ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2009Night-Eating-Syndrom: Mehr als eine schlechte Angewohnheit

WISSENSCHAFT

Night-Eating-Syndrom: Mehr als eine schlechte Angewohnheit

PP 8, Ausgabe Juli 2009, Seite 316

Sonnenmoser, Marion

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Etwa ein bis zwei Prozent der Bevölkerung muss nachts aufstehen, um etwas zu essen. Dieses Phänomen ist bisher wenig erforscht, kann aber für die Betroffenen zu einer großen Belastung werden.

Nachts aufstehen, etwas essen und dann wieder schlafen gehen – das macht wahrscheinlich jeder Mensch ab und zu in seinem Leben. Wer jedoch jahrelang fast jede Nacht den Kühlschrank plündert und dabei bis zur Hälfte der Nahrungsmenge zu sich nimmt, die er innerhalb von 24 Stunden üblicherweise verzehrt, leidet am „Night Eating Syndrom“ (NES). Obwohl diese Auffälligkeit im Essverhalten schätzungsweise ein bis zwei Prozent der Bevölkerung aufweisen, ist sie wissenschaftlich wenig erforscht. Auch steht noch nicht fest, ob es sich um eine psychische Erkrankung, Schlafstörung, eigenständige Essstörungsform oder um eine Variante der „Binge Eating Disorder“ handelt.

Sorgen um Gewicht und Figur
Charakteristisch für das NES ist das wiederholte Essen und Trinken am späten Abend und mitten in der Nacht. Dabei werden in der Regel große Mengen Kohlenhydrate aufgenommen, aber nur wenig Proteine. Morgens haben „Nachtesser“ hingegen keinen Appetit. Zudem haben Nachtesser Ein- sowie Durchschlafprobleme. „Sie wachen auf und können nicht wieder einschlafen, ohne etwas zu sich genommen zu haben“, berichtet die Psychologin Barbara Mühlhans vom Universitätsklinikum Erlangen. Begleitet werden diese Kriterien von Anspannung und schlechter Stimmung am Abend und von Sorgen um Gewicht und Figur. Einige Betroffene leiden darüber hinaus an verminderter Lebensqualität, Stress, Ängsten, Depressionen und Süchten. Auch Übergewicht ist ein häufig anzutreffendes Problem. Allerdings ist es nicht unbedingt eine direkte Folge des nächtlichen Essens, da zwar in der Nacht bis zur Hälfte des Tagesbedarfs, aber in vielen Fällen nicht übermäßig viel Nahrung aufgenommen wird. Aus diesem Grund ist ein Teil der Nachtesser normalgewichtig und nimmt im Laufe der Jahre auch nicht zu; sind Nachtesser jedoch übergewichtig oder neigen zum Übergewicht, verstärkt das nächtliche Essen diese Problematik. Angesichts der Vielzahl der Schwierigkeiten und Komorbiditäten, die mit dem NES einhergehen, meint die Psychologin Jennifer Lundgren von der Universität Missouri: „Das NES kann sich negativ auf Gesundheit und Wohlbefinden auswirken.“

Die Ursachen sind noch kaum erforscht. Empirische Studien legen jedoch nahe, dass eine genetische Komponente eine Rolle spielt, da das NES familiär gehäuft auftritt. Auch scheinen Hormone mitzuwirken. So produzieren beispielsweise Kerngebiete im Hypothalamus Hormone (zum Beispiel Melatonin), die den zirkadianen Rhythmus steuern. Eine Fehlregulation führt nicht nur zu den genannten Schlafstörungen, sondern auch zu Depressionen. Einer Fallstudie zufolge wirkt sich auch der Level des Hormons Ghrelin auf das Essverhalten aus. Während er bei Nichtbetroffenen nachts niedrig ist, ist er bei Nachtessern erhöht und sorgt für Hungerschübe. Darüber hinaus haben US-amerikanische Psychiater herausgefunden, dass Nachtesser im Vergleich zu stark übergewichtigen Personen und Nichtbetroffenen häufiger von emotionalem Missbrauch und körperlicher Vernachlässigung in der Kindheit berichteten.

