ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2009Therapie der sekundären Hämochromatose
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Hintergrund: Sekundäre Hämochromatosen beruhen auf einer angeborenen oder erworbenen Anämie, sodass Aderlässe zur Behandlung der Eisenüberladung nicht geeignet sind. Stattdessen steht die gezielte Ausscheidung durch Eisenchelatoren im Vordergrund.
Methoden: Übersichtsarbeit auf der Basis einer selektiven Literaturaufarbeitung.
Ergebnisse: Bei sekundärer Hämochromatose ist die zugrundeliegende Erkrankung (zum Beispiel Thalassämie) durch ineffektive Erythropoese gekennzeichnet. Diese führt zu gesteigerter Eisenresorption im Duodenum. Außerdem sind die Patienten meist chronisch transfusionsbedürftig und erhalten mit jeder Blutkonserve 200 bis 250 mg Eisen, das der Körper nicht aktiv ausscheiden kann. Die entstehende Eisenüberladung kann zu Organschäden führen. In Deutschland sind vor allem ältere Patienten mit myelodysplastischen Syndromen (MDS) betroffen. Die bisherige parenterale Standardtherapie mit Deferoxamin ist mit erheblichen Compliance-Problemen belastet. Im September 2006 ist Deferasirox als oraler Eisenchelator zugelassen worden. Soweit bis jetzt bekannt, ist das Medikament bis auf ein seltenes Nieren- oder Leberversagen sicher.
Schlussfolgerungen: Eine Eisenchelation kommt nicht nur für Thalassämie-Patienten, sondern auch für Patienten mit Niedrigrisiko-MDS, bei denen eine mehrjährige Transfusionsbedürftigkeit zu erwarten ist, infrage.
Dtsch Arztebl Int 2009; 106(30): 499–504
DOI: 10.3238/arztebl.2009.0499
Schlüsselwörter: Hämochromatose, Anämie, Chelatbildner, Therapiekonzept, myelodysplastisches Syndrom
LNSLNS Eisenüberladung kann zu bedrohlichen Organschäden führen. Patienten mit homozygoter Mittelmeeranämie (Thalassaemia major), die keine intensive Eisenchelation betreiben, versterben im dritten Lebensjahrzehnt an Herzinsuffizienz, verursacht durch Eisenablagerungen im Myokard. Im September 2006 wurde in Europa der orale Eisenchelator Deferasirox zugelassen. Für Patienten, die seit Jahren oder Jahrzehnten mit der unbequemen parenteralen Deferoxamin-Behandlung zurechtkommen mussten, bedeutet das neue Medikament einen großen Therapiefortschritt. Da Thalassämien in Deutschland selten sind, betrifft das Problem der sekundären Hämochromatose hier vor allem ältere Patienten mit myelodysplastischen Syndromen (MDS). Diese Erkrankungen haben eine Inzidenz von circa 4 : 100 000 pro Jahr. Die Indikation zur Eisenchelation ist bei MDS differenziert zu stellen. Die vorliegende Arbeit beschreibt auf der Grundlage einer selektiven Literaturaufarbeitung (PubMed sowie Abstracts der Jahreskongresse der American Society of Hematology) die Entstehung der sekundären Hämochromatose und die Möglichkeit der Behandlung mit Chelatbildnern.

Sowohl bei den Thalassämien als auch bei MDS beruht die sekundäre Hämochromatose nicht allein auf einer Transfusionsbehandlung. Durch gesteigerte intestinale Eisenresorption akkumuliert Eisen schon bevor die Patienten die erste Erythrozytenkonserve erhalten (zur Pathophysiologie siehe online-Supplement einschließlich eGrafik).

Der Begriff der sekundären Hämochromatose ist deshalb weiter zu fassen und auf jene Fälle von Eisenüberladung zu beziehen, die nicht durch eine primäre hereditäre Störung des Eisenstoffwechsels verursacht werden (Kasten 1 gif ppt). Stattdessen liegt meistens eine vererbte oder erworbene „iron loading anemia“ zugrunde. Im deutschen Schrifttum gibt es hierfür keinen äquivalenten Begriff. In Anlehnung an die englischsprachige Bezeichnung könnte man von „Anämie mit resorptiver Eisenüberladung“ sprechen.

Transfusionsbedingte Eisenüberladung
Die wichtigste Ursache der sekundären Hämochromatose ist die chronische Transfusionsbehandlung. Jede Erythrozytenkonserve enthält etwa 200 bis 250 mg Eisen als Bestandteil des roten Blutfarbstoffs (Kasten 2 gif ppt). Beim Abbau der Erythrozyten im Makrophagensystem wird Eisen aus dem Häm herausgelöst und gespeichert. Da der normale tägliche Eisenverlust über Schweiß und abgeschilferte Haut- und Schleimhautzellen nur circa 1 mg beträgt, entspricht eine Blutkonserve etwa 200 Tagesrationen Eisen. Weil überflüssiges Eisen nicht ausgeschieden werden kann, gerät die Eisenbilanz bei chronischer Transfusionstherapie zwangsläufig aus dem Gleichgewicht.

