ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2009Medizintechnik: Strategien für die Zukunft gefragt

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Medizintechnik: Strategien für die Zukunft gefragt

Krüger-Brand, Heike E.

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Das Zentrum für kardiovaskuläre Telemedizin an der Charité in Berlin betreut kardiologische Hochrisikopatienten. Foto:Charité
Das Zentrum für kardiovaskuläre Telemedizin an der Charité in Berlin betreut kardiologische Hochrisikopatienten. Foto:Charité
Die „Jenaer Erklärung“ fordert einen intensiveren Dialog von Wirtschaft, Wissenschaft und Politik über die technischen und wirtschaftlichen Potenziale der Medizintechnik.

Wir leben in der Medizintechnikbranche im Unterschied zu anderen Wirtschaftszweigen noch auf einer Insel der Seligen“, konstatierte Prof. Dr. Hans-Jörg Bullinger, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, bei der „Zukunftskonferenz Medizintechnik“ Ende Juni in Jena*. Fraunhofer selbst hat im vergangenen Jahr 1 400 neue Mitarbeiter eingestellt und verzeichnet auch 2009 bereits einen Zuwachs von 400 Mitarbeitern.

Generell blickt die Branche trotz Wirtschaftskrise noch optimistisch in die Zukunft, denn die Experten prognostizieren für 2009 eine moderate Fortsetzung des bisherigen Wachstumskurses, und weltweit steigt die Nachfrage nach medizintechnischen Produkten. Allein 2008 erwirtschaftete die deutsche Medizintechnikindustrie 18,7 Milliarden Euro; dabei betrug der Auslandsumsatz mit rund 10 Milliarden Euro mehr als die Hälfte des Gesamtumsatzes. Mit einem Weltmarktanteil von circa zehn Prozent rangiert Deutschland auf Platz 3 hinter den USA und Japan, bei Patenten sogar auf Rang 2 nach den USA. „Die Medizintechnikbranche ist das Rückgrat der Gesundheitswirtschaft und ein echter Jobmoter“, erklärte Cornelia Quennet-Thielen, Staatssekretärin im Bun­des­for­schungs­minis­terium (BMBF). Derzeit seien hier knapp 100 000 Mitarbeiter in 1 250 vorwiegend mittelständisch geprägten Unternehmen beschäftigt.

Sieben Schlüsseltechnologien
Im Rahmen der Hightechstrategie der Bundesregierung stellt das BMBF rund 25 Millionen Euro pro Jahr für die Förderung von Forschung und Entwicklung in der Medizintechnik zur Verfügung. Nach einer Umfrage des Ministeriums gelten vor allem sieben Schlüsseltechnologien als besonders innovativ: Bio- und Zelltechnologie, Mikrosystemtechnik, Informationstechnologie, optische Technologien, Nanotechnologie, neue Werkstoffe und Materialien sowie Mikroelektronik. „Deutsche Medizintechnikunternehmen sind besonders innovativ, forschungsintensiv, und ihre Produkte genießen international einen hervorragenden Ruf'“, lobte Quennet-Thielen die Vorzeigebranche.

Wachsende Konkurrenz
Doch das wirtschaftliche Umfeld ist auch für die Medizintechnikindustrie schwieriger geworden, und der Konkurrenzkampf mit dem Ausland wird härter. Branchenverbände wie der Bundesverband Medizintechnik (BVmed) beklagen, dass gerade in Deutschland einige Zulassungs- und Markthürden unnötig hoch sind.

„Der Weg von der Produktidee bis zur Regelversorgung ist lang, kostenintensiv und extrem riskant“, erklärte Dr. med. Friedrich Köhler, Leiter des Zentrums für kardiovaskuläre Telemedizin, Charité – Universitätsmedizin Berlin. Wenn alles gut laufe für ein Unternehmen, dauere es zehn Jahre bis zur Refinanzierung einer Innovation. Der Kardiologe weiß, wovon er spricht: Seit 2005 koordiniert er das vom Bundeswirtschaftsministerium geförderte Projekt „Partnership for the Heart“, in dem es um das Telemonitoring von Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz geht. Zudem ist er Projektleiter einer im Januar 2008 gestarteten, randomisierten kontrollierten klinischen Studie (RCT), die den Nutzen von Telemedizin bei kardiologischen Hochrisikopatienten belegen soll.

Die Studie soll insbesondere dazu beitragen, Telemedizin auf Basis nachgewiesener Evidenz als Regelleistung im Katalog der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) zu etablieren – nach Meinung Köhlers der einzig gangbare Weg zur Refinanzierung von Innovationen. Hierfür ist allerdings nachzuweisen, dass die Anwendung sowohl medizinisch als auch ökonomisch effizient ist. „Das Kernproblem – das gilt besonders für kleine und mittelständische Unternehmen – ist der Nachweis der Evidenz“, betonte Köhler. „Dies geht nur über RCT-Studien, und die sind teuer – die Kosten dafür liegen im achtsstelligen Bereich.“ Köhler empfiehlt daher Public-Private-Partnerships, Teilnahme an Verbundprojekten und die frühzeitige Inanspruchnahme von Innovationsberatungen beim Gemeinsamen Bundes­aus­schuss, der über die Aufnahme von Innovationen in den GKV-Leistungskatalog entscheidet.

