ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2009Onlinesucht: Rückzug aus dem realen Leben

POLITIK

Onlinesucht: Rückzug aus dem realen Leben

Gieseke, Sunna

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Die Computersucht wird bei jungen Männern zu einem immer größeren Problem. Besonders Onlinerollenspiele, wie World of Warcraft, spielen dabei eine Rolle. Foto: Mauritius Images
Die Computersucht wird bei jungen Männern zu einem immer größeren Problem. Besonders Onlinerollenspiele, wie World of Warcraft, spielen dabei eine Rolle. Foto: Mauritius Images
Immer mehr Jugendliche sind computer- und internetsüchtig. Das hat massive Auswirkungen auf die schulischen Leistungen und sozialen Kontakte. Experten forden mehr Medienkompetenz der Eltern.

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing (SPD), plädiert für einen Ausbau der Therapiemöglichkeiten für Onlinesüchtige. Der Bedarf wächst, weil das Problem der Onlinesucht immer größer wird. Dies erklärte Bätzing anlässlich der Jahrestagung „Internet und Computerspiele – wann beginnt die Sucht?“ Anfang Juli in Berlin. Dass es sich um eine Sucht handelt, ist zumindest für Forschung und Politik keine Frage mehr: Drei Prozent der Jungen und 0,3 Prozent der Mädchen sind computerspielabhängig. Zudem sind 4,7 Prozent der Jungen und 0,5 Prozent der Mädchen gefährdet, eine Computersucht zu entwickeln.

Wie kann man dem Problem begegnen? Diese Frage diskutierten Experten aus den USA, Korea, China und Deutschland. Das Phänomen der Onlinesucht ist allerdings vielen Erwachsenen völlig unverständlich. „Eltern wissen zum Teil gar nicht, was ihre Kinder spielen“, erklärte Dr. Dave Greenfield, Gründer der Anlaufstelle für Internet- und Technologieabhängigkeit, West Hartford, Connecticut (USA). Die Drogenbeauftragte Bätzing plädiert daher für mehr Medienkompetenz der Eltern: „Nur so können sie das Gefährdungspotenzial erkennen.“ Ein großes Problem stelle hierbei das Onlinerollenspiel „World of Warcraft“ dar. Hier solle die Altersfreigabe von zwölf auf 18 Jahre erhöht werden.

Darüber hinaus sei es sinnvoll, Beratungsangebote innerhalb des Suchthilfesystems anzubieten, forderte Wolfgang Schmidt, Geschäftsführer der hessischen Landessuchtstelle. Im Falle einer Sucht reiche es nicht, einfach nur den Stecker zu ziehen. Allerdings sei nicht jede Mediennutzung schlecht, und nicht alle Computerspiele endeten sofort in einer Sucht, sagte Bätzing. Aus diesem Grund seien Clearingstellen sinnvoll, in denen festgestellt werden kann, ob es sich überhaupt um eine Sucht handle, betonte Schmidt. „Oft sind es Erziehungsfehler der Eltern, und in diesen Fällen können dann Erziehungsberatungsstellen helfen.“ Auch Ärzte sollen seiner Meinung nach mehr Kompetenz entwickeln, eine Onlinesucht zu diagnostizieren. Damit könnte den Betroffen und den Eltern ein langer Leidensweg erspart bleiben.

Das reale Leben muss interessanter werden
„Exzessiv computerspielende Jugendliche laufen Gefahr, Schule, Beruf und Beziehungen zu vernachlässigen und in ihrer psychischen und sozialen Entwicklung zurückzubleiben“, sagte Bätzing. Wenn sich fast jeder fünfte junge „World of Warcraft“-Spieler aus dem normalen sozialen Leben weitgehend zurückziehe, müsse man sich dieser Veränderung stellen.

Es sei vor allem eine Krise der Jungen, die bisher auf dem Weg des Erwachsenwerdens gescheitert seien, erklärte Prof. Dr. Christian Pfeiffer, Kriminologisches Forschungsinstitut Hannover. Seine Lösung: Man solle das reale Leben für Jugendliche interessanter gestalten. Allein die Stundenzahl vor dem Computer sei an sich noch kein Warnsignal für eine Sucht. Vielmehr sei es ein Indiz, wenn jemand bei Entzug aggressiv oder depressiv reagiere.

„Die Grenzen zwischen einem modernen und normalen Umgang mit neuen Medien und einem Suchtverhalten mit Kontrollverlust sind fließend“, ergänzte die Drogenbeauftragte. Schließlich kam man zu dem Schluss: Man wolle die Entwicklung der Computerspielsucht weiterhin genau beobachten.
Sunna Gieseke
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