ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2009100 Jahre Künstlerkolonie Ahrenshoop: Ein Dorf wie gemalt

KULTUR

100 Jahre Künstlerkolonie Ahrenshoop: Ein Dorf wie gemalt

Schiller, Bernd

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Gelebte Tradition: Auch Rainer Dörner lässt sich für seine Bilder von Landschaft, Menschen und Meer der mecklenburgischen Ostseeküste inspirieren. Foto: Bernd Schiller
Gelebte Tradition: Auch Rainer Dörner lässt sich für seine Bilder von Landschaft, Menschen und Meer der mecklenburgischen Ostseeküste inspirieren. Foto: Bernd Schiller
Noch immer zieht die Ostsee-Halbinsel Darß kreative Geister an.

Rainer Dörner ist mit sich und der Welt zufrieden. Die Sonne scheint, er sitzt mit seiner Frau Marlen und ein paar Freunden im romantisch-verwilderten Garten seines Reetdach-Häuschens am nördlichen Ortsrand von Ahrenshoop. Rainer Dörner ist einer von etwa zwölf renommierten Künstlern – Maler, Bildhauer, Keramiker, Komponisten –, die das Erbe der Künstlerkolonie im Hauptort auf der Halbinsel Darß lebendig halten. Seit 100 Jahren lassen sich immer wieder kreative Geister von der besonderen Atmosphäre an diesem Teil der mecklenburgischen Ostseeküste inspirieren.

Paul Müller-Kaempff, ein Maler aus Oldenburg, ließ im Sommer 1909 einen Pavillon für sich und seinen Malerfreund Theodor Schorn bauen. Diese erste Galerie in Ahrenshoop steht heute noch; es ist der blaue Kunstkaten im Zentrum des Seebades, der sich vor allem der ersten Künstlergeneration verpflichtet fühlt. Müller-Kaempff wird, so vermutet man heute, nicht der erste Maler gewesen sein, der auf dem Darß gewirkt hat. Aber er war nicht nur einer der Gründerväter, sondern die prägende Persönlichkeit dessen, was bis heute als Ahrenshooper Künstlerkolonie bezeichnet wird.

Vom Hohen Ufer aus, dem Wanderweg zwischen dem Seefahrer- und Fischerdorf Wustrow auf der Halbinsel Fischland und dem verschlafenen Bauernnest Ahrenshoop, hat Paul Müller-Kaempff zehn Jahre vor der Gründung der ersten Galerie jene Idylle entdeckt, die durch ihn in der Kunstwelt ganz Europas bekannt werden sollte: „ [...] plötzlich, als wir die letzte Anhöhe erreicht hatten, [lag] zu unseren Füßen ein Dorf: [...] Die altersgrauen Rohrdächer, die grauen Weiden und grauen Dünen gaben dem [...] Bild einen Zug tiefen Ernstes und vollkommener Unberührtheit.“

Landschaft, Mensch und Meer, sagt Sabine Jastram-Porsche, die Galeristin und Leiterin des Kunstkatens, sind zu allen Zeiten Malern und anderen Künstlern auf eine offenbar besonders eindringliche Weise begegnet. Das kann Rainer Dörner bestätigen. Der gelernte Schildermaler aus der Sächsischen Schweiz war in jungen Jahren oft zu Besuch auf dem Darß. Er hat an der Kunsthochschule in Heiligendamm studiert, hat sich zunächst mit Gebrauchsgrafik und Theaterplakaten versucht, „aber immer habe ich gemalt, erst nur für mich, längst aber schon für einen immer noch wachsenden Liebhaberkreis“.

In Ahrenshoop, so sagen es die Alteingesessenen, hat durch alle Epochen ein etwas freierer Geist geweht als anderswo zur gleichen Zeit. Als sogenanntes Bad der Kulturschaffenden genoss die Kolonie zu DDR-Zeiten zumindest ein paar Privilegien, die auch den übrigen Bewohnern zuweilen das Leben erleichterten.

Lutz Gerlach, Komponist und Musiker aus Berlin, ist einer von denen, die es nach wie vor ins Künstlerdorf zieht. Im Wechselspiel mit der Natur gestaltet er überraschende Klangerlebnisse. „Zum Beispiel begleiten auf dem Hohen Ufer Wind und Wellen unsere Pianos. Die Natur bleibt dabei stets der eigentliche Star des Abends“, beschreibt er seine „Naturklänge“.

Wanderungen entlang der vielfach versteckt liegenden Werkstätten enden nicht selten im Dörner’schen „Atelier Zur Katze“, mit Schnacks, schöngeistigen Gesprächen und Überraschungen. So haben wir im Haus des Keramikers Johann Klünder in der Neuen Reihe, weit weg vom touristischen Trubel, erfahren, dass hier einmal der legendäre Pressezeichner Fritz Koch-Gotha gelebt hat. Von ihm stammen die Illustrationen zur berühmten Häschenschule von Albert Sixtus.

Heute ist Ahrenshoop ein beliebtes Ostseebad. Paul Müller-Kaempff hat übrigens auch dazu schon 1895 mit einer Kurtaxenverordnung einen Meilenstein gesetzt.
Bernd Schiller Informationen: www.ahrenshoop.de
Foto:Picture Alliance-Helga Lade
Foto:Picture Alliance-Helga Lade
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema