ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2009Filmkritik: „Ohne Gedächtnis wären wir nichts“

KULTUR

Filmkritik: „Ohne Gedächtnis wären wir nichts“

Dtsch Arztebl 2009; 106(28-29): A-1469 / B-1253 / C-1221

Osterloh, Falk

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Wenn Eric Kandel lacht, verharren seine Gesichtszüge für einige Zeit und versprühen eine kindliche Daseinsfreude. Und Eric Kandel lacht oft. Dabei hat er in seinem Leben nicht immer etwas zu lachen gehabt. Im Alter von neun Jahren musste der Jude Kandel zusammen mit seiner Familie vor dem Vernichtungswahn der Nazis aus seinem geliebten Wien nach Amerika flüchten. Dieses traumatische Ereignis hat sich tief in sein Gedächtnis eingebrannt. Als junger Mann wollte er verstehen, wie „kultivierte und intelligente Menschen an einem Tag Haydn, Mozart und Beethoven lauschen und am nächsten Tag Juden ermorden“ konnten. Ein früherer Lehrer sagte zu ihm: „Willst du die Menschen verstehen, so musst du ihre Gehirne kennen.“ Und so wandte sich Kandel der Gehirnforschung zu, dechiffrierte im Laufe seiner Karriere das Geheimnis des Langzeitgedächtnisses und erhielt dafür im Jahr 2000 den Nobelpreis für Medizin. In „Auf der Suche nach dem Gedächtnis“ reist der nun 79-jährige Kandel mit seiner Familie zurück nach Wien, spürt am Originalschauplatz seinen Kindheitserinnerungen nach und erklärt nebenbei die Funktionsweise des menschlichen Gehirns.

„Das Gedächtnis ist das Bindemittel, das unser geistiges Leben zusammenhält“, sagt Eric Kandel. „Ohne Gedächtnis wären wir nichts.“ Zu seinen großen medizinischen Leistungen zählt die These, dass das Erinnerungsvermögen komplexer Wirbeltiere grundsätzlich ebenso funktioniert wie das einfacher wirbelloser Organismen. So untersuchte er die Meeresschnecke Aplysia. Dass sich seine These als wahr erwies und man die Ergebnisse dieser Untersuchungen auch auf den menschlichen Körper übertragen konnte, stellte sich erst später heraus. An der Aplysia entdeckte er, dass die Reizübertragung für das Kurzzeitgedächtnis mithilfe von Transmittern funktioniert, die die Information von einer Synapse zur nächsten übertragen. Beim Langzeitgedächtnis hingegen sendet der Zellkern eine Boten-RNA, die die Synapse anweist, neue Synapsen zu bilden und die Bindung zwischen den beiden involvierten Zellen zu verstärken. Somit bewirkt das Langzeitgedächtnis nicht nur eine biochemische, sondern auch eine anatomische Veränderung des Gehirns. Mit der Sachlichkeit eines Wissenschaftlers erklärt Kandel nicht nur diese Erkenntnisse, sondern ebenso seine eigenen Emotionen. Und mit der Heiterkeit eines Philanthropen entflammt er mit ihnen auch den Zuschauer.

Der Dokumentarfilmerin Petra Seeger gelingt es mit „Auf der Suche nach dem Gedächtnis“, die Lebensgeschichte Kandels flüssig und lebendig mit den komplexen Ergebnissen seiner Forschungsarbeit zu verweben. Dabei hilft ihr ein ebenso ungenierter wie ehrlicher Eric Kandel. Auf kleinem Raum wird dabei die Lebensleistung Kandels, das Verständnis um das menschliche Langzeitgedächtnis, auch für Laien fassbar. Thematisiert wird darüber hinaus die Dialektik zwischen Wissenschaft und Religion. Für Kandel beschränken sich beide Felder auf das Diesseits, die Religion als gesellschaftliches und moralisches Metronom, die Wissenschaft als Entschleierer der Lebensgeheimnisse. Bei der Frage, was denn im Jenseits auf die Menschen und ihr Gedächtnis warte, muss Kandel nicht lange überlegen. Und dieses Mal lacht er nicht, als er sagt, was im Englischen noch endgültiger klingt als im Deutschen: „Nothingness.“
Falk Osterloh
Der junge Eric Kandel mit seiner Mutter, Szenenfoto Fotos:W-Film
Der junge Eric Kandel mit seiner Mutter, Szenenfoto Fotos:W-Film
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