ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2009Friedrich Schiller: „Alle acht Tage ein anderer“

KULTUR

Friedrich Schiller: „Alle acht Tage ein anderer“

Traub, Ulrich

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Akropolis oberhalb von Marbach: das neue Literaturmuseum der Moderne (LiMo), erbaut von David Chipperfield; im Hintergrund das Schiller-Nationalmuseum
Akropolis oberhalb von Marbach: das neue Literaturmuseum der Moderne (LiMo), erbaut von David Chipperfield; im Hintergrund das Schiller-Nationalmuseum
Das schwäbische Städtchen Marbach, wo der Dichter 1759 das Licht der Welt erblickte, schickt sich an, einmal mehr zum Mekka der Literaturfreunde zu werden.

Ein abgewetzter Lederhut als Ausgangspunkt einer literarischen Spurensuche. Zwei wie Lakritze aussehende Handwärmer aus Keramik als Auslöser einer poetischen Auferweckung. Eine Schnupftabakdose als ästhetisches Modell. Das hört sich nach starkem Tobak an.

Nach Haydn und Darwin nun Schiller – schon wieder Schiller. Das letzte Schiller-Jahr liegt gerade vier Jahre zurück. 2005 wurde der Dichter in Marbach und Weimar anlässlich seines 200. Todestages als erster Berufsschriftsteller gewürdigt (dazu DÄ, Heft 22/2005). Nun steht der 250. Geburtstag auf der Agenda, und das schwäbische Marbach, wo Friedrich Schiller 1759 das Licht der Welt erblickte, schickt sich an, einmal mehr zum Mekka der Literaturfreunde zu werden.

Geburtshaus Friedrich Schillers in der Marbacher Altstadt, das mit einer neuen Ausstellung im Februar wiedereröffnet worden ist
Geburtshaus Friedrich Schillers in der Marbacher Altstadt, das mit einer neuen Ausstellung im Februar wiedereröffnet worden ist
In dem Städtchen am Neckar, wo mit dem Schiller-Nationalmuseum, dem Deutschen Literaturarchiv und dem 2006 eröffneten Literaturmuseum der Moderne (LiMo) das Herz der deutschen Literaturaufarbeitung schlägt, geht es nun förmlich ums Ganze, der Mensch und Autor Friedrich Schiller wird dekonstruiert und neu zusammengesetzt – das allerdings höchst fragmentarisch und scheinbar willkürlich. „Autopsie Schiller“ ist die Jahresausstellung im LiMo überschrieben. Mit ihr kann das ewige Schiller-Licht weiterflackern, bis der Altbau des Nationalmuseums am Geburtstag seines Namensgebers am 10. No-vember nach umfangreichen Renovierungsarbeiten wieder öffnet – mit einer neu konzipierten Schiller-Dauerausstellung. Tief unten in den schummrigen Räumen des LiMo haben die Kuratorinnen um Museumschefin Heike Gfrereis ihre Fundstücke inszeniert. In neun kreisrunden Vitrinen wird Schiller von Kopf bis Fuß, von den Locken bis zu den Schuhschnallen, durchleuchtet. Das geschieht bar jeder chronologischen Ordnung und springt thematisch grenzüberwindend von Motiv zu Motiv.

Es gilt, den Faden, der von Schillers Mutter gesponnen worden sein soll und nun unter Glas ruht, aufzunehmen, um sich einen Weg durch das assoziative Labyrinth der knapp 400 Exponate zu bahnen. Die These, dass Schillers Hab und Gut viel mehr auf die Literatur als auf den echten Menschen verweise, lässt sich nicht immer so stringent bestätigen wie beim Spazierstock, der auf direktem Wege zu Schillers Gedicht „Der Spaziergang“ führt. Um die Mehrzahl der Bezüge aufde-cken zu können, muss der Literaturfreund verschlungenere Wege zurücklegen.

So leitet das knallrote Stirnband, das Schiller gegen Kopfschmerzen anlegte, über Briefe und Textstellen, in denen über Kopfschmerzen geklagt wird, zur Pose des Melancholikers, in der er sich häufig darstellen ließ. Ein aufgeschlagenes Buch aus Schillers Bibliothek legt eine andere Fährte aus. Es zeigt Homer mit Stirnbinde. In dem Ausstellungskapitel, das von einer Weste Schillers eingeleitet wird, geht es um Haltung, die es zu bewahren galt. Es geht um die Art des Dichters, mit großer Geste zu deklamieren, allerdings auch um seine Steifheit beim Gehen.

Der Spiegel, in den der Dichter geschaut hat, fordert auf, zu überlegen, was er gesehen hat. Riechfläschchen und Mokkatassen bekunden das Bedürfnis nach innerer Reinigung, die der ausgebildete Arzt nicht nur häufig vollzogen und empfohlen, sondern als Modell der Läuterung auch seiner Literatur einverleibt hat. Wer schließlich bei Schillers Schuhschnallen angekommen ist, wird einen Dichterfürsten entdecken, der oft nur unter Gestampfe seine Gedanken zu Papier bringen konnte. In dem kleinen Neckarstädtchen kann man sich glücklich schätzen, dass eine Fügung des Schicksal ihnen diesen Sohn in die kommunale Wiege gelegt hat. Als Schiller vier Jahre alt war, zog die Familie ins nahe Lorch. Der Dichter kehrte nie in seine Heimat zurück.
Ulrich Traub

Informationen: Die Ausstellung „Autopsie Schiller“ ist bis zum 4. Oktober, dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr zu sehen. Telefon: 0 71 44/84 80, Internet: www.dla-marbach. de. Buch zur Ausstellung 15 Euro. Das Schiller-Nationalmuseum wird am 10. November wiedereröffnet. Schillers Geburtshaus wurde Anfang Februar mit einer neuen Ausstellung wiedereröffnet. Informationen zum Schillerjahr 2009: www.schillerjahr2009.de, www.schillerjahr-bw.de.
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