ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2009Biomonitoring zur Erfassung umwelt- und arbeitsbedingter Schadstoffbelastungen: Schlusswort

MEDIZIN: Diskussion

Biomonitoring zur Erfassung umwelt- und arbeitsbedingter Schadstoffbelastungen: Schlusswort

The Assessment of Environmental and Occupational Exposure to Hazardous Substances by Biomonitoring: In reply

Dtsch Arztebl Int 2009; 106(30): 507-8; DOI: 10.3238/arztebl.2009.0508a

Baur, Xaver; Budnik, Lygia T.

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LNSLNS Die äußerst komplexen Interaktionen, die bei Mehrfachbelastungen gegenüber Schadstoffen auftreten können, weisen noch viele Fragestellungen und Unbekannte auf, wobei – bezogen auf die einzelnen Umweltnoxen nicht unbedingt Norm-/Richtwert-Abweichungen vorliegen müssen, zum Beispiel bei Belastung durch verschiedene Schwermetalle. Hier sind additive, überadditive, eventuell auch antagonistische Wirkungen möglich, aber erst ansatzweise untersucht. Blei hat, wie eingehende neuere Studien zeigen, in der Tat neben seiner gut bekannten neuro- und hämatotoxischen Wirkungen eine Vielzahl weiterer adverser Effekte. Ein rechtzeitiges sensitives Biomonitoring kann dazu beitragen, die diesbezügliche ätiologische Klärung herbeizuführen, krankheitsursächliche Bleibelastung zu bestätigen oder auch auszuschließen.

Expositions-Biomonitoring allein ist in der Regel zur Risikoabschätzung und Ursachenermittlung einer Erkrankung bei lange zurückliegender Exposition nicht weiterführend. Wie in unserer Veröffentlichung dargelegt, kann biochemisches und biologisches Effekt-Monitoring (u. a. DNA-/Protein-Adduktbildung, Chromosomenaberration [1, 2]) aber Langzeiteffekte aufzeigen, und auch zu wichtigen neuen Kenntnissen über Dosis-Wirkungs-Beziehungen auf molekularer Ebene führen. Oft erlauben diese validierten toxikologischen Daten im Verbund mit anderen Verfahren, zum Beispiel arbeitsepidemiologischen Abschätzungen früherer Expositionen, und adäquaten mathematischen Modellen genauere Risikoermittlungen.

Wichtig ist, die Interpretation solcher Biomonitoring-Ergebnisse im Kontext mit klinischen Befunden vorzunehmen. Bei der Bewertung kanzerogener Effekte müssen neben den langen Latenzzeiten die individuelle Suszeptibilität und Synkanzerogenese-Aspekte berücksichtigt werden. Der Ärztliche Sachverständigenbeirat „Berufskrankheiten“ hat kürzlich empfohlen, das Zusammenwirken von zwei beruflichen Kanzerogenen (polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe und Asbestfasern) in der Berufskrankheitenliste zu verankern (3).

Das klassische Expositionsmonitoring kann in Langzeitstudien angewandt werden, um zum Beispiel persistierende bioverfügbare Substanzen zu untersuchen, die wir aus der Umwelt aufnehmen und die im Körper angereichert werden. Die amerikanische Umweltbehörde (Environmental Protection Agency) und die WHO führen groß angelegte Biomonitoring-Studien durch, um die Hintergrundbelastung der Bevölkerung durch diese Schadstoffe zu untersuchen (4). DOI: 10.3238/arztebl.2009.0508a


Univ.-Prof. Dr. med. Xaver Baur
PD Dr. rer. nat. Lygia T. Budnik
Ordinariat für Arbeitsmedizin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin
Seewartenstraße 10
20459 Hamburg
E-Mail: Baur@uke.uni-hamburg.de

Interessenkonflikt
Die Autoren aller Beiträge erklären, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.
1.
Norppa H, Bonassi S, Hansteen IL et al.: Chromosomal aberrations and SCEs as biomarkers of cancer risk. Mutat Res 2006; 600: 37–45. MEDLINE
2.
Sabbioni G, Jones CR, Sepai O et al.: Biomarkers of exposure, effect, and susceptibility in workers exposed to nitrotoluenes. Cancer Epidemiol Biomarkers Prev 2006; 15(3): 559–66. MEDLINE
3.
Der Ärztliche Sachverständigenbeirat „Berufskrankheiten“ beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Wissenschaftliche Begründung für die Berufskrankheit „Lungenkrebs durch das Zusammenwirken von Asbestfaserstaub und polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen“. GMBl 2007; 23: 474ff.
4.
Food Safety, Foodborne Diseases and Zoonoses Department World Health Organization. Fourth WHO-coordinated survey of human milk for persistent organic pollutants in cooperation with UNEP. http://www.who.int/foodsafety/chem/POPprotocol.pdf
5.
Budnik LT, Baur X: The assessment of environmental and occupational exposure to hazardous substances by biomonitoring [Biomonitoring zur Erfassung umwelt- und arbeitsbedingter Schadstoffbelastungen]. Dtsch Arztebl Int 2009; 106: 91–7. VOLLTEXT
1. Norppa H, Bonassi S, Hansteen IL et al.: Chromosomal aberrations and SCEs as biomarkers of cancer risk. Mutat Res 2006; 600: 37–45. MEDLINE
2. Sabbioni G, Jones CR, Sepai O et al.: Biomarkers of exposure, effect, and susceptibility in workers exposed to nitrotoluenes. Cancer Epidemiol Biomarkers Prev 2006; 15(3): 559–66. MEDLINE
3. Der Ärztliche Sachverständigenbeirat „Berufskrankheiten“ beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Wissenschaftliche Begründung für die Berufskrankheit „Lungenkrebs durch das Zusammenwirken von Asbestfaserstaub und polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen“. GMBl 2007; 23: 474ff.
4. Food Safety, Foodborne Diseases and Zoonoses Department World Health Organization. Fourth WHO-coordinated survey of human milk for persistent organic pollutants in cooperation with UNEP. http://www.who.int/foodsafety/chem/POPprotocol.pdf
5. Budnik LT, Baur X: The assessment of environmental and occupational exposure to hazardous substances by biomonitoring [Biomonitoring zur Erfassung umwelt- und arbeitsbedingter Schadstoffbelastungen]. Dtsch Arztebl Int 2009; 106: 91–7. VOLLTEXT

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