ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2009Klinikaktien: Übergewichtet
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Jens Flintrop, Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik
Jens Flintrop, Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik
Bekanntlich steckt in jeder (Wirtschafts-)Krise auch eine Chance. Was den Krankenhausmarkt betrifft, so gilt diese Weisheit wohl vor allem für die privaten Klinikbetreiber. Analysten empfehlen derzeit, die Aktien der börsennotierten Rhön-Klinikum AG im Wertpapierdepot „überzugewichten“. Der Konzern hatte jüngst eine Kapitalerhöhung angekündigt, um auf die Privatisierungswelle vorbereitet zu sein, die er ab 2010 erwartet. Doch wo es Gewinner gibt, sind meist auch Verlierer. Und das dürften in diesem Fall zahlreiche Krankenhäuser kommunaler Trägerschaft sein, vor allem in den alten Bundesländern. Dabei können sie wenig dafür. Ausschlaggebend ist ein Wettbewerbsnachteil, den die Bundesländer zu verantworten haben.

Einer aktuellen KPMG-Analyse zufolge sind 80 Prozent der Krankenhäuser „gut“ oder „sehr gut“ aufgestellt. Jedem fünften Krankenhaus attestiert das Beratungsunternehmen aber auch mangelnde Wirtschaftlichkeit. Viele Häuser hätten vor allem im Personalbereich noch Verbesserungspotenzial. Dabei gehe es weniger darum, Personal abzubauen, sondern qualifiziertes Personal effizienter einzusetzen. Dazu müssten Prozesse besser organisiert und die Mitarbeiter ausschließlich entsprechend ihrer Qualifikation eingesetzt werden. Wichtig sei auch ein effizienterer Materialeinsatz. Zudem ließen sich vielerorts durch ein professionelleres Gebäudemanagement und durch die konsequentere Verhandlung von Einkaufspreisen noch Einsparungen erzielen. Dann kommt der entscheidende Satz: „Natürlich geht das alles nicht ohne Investitionen.“

Investitionen sind der Schlüssel für die Zukunfts¬fähigkeit eines Krankenhauses. Die durchschnittliche Investitionsquote der von KPMG analysierten Krankenhäuser beträgt 4,5 Prozent – das reicht gerade einmal aus, um die vorhandene Infrastruktur zu erhalten. Manche Häuser weisen eine deutlich höhere Investitionsquote auf, viele aber auch eine noch geringere.

Am niedrigsten sind die Investitionsquoten in den kommunalen Krankenhäusern. Sie haben am meisten darunter zu leiden, dass die Bundesländer ihrer gesetzlichen Verpflichtung zur Investitionsfinanzierung kaum noch nachkommen. Denn die Haushaltskassen der Kommunen sind seit Jahren leer, sodass diese Träger kaum selbst Investitionen stemmen können. Und dies wird auf absehbare Zeit so bleiben. Soeben hat der Deutsche Landkreistag vermeldet, dass die Wirtschaftskrise erst ab 2010 voll auf die kommunalen Haushalte durchschlagen wird. Zudem ist die Bonität der kommunalen Krankenhäuser oft so schlecht, dass sie – wenn überhaupt – nur sehr teure Bankkredite erhalten. Besonders dramatisch ist die Situation in den alten Bundesländern, weil hier der Investitionsbedarf am größten ist. Zur Erinnerung: In den neuen Ländern hatte es nach der Wende ein umfangreiches Investitionsprogramm gegeben.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft hat jetzt einen „nationalen Kraftakt“ von Bund und Ländern gefordert, um den Investitionsstau in den Kliniken aufzulösen. Dieser Vorstoß ist zu unterstützen. Die Bund-Länder-Finanzierung von Investitionen im Konjunkturpaket II war ein guter Ansatz. Letztlich reichen die dort zur Verfügung gestellten Mittel jedoch nicht aus.

Wer nicht daran glaubt, dass die Länder endlich Verantwortung für die ausstehenden Investitionen in den Kliniken übernehmen, der kann sich ja überlegen, ob er auf die Analysten hören und Aktien von Rhön, Fresenius oder Mediclin in seinem Depot „übergewichten“ will.

Jens Flintrop
Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik
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