Bisher wenig beachtet
Zur Therapie liegen nur wenige Veröffentlichungen vor. In der Regel wird mit Psychopharmaka behandelt, zum Beispiel mit dem SSRI Sertralin, der als Antidepressivum eingesetzt wird. Auch mit dem Anticonvulsant Topiramat, das zur Behandlung der Epilepsie eingesetzt wird, mit Lichttherapie und anderen SSRI wurden bereits Therapieerfolge erzielt; allerdings ist deren therapeutische Wirksamkeit empirisch noch nicht gesichert. Psychologen der Universität South Carolina/USA gelang es zudem, die Symptomatik durch Entspannungsmethoden (Muskelrelaxation) zu reduzieren. Darüber hinaus werden gelegentlich auch Methoden der kognitiv-behavioralen Therapie eingesetzt oder als Selbsthilfemaßnahmen empfohlen. Dazu zählen etwa Nahrungaufnahme aufzeichnen, emotionale Trigger erkennen und vermeiden, körperliche Aktivität steigern, sich Unterstützung suchen und Rückfälle vorhersehen.

Noch wird das NES von Wissenschaftlern und Klinikern wenig beachtet, vermutlich weil es schambesetzt ist, häufig verschwiegen wird und als Erkrankung nicht offiziell anerkannt ist. Bisherige Befunde weisen jedoch darauf hin, dass es sich beim NES um weit mehr als eine schlechte Angewohnheit handelt und viele Menschen davon betroffen sind. Zudem geht es mit Symp-tomen und Komorbiditäten einher, die das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigen können und teilweise behandlungsbedürftig sind. Allein schon aus diesen Gründen wäre eine bessere Erforschung des Syndroms wünschenswert.
Dr. phil. Marion Sonnenmoser


Kontakt:
Jennifer D. Lundgren, University of Missouri-Kansas City, 4825 Troost Avenue, Ste. 124, Kansas City, Missouri 64110-2499 (USA), E-Mail: lundgrenj @umkc.edu
Dipl.-Psych. Barbara Mühlhans, Psychosomatische und Psychotherapeutische Abteilung, Universitätsklinikum Erlangen, Schwabachanlage 6, 91054 Erlangen, E-Mail: Barbara.muehlhans@uk-erlan gen.de
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1.
Allison K, Stunkard A, Thier S: Overcoming Night Eating Syndrome: A step-by-step guide to breaking the cycle. Oakland: New Harbinger Pub. 2004.
2.
Lundgren J et al: A descriptive study of non-obese persons with Night Eating Syndrome and a weight-matched comparison group. Eating Behaviors 2008; 9(3): 343–51.
3.
Mühlhans B, Olbrich K, de Zwaan M: Night Eating Syndrom und nächtliches Essen – was ist das eigentlich? PpmP 2009; 59(2): 50–6.
4.
O’Reardon JP, Peshek A, Allison KC: Night Eating Syndrome: Diagnosis, epidemiology and management. CNS Drugs 2005; 19(12): 997–1008.
1. Allison K, Stunkard A, Thier S: Overcoming Night Eating Syndrome: A step-by-step guide to breaking the cycle. Oakland: New Harbinger Pub. 2004.
2. Lundgren J et al: A descriptive study of non-obese persons with Night Eating Syndrome and a weight-matched comparison group. Eating Behaviors 2008; 9(3): 343–51.
3. Mühlhans B, Olbrich K, de Zwaan M: Night Eating Syndrom und nächtliches Essen – was ist das eigentlich? PpmP 2009; 59(2): 50–6.
4. O’Reardon JP, Peshek A, Allison KC: Night Eating Syndrome: Diagnosis, epidemiology and management. CNS Drugs 2005; 19(12): 997–1008.

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