesem „Einfädel-Prinzip“ entfallen Wartezeiten von einem halben Jahr und mehr. Sie sind unnötig, wenn man ein aktives Terminmanagement betreibt und die neuen Patienten sukzessiv in die Lücken der abgemeldeten Termine einfädelt. Der Zeitraum vom ersten Telefonkontakt bis zum ersten probatorischen Gespräch dauert in der Praxis nicht länger als drei bis sechs Wochen.

Diese kurzen Wartezeiten bringen natürlich auch einen großen Patientendurchlauf in die Praxis. In vielen Erstgesprächen zeigt es sich, dass häufig keine Indikation zu einer ambulanten Psychotherapie als definierte seelische Krankenbehandlung vorliegt, sondern dass eher Beratungsbedarf bei freien Trägern, tagesstationäre oder stationäre Behandlung angeraten sind. Lediglich 25 Prozent aller Anmeldungen kristallisieren sich tatsächlich als Therapiepatienten mit eindeutig indiziertem Bedarf zu einer seelischen Krankenbehandlung nach den GKV-Richtlinien heraus. Zahlreiche Nachfragen sollten als das gewertet werden, was sie sind, ein erster „Hilfeschrei“ in bestimmten Situationen.

Der gesamte Schriftverkehr wird erledigt
Die nächsten Aufgaben bestehen in der Vor- und Nachbereitung der Patientenakten für den laufenden und den folgenden Tag, der Führung der Anwesenheitslisten sowie der daraus resultierenden täglichen computergestützten Abrechnung der Leistungen. Es fällt auch jede Menge an Schriftverkehr in der Praxis an. Zum Beispiel müssen die überweisenden Ärzte informiert werden, dass ihr Patient von uns aufgenommen wurde und eine Abklärung einer möglichen Therapie erfolgt. Kommt es zu keiner Therapie, erhalten die Ärzte ebenfalls nach Abschluss der probatorischen Gespräche eine Information über den weiteren vorgeschlagenen und mit den Patienten besprochenen Weg oder auch über ihre fehlende Motivation oder andere Hinderungsgründe zur Aufnahme einer Therapie.

Im Falle einer Therapie kommt es zu weiterem Schriftverkehr: Befund und Überweisung für den Arzt zur Ausfüllung des Konsiliarberichts sowie Ausdruck der entsprechenden Vordrucke für die Antragstellung bei der Krankenkasse (PTV 1 und PTV 2). Hier gibt es Vorgaben, innerhalb welcher Zeiträume die Krankenkassen den Antrag zu bearbeiten haben. Wenn diese Zeiträume überschritten sind, muss hier ebenfalls nachgefragt und gemahnt werden, manchmal gehen auch Anträge bei der Krankenkasse einfach „verloren“, dann ist ein Duplikat per Post oder Fax abzuschicken, um den Entscheidungsprozess zu beschleunigen.

In manchen, wenn auch seltenen Fällen stellen sich Patienten vor, die sich in einer laufenden genehmigten Therapie bei einem anderen Therapeuten befinden. Sie fühlen sich dort aber mit ihrem Anliegen nicht gut aufgehoben oder spüren kein Vorankommen und wollen deshalb den Therapeuten wechseln. Dann muss mit einem erheblichen Aufwand vom ehemaligen Therapeuten das sogenannte Restkontingent erfragt werden. Bei der Krankenkasse wird mit einem erklärenden Brief und einem erneut ausgefüllten PTV 2 a die Übertragung dieses Restkontingents mit neuem Anerkennungsbescheid beantragt. Auch den Schriftverkehr mit Krankenkassen, dem Medizinischen Dienst der Kran­ken­ver­siche­rung, Amtsärzten, dem Amt für Soziales und Versorgung sowie Rententrägern kann ein PTA übernehmen.

Die Anforderungen, die das Qualitätsmanagement in der Praxis mit sich bringt, kommen ebenfalls zum Teil auf den PTA zu. Hier müssen vor allem Praxisabläufe kontrolliert und optimiert werden. Es gehören aber auch Testdurchführungen und deren technische Auswertung mithilfe von Computerprogrammen dazu. Zusätzlich fallen Aufgaben als Ausbildungspraxis für Kinder- und Jugendlichentherapeuten an, die in den Praxisräumen ihre 600 Behandlungsstunden mit Kindern und Jugendlichen unter Supervision des Praxisinhabers absolvieren. Diese Ausbildungskandidaten entlasten zwar den Psychotherapeuten, gleichzeitig fallen aber auch vermehrte Organisationsaufgaben an.

Bei einer guten Aufgabenteilung zwischen dem Psychotherapeuten und dem PTA kommt für keinen Langweile auf. Im Gegenteil: Der Psychotherapeut wird von vielen bürokratischen Dingen entlastet und kann sich ausschließlich um die Patienten kümmern. Allerdings ist eine solche Arbeitskraft nicht für den Preis eines Billiglohnjobs zu haben. Generell erfordert die Tätigkeit des PTA ein hohes Maß an Flexibilität und Stabilität.

Die bürokratiefreie Zeit kann für Patienten genutzt werden
Mir bringt die Arbeit sehr viel Spaß, da ich mich immer wieder neuen Anforderungen stellen muss. Sie ist aber auch belastend, wenn man keinen Abstand zu den Problemen der Patienten schafft und sich zu sehr mitreißen lässt. Die Gefahr eines Burn-outs ist dann groß und kann schnell zu eigenen seelischen Befindlichkeitsstörungen führen. Daher wurden in der Praxis gute Möglichkeiten zur Psychohygiene entwickelt.

Ein großer Teil der Psychotherapeuten macht sich die Arbeit sehr schwer, indem versucht wird, alles im „Do-it-yourself-Management“ zu bewältigen. Das Gehalt für einen PTA kann aufgebracht werden, wenn man die bürokratiefreie Zeit mit Therapien und Patienten füllen kann. Vielleicht kann dies – in einem großen Rahmen angewandt – auch dazu beitragen, die häufig kritisierte Unterversorgung der Psychotherapie zu minimieren.
Bernd Leisegang

Kontakt:
Bernd Leisegang, PTA , Praxis von Dipl.-Psychologen Priv.-Doz. Dr. phil. habil. Wolfram Zimmermann, Psychologischer Psychotherapeut und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, E-Mail: dr.zimmermann1@gmx.de, Internet: www.dr-w-zimmermann.de
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