Weil die Finanzierung im Gesundheitssystem schwierig sein kann, gehen Medizintechnikunternehmen mit ihren Produkten häufig zuerst ins Ausland, teilweise mit der Folge, dass Ärzte hierzulande die Geräte erst in der folgenden Gerätegeneration nutzen können.

Ein Beispiel für diesen „Abwanderungstrend“ ist das Unternehmen Biotronik: Der Hersteller kardiologischer Implantate hat inzwischen rund zehn Jahre Erfahrungen mit der schrittweisen Entwicklung eines Home-Monitoring-Dienstes in Berlin gesammelt. Im Jahr 2000 habe man den ersten Schrittmacher mit mobiler Datenübertragung in Deutschland implantiert, berichtete Dr. Hans-Jürgen Wildau, Leiter des Geschäftsbereichs Health Services bei Biotronik. „Aufgrund der schwierigen Bedingungen des hiesigen Gesundheitssystems sind wir aber sehr schnell in die USA gegangen. Inzwischen beträgt der Anteil deutscher Patienten, die wir telemedizinisch betreuen, nur noch 18 Prozent.“ Bedingt durch die demografische Entwicklung und die Zunahme chronischer Erkrankungen werde die Nachfrage nach Telemedizin und Homecare stetig steigen, ist der Experte überzeugt. Allein Biotronik habe mittlerweile Millionen von Implantaten im Markt, die einschließlich entsprechender Software gepflegt und gewartet werden müssten.

Damit neue Ideen aus Wissenschaft und Forschung künftig schneller in Produkte und Dienstleistungen umgesetzt werden, sollten die Rahmenbedingungen für die beteiligten Akteure weiter verbessert und Innovationshemmnisse abgebaut werden, fordern die Branchenverbände. Ein kritischer Punkt ist beispielsweise der mit drei bis 3,5 Jahren angesetzte Zeitrahmen für die Forschungsförderung, der für kleine und mittlere Unternehmen meist viel zu kurz ist.

Auch bei der Finanzierung von Innovationen könnten neue Wege erprobt werden. Um die Aufnahme in den GKV-Leistungskatalog zu beschleunigen, wäre etwa ein „Innovationspool“ denkbar, in den Mittel der GKV und der Forschungs- und Wirtschaftsförderung fließen sollten, „die zielgerichtet für medizintechnische Innovationen eingesetzt werden“, so der Vorschlag des BVmed-Vorstandsvorsitzenden Dr. Meinrad Lugan. Zusätzlich regte er eine Diskussion über ein „steuergefördertes Innovationssparen“ im Gesundheitsbereich ähnlich der Riester-Rente an. Die steuerliche Förderung schaffe einen wichtigen Impuls, rechtzeitig vorzusorgen. „Die Patienten bekommen mehr Wahlfreiheit und Verantwortung, eine höherwertige Versorgung zu wählen und sich diese auch leisten zu können.“

Lugan plädierte außerdem dafür, die mit der Gesundheitswirtschaft befassten Politikbereiche noch besser miteinander zu verknüpfen und die Zusammenarbeit der zuständigen Ministerien bei Studien und Unterstützungsprogrammen zu optimieren.

Effizienzdiskussion notwendig
Nach wie vor werde in Deutschland in der Gesundheitspolitik vorwiegend eine Kostendiskussion geführt, kritisierte Ulrich Krauss vom Industrieverband Spectaris. Die Chancen einer wachstums- und beschäftigungsorientierten Betrachtung würden oft verkannt, erklärte er. „Aus unserer Sicht ist eine Abkehr von der primären Fokussierung auf die Kosten hin zu einer gesamtwirtschaftlichen Betrachtung von Kosten und Nutzen – im Sinne einer Effizienzdiskussion – absolut notwendig.“

Einen Diskussionsansatz hierzu soll die bei der Tagung beschlossene „Jenaer Erklärung zur Medizintechnik“ liefern, die sich vor dem Hintergrund der unsicheren Lage auf den internationalen Märkten für einen starken Heimatmarkt einsetzt und dafür wirbt, die großen technischen und wirtschaftlichen Potenziale der Medizintechnik zu nutzen und nicht durch kurzsichtige Sparmaßnahmen zu gefährden (www.zukunft-medizintechnik.de/jenaer-erklaerung).
Heike E. Krüger-Brand
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* Veranstalter: Bundeswirtschaftsministerium, Bun­des­for­schungs­minis­terium, Thüringer Ministerium für Wirtschaft, Technologie und Arbeit, die Branchenverbände BVmed, Spectaris, DGBMT, ZVEI sowie medways

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