ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2009Notfallmedizin: Logistik als zentrale Herausforderung

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Notfallmedizin: Logistik als zentrale Herausforderung

Krüger-Brand, Heike E.

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Die Spitzentechnik des Rettungswagens ist bei Notfalleinsätzen nicht immer erforderlich. Foto: Fraunhofer-IESE
Die Spitzentechnik des Rettungswagens ist bei Notfalleinsätzen nicht immer erforderlich. Foto: Fraunhofer-IESE
Das neu gegründete Deutsche Zentrum für Notfallmedizin und Informationstechnologie in Kaiserslautern arbeitet an Systemen zur Verbesserung der Logistik und Kommunikation in der Notfallversorgung.

Der Faktor Zeit spielt bei einem medizinischen Notfall oftmals eine entscheidende Rolle: Nach Eingang einer Meldung bei einem schweren lebensbedrohlichen Ereignis wie Schlaganfall, Herzinfarkt oder Schädel-Hirn-Trauma soll der Patient innerhalb von 90 Minuten in einer geeigneten Behandlungseinrichtung versorgt werden. Doch diese Empfehlung der Fachgesellschaften werde in der Praxis häufig nicht realisiert, betonte Prof. Dr. med. Christian Madler, Westpfalz-Klinikum Kaiserslautern, bei der offiziellen Eröffnung des Deutschen Zentrums für Notfallmedizin und Informationstechnologie DENIT Mitte Juni 2009. Das Forschungs- und Entwicklungszentrum, das bereits seit Anfang des Jahres am Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering (IESE) in Kaiserslautern seine Arbeit aufgenommen hat, wird unter anderem Systeme entwickeln, die die Logistik und Kommunikation in der Notfallmedizin optimieren sollen. Die Anschubfinanzierung von 630 000 Euro übernehmen das Wissenschafts- und das Innenministerium des Landes gemeinsam.

„Logistik und Informationsmanagement sind wesentliche Elemente der heutigen Notfallmedizin. Die institutionalisierte, dauerhafte Kooperation von Notfallmedizin und IT ist für die Weiterentwicklung der akuten medizinischen Versorgung unverzichtbar“, erläuterte Madler, Chefarzt des Instituts für Anästhesiologie und Notfallmedizin I an der Westpfalz-Klinik. Künftig sollen daher Mediziner und Informatiker gemeinsam die notfallmedizinische Versorgung in Rheinland-Pfalz weiterentwickeln. Dieser interdisziplinäre Ansatz kommt auch in der Führung des Instituts zum Ausdruck: Die wissenschaftliche Leitung des DENIT hat Madler gemeinsam mit dem geschäftsführenden Leiter des IESE, dem Informatiker Prof. Dr. Dieter Rombach, übernommen.

„Der technische Stand in der Notfallmedizin liegt weiter hinter dem von Logistikdienstleistern zurück“, kritisierte Rombach. IT werde in der Einsatzplanung nur rudimentär eingesetzt, häufig werde noch mit Papier und Bleistift gearbeitet. Die Vernetzung der Akteure im Rettungswesen erfolge häufig „word by mouth“. Die Prüfung der Verfügbarkeit wichtiger Ressourcen, wie etwa die Suche nach einer geeigneten Zielklinik, sei online kaum möglich, mit der Folge von Fehlzuweisungen in ungeeignete Kliniken aufgrund unzureichender Informationen. Die Notfallerkennung im häuslichen Umfeld sei zudem technisch nur mangelhaft umgesetzt, zählte Rombach auf. Sein Fazit: „Lebenswichtige Entscheidungen werden letztlich häufig auf einer unsicheren Informationsgrundlage getroffen.“

Ein wesentliches Ziel ist es somit, das Informationsmanagement entlang der gesamten Rettungskette – vom Eintreffen des Rettungsdienstes vor Ort bis in die Klinik – zu verbessern. „Hierfür sind Systeme erforderlich, die die Art und Schwere eines Notfalls erkennen und entscheidungsunterstützend eingesetzt werden können“, sagte Malder. Wichtige Parameter, die für die realitätsnahe Einschätzung eine Rolle spielen, sind beispielsweise Notfallort, Diagnose, Kapazitäten möglicher Zielkliniken, Streckenberechnungen, Wetterlage und Verkehrsführung.

Neben der Logistik und dem Informationsmanagement sieht Madler die „soziale Dimension“ der Notfallmedizin als weitere große Herausforderung: Laut Statistik werden Notärzte vor allem in städtischen Ballungsräumen nicht nur zu schweren Unfällen oder akuten Erkrankungen gerufen, sondern sie treffen inzwischen vielfach auf nicht lebensbedrohliche Erkrankungen, auf gestürzte, hilflose ältere Personen, auf häusliche Gewalt oder Menschen in psychosozialen Krisen. Dies seien Auswirkungen der demografischen Entwicklung und veränderter Familienstrukturen sowie Folgen von Armut und Arbeitslosigkeit, erläuterte Madler.

Diese Entwicklungen wirken sich unmittelbar auch auf Notfallmedizin und Rettungswesen aus. So ist nicht immer die Spitzentechnik des Rettungsdienstes am Einsatzort notwendig. Studien zur Altersverteilung von Notfallpatienten ergaben zudem, dass zwei Drittel aller Einsätze in Kaiserslautern Patienten jenseits des 65. Lebensjahres betrafen, die häufig zudem allein lebten, berichtete Madler. Ein Drittel aller alten Menschen, die zu Hause stürzen und auf Hilfe angewiesen sind, werden erst mit erheblicher Verzögerung aufgefunden und medizinisch versorgt. Neue Konzepte und technologische Ansätze, wie sie unter dem Stichwort „Lebensassistenz“ im Rahmen von Ambient Assisted Living (AAL) entwickelt werden, könnten künftig zur Prophylaxe und Prävention solcher Notfälle beitragen.

So werden im AAL-Testlabor des Fraunhofer-IESE prototypische Lösungen entwickelt und erprobt, die eine präventive automatisierte Notfallerkennung aus der häuslichen Umgebung heraus mittels eingebetteter Sensornetzwerke ermöglichen sollen. Das Ziel ist, älteren oder unterstützungsbedürftigen Menschen zu ermöglichen, länger im eigenen Heim zu leben (siehe auch DÄ, Heft 15/2009). „Notfallmedizin ist nicht nur Individualmedizin, sondern ein zentrales Element der Daseinsvorsorge“, betonte Madler. Die Inhalte der Notfallmedizin wandelten sich permanent und seien von den Lebensumständen abhängig.

Vor diesem Hintergrund wird sich das Kompetenzzentrum laut Rombach vorrangig drei Schwerpunkten widmen: der Beratung von Politik und Industrie, dem Bereich Forschung und Entwicklung (Aufbau von IT-Dokumentations- und Expertensystemen, Kommunikationsinfrastrukturen) sowie der Aus- und Fortbildung von Ärzten und medizinischem Assistenzpersonal.
Heike E. Krüger-Brand
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