ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2009Reihe: Psychotherapie mit Älteren – Das Bild des Alters

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Reihe: Psychotherapie mit Älteren – Das Bild des Alters

Sonnenmoser, Marion

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LNSLNS Noch immer ist das Image von älteren Menschen in der westlichen Gesellschaft eher negativ geprägt – besonders in der Arbeitswelt. Aber auch in der Medizin und Psychologie gibt es im Umgang mit den Älteren noch Verbesserungsbedarf.

Foto: iStockphoto
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Menschen, die schon älter sind, haben kein gutes Image. Das belegt beispielsweise ein Experiment, das die Entwicklungspsychologin Dr. Natalie Ebner von der Yale University durchgeführt hat. Sie zeigte Probanden verschiedenen Alters die Gesichter von jüngeren und älteren Menschen und bat sie um eine Bewertung. „Ältere Gesichter wurden negativer bewertet als jüngere“, berichtet Ebner. „Sie wurden beispielsweise als weniger attraktiv, liebenswert und unverwechselbar beschrieben.“ In einem anderen Experiment gaben Arbeits- und Industriepsychologen der University of Illinois 353 Probanden die Personalunterlagen eines fiktiven Kapitäns, aus denen Leistungsstärken und -schwächen hervorgingen. Die Probanden erhielten zusätzlich die Information, dass der Kapitän 31 Jahre beziehungsweise 63 Jahre alt sei. Dann sollten die Probanden sich vorstellen, dass sie die Vorgesetzten des Kapitäns wären. Sie sollten ihn beurteilten und überlegen, ob sie ihn fördern und weiterbeschäftigen würden. Die Probanden, die von einem 63-jährigen Kapitän ausgingen, beurteilten diesen wesentlich schlechter als die Probanden, denen ein jüngeres Alter genannt worden war. Die Beurteilungen fielen umso negativer aus, je mehr Vorurteile die Probanden gegenüber Älteren im Allgemeinen hatten. Die Leistungsschwächen des älteren Kapitäns wurden automatisch auf sein Alter zurückgeführt, während beim jüngeren Kapitän äußere Umstände verantwortlich gemacht wurden. Die Probanden betrachteten den älteren Kapitän als nicht mehr lern- und entwicklungsfähig und verweigerten Förderung und Weiterbeschäftigung. Im Fall des jüngeren Kapitäns sprachen sich die Probanden hingegen für Schulungen und Fortbildungen aus.

Diese und viele andere Untersuchungen zeigen, dass allgemeine, pauschalisierende Annahmen über ältere Menschen (sogenannte Altersstereotype) vorwiegend negativ sind und zu hartnäckigen Vorurteilen und Diskriminierung beitragen. Viele Arbeitgeber sind beispielsweise fest davon überzeugt, dass ältere Arbeitnehmer unflexibel, nicht mehr lernbereit und häufig krank sind. Außerdem glauben sie, dass Ältere nichts mehr leisten, auf den Ruhestand warten und nur noch Kosten verursachen. Das hat zur Folge, dass sie den Älteren kaum noch etwas zutrauen, ihnen keine Herausforderungen mehr geben und nichts mehr in ihre Weiterbildung investieren. Es führt auch dazu, dass ältere Arbeitnehmer massenhaft entlassen werden und große Schwierigkeiten haben, wieder Arbeit zu finden. Auch im klinischen Bereich gibt es zahlreiche Vorurteile. Umfragen belegen, dass viele Mediziner und Psychotherapeuten lange dazu neigten, ältere Menschen als sehr schwer behandelbare beziehungsweise aussichtslose Fälle zu sehen. Sie befürchteten, dass langjährige Erkrankungen bereits chronifiziert und therapieresistent wären und das Denken und Verhalten älterer Menschen kaum noch zu beeinflussen sei. Man stellte Kosten-Nutzen-Rechnungen auf und überlegte, ob es sich überhaupt noch lohnt, Zeit und Geld in Menschen mit wenig verbleibender Lebenszeit zu investieren, zumal Psychotherapien in der Regel lange dauern. Und man fragte sich, warum ältere Menschen auf einmal psychologische Behandlungen beanspruchten, wenn sie mit ihren Problemen und Krankheiten bisher alleine zurechtgekommen waren. Zur ablehnenden Haltung von Psychologen und Psychotherapeuten trug auch Sigmund Freud bei, der meinte, dass die Behandlung älterer Patienten nur von begrenztem Nutzen sei, weil Menschen mit zunehmendem Alter rigider würden, was Veränderungen erschwere.

Ältere Menschen, die solchen Vorurteilen Glauben schenken und sich ihnen anpassen, tun sich nichts Gutes. Wie Studien belegen, sind Senioren, die sich für nutzlos und hinfällig halten, tatsächlich niedergeschlagener und lethargischer, und es fällt ihnen schwer, sich und anderen das Gegenteil zu beweisen.

Ältere Menschen sind ein Gewinn für jedes Unternehmen
Wissenschaftliche Studien zu Einstellungen, Emotionen, Verhalten und Leistungsfähigkeit älterer Menschen liefern im Gegensatz zu den gängigen Klischees und Vorurteilen ein weitaus differenzierteres und positiveres Bild. Beispielsweise werteten Wissenschaftler der Universitäten Hongkong und Georgia 380 Untersuchungen aus und kamen zu dem Ergebnis, dass ältere Arbeitnehmer viele Vorzüge haben. Laut dieser Studie profitieren Ältere etwas weniger von Fortbildungen als jüngere, vor allem wenn es dabei um moderne Technologien geht, aber sie sind in der Regel immer noch genauso leistungsfähig. Sie arbeiten sicherheitsorientierter, beachten eher Vorschriften und haben weniger Arbeitsunfälle. Zudem neigen sie weniger zur Sabotage oder anderen, schädigenden Verhaltensweisen. Sie sind umgänglicher, erfahrener, emotional intelligenter, weniger aggressiv und haben seltener Probleme mit Alkohol und Drogen. Außerdem kommen sie nicht so oft zu spät, unterstützen eher ihre Kollegen, fühlen sich mit dem Unternehmen verbundener und beschweren sich seltener als Jüngere. Nach Meinung der Wissenschaftler sind ältere Arbeitnehmer ein Gewinn für ein Unternehmen, weil sie sich bemühen, Vorurteile zu widerlegen und altersbedingte Schwächen zu kompensieren.

Weitere psychologische Studien zeigen, dass das gesundheitliche Wohlbefinden zwar mit zunehmendem Alter nachlässt, dafür aber emotionale Stärke und psychisches Wohlbefinden ansteigen. Zudem gelingt die Regulation von Emotionen im höheren Alter besser. Aus diesem Grund sind viele ältere Menschen, vor allem Hochbetagte, oft weniger depressiv oder niedergeschlagen und empfinden mehr Lebenszufriedenheit als jüngere Menschen. Auch die Sicht auf sich selbst und die Welt nimmt eine günstige Wendung: Ältere Menschen kennen ihre guten und schlechten Seiten besser. Zugleich nimmt ihr Interesse an sich selbst und an materiellen Werten ab, und sie wenden sich stattdessen stärker den Mitmenschen und sozialen Belangen zu. Ältere Menschen sind oft auch geschickter und taktvoller im Umgang mit anderen und insgesamt erfahrener und gelassener. Viele geistige Fähigkeiten verringern sich nicht. Allerdings neigt das Gedächtnis im höheren Alter dazu, sich vorwiegend an Schönes, weniger hingegen an Schlechtes zu erinnern. Das gilt auch für das Sprechen: Ältere Menschen unterdrücken häufiger Kritik, beziehen andere eher mit ein und wählen positivere Wörter als jüngere. Neben den sprachlichen Fähigkeiten bleiben auch Persönlichkeit, Lernfähigkeit und Lebensfreude noch lange stabil. Solche Ergebnisse aus der Altersforschung sollen das Älterwerden nicht glorifizieren und treffen sicherlich nicht auf jeden älteren Menschen zu. Aber sie machen zumindest Mut, ändern einseitig negative Sichtweisen und können zum Abbau von Vorurteilen beitragen. Zudem belegen sie, dass Freud sich wohl irrte, denn Psychotherapie kann für Ältere durchaus sinnvoll sein, und viele ältere Menschen bringen die nötigen Voraussetzungen für eine Psychotherapie mit.

Der sprachliche Ausdruck wird im Alter facettenreicher
Für die Therapie mit älteren Menschen ist es von Vorteil, dass die Sprache im Alter komplexer und der Wortschatz größer werden. Auch Gefühle werden differenzierter wahrgenommen. Ältere Menschen können daher wesentlich facettenreicher ausdrücken, was sie denken und fühlen als jüngere. Im Gegensatz zu früheren Vorstellungen sind ältere Menschen durchaus lernfähig. Wie neurowissenschaftliche Studien zeigen, kann sich das Gehirn bis ans Lebensende neu organisieren. Das bedeutet, dass neue Erfahrungen und Lernprozesse jederzeit möglich sind, wenn auch in einem anderen Umfang und Tempo als bei jüngeren Personen. Auch die Fähigkeit, Emotionen zu regulieren, kann in der Behandlung genutzt werden, zum Beispiel um negative Impulse und Emotionen zu reduzieren und die Lebensqualität zu erhöhen. Diese und viele weitere Veränderungen des Denkens, Sprechens, Fühlens und Verhaltens, die mit dem Älterwerden einhergehen können, stellen Ressourcen da, die in der therapeutischen Arbeit mit älteren Menschen genutzt werden sollten.
Dr. phil. Marion Sonnenmoser
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