Klinische Folgen
Die klinischen und pathologischen Befunde der Eisenüberladung sind bei sekundärer Hämochromatose ähnlich wie bei hereditärer Hämochromatose. Es können eine Hepatomegalie und – durch verstärkte Sequestration von Erythrozyten – auch eine Splenomegalie vorliegen. Die Leberfunktion ist bei Diagnosestellung meistens noch normal oder nur gering beeinträchtigt. Bei Thalassämie-Patienten liegt nach einem Krankheitsverlauf von drei oder vier Jahrzehnten häufig eine feinknotige Leberzirrhose vor. Weitere Folgen der Eisenüberladung sind eine verminderte Glucosetoleranz oder ein manifester Diabetes mellitus. Außerdem können Herzrhythmusstörungen und Herzinsuffizienz auftreten (1). Bei MDS-Patienten muss man berücksichtigen, dass die Lebenserwartung aufgrund der Knochenmarkserkrankung so kurz sein kann, dass sich bestimmte Folgen der Eisenüberladung, wie zum Beispiel eine Leberzirrhose, während dieser Zeit nicht ausprägen.

Pathophysiologie der Eisentoxizität
Die Erkenntnis „nur die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist“ (Paracelsus) gilt auch für Eisen. Dessen Toxizität beruht darauf, dass es mit molekularem Sauerstoff reagiert und durch Übertragung einzelner Elektronen intermediäre Sauerstoffspezies erzeugt, die in Gegenwart von Eisen wiederum hochreaktive Radikale entstehen lassen. Deren Angriff auf Lipide, Proteine und DNA verursacht zelluläre Schäden, die sich schließlich als Funktionsstörung von Organen klinisch bemerkbar machen.

Wenn Eisen im Speichermolekül Ferritin abgelagert oder an das Transportprotein Transferrin gebunden ist, geht von ihm keine Gefahr aus. Wenn jedoch die Speicher- und Transportkapazität überschritten wird, entsteht im Plasma NTBI („non-transferrin-bound iron“). Der redox-reaktive Anteil des NTBI wird als labiles Plasmaeisen („labile plasma iron“, LPI) bezeichnet, das durch Endozytose rasch in die Zellen aufgenommen wird. Wenn dort der Pool an LPI zu groß wird, überfordert er die antioxidativen Mechanismen der Zelle und führt zur Radikalbildung.

Erkrankungen mit sekundärer Hämochromatose
Das Spektrum der „iron loading anemias“ umfasst hereditäre und erworbene Störungen der Erythropoese. Bei den angeborenen Erkrankungen sind neben den Thalassämien die Sichelzellenanämie, der Pyruvat-kinasemangel, verschiedene Formen der kongenitalen dyserythropoietischen Anämie (CDA), die Kugelzellenanämie (hereditäre Sphärozytose) sowie die X-chromosomal vererbte sideroblastische Anämie (XLSA) zu nennen (Kasten 3 gif ppt). Besonders gravierend ist die Eisenüberladung bei homozygoter b-Thalassämie.

Zu den erworbenen Ursachen gehört die idiopathische sideroblastische Anämie, die gemäß WHO-Klassifikation unter der Bezeichnung RARS (refraktäre Anämie mit Ringsideroblasten) zu den myelodysplastischen Syndromen gezählt wird. Auch die idiopathische Myelofibrose (Osteomyelofibrose) ist eine mögliche Ursache der sekundären Hämochromatose. Eine therapierefraktäre aplastische Anämie kann ebenfalls zu sekundärer Hämochromatose führen. Hier liegt jedoch keine sekundäre Steigerung der intestinalen Eisenaufnahme vor, sondern Ursache ist allein die chronische Transfusionsbehandlung.

Myelodysplastische Syndrome (MDS)
Bei MDS muss man die Indikation für eine Eisenchelation differenziert stellen (2). Patienten mit „fortgeschrittenem MDS“, das heißt mit erhöhtem Blastenanteil im Knochenmark oder Blut überleben im Allgemeinen nicht lange genug, um die Komplikationen einer Eisenüberladung auszuprägen. Deshalb sollte die Indikation für Chelatbildner hier sehr zurückhaltend gestellt werden.

Anders ist die Situation bei Niedrigrisiko-MDS. Hier steht die Ineffektivität der Erythropoese im Vordergrund. Patienten mit refraktärer Anämie (RA), refraktärer Anämie mit Ringsideroblasten (RARS) oder 5q- Syndrom werden oft jahrelang mit Erythrozytenkonzentraten versorgt. Nach Schafer et al. (3) können sich Glucoseintoleranz, fokale portale Leberfibrose und kardiale Schäden bei erwachsenen Patienten unter regelmäßiger Transfusionstherapie schon in weniger als vier Jahren entwickeln. Eine Eisenchelation sollte begonnen werden, wenn das Ferritin auf > 1 000 ng/mL ansteigt (2). Interessanterweise kann sich durch erfolgreiche Eisenentleerung auch die Knochenmarksfunktion bessern, sowohl bei MDS als auch bei Myelofibrose (4, 5).

Der Nutzen einer Eisenchelation bei MDS wurde bislang weitgehend im Analogieschluss aus dem gesicherten Nutzen bei Thalassaemia major abgeleitet. Inzwischen gibt es jedoch Studienergebnisse, die auch bei MDS-Patienten beeinträchtigte Überlebenschancen durch Eisenüberladung (6) und einen Überlebensvorteil durch Chelationsbehandlung anzeigen, hauptsächlich bei Niedrigrisiko-MDS ([7] und Rose C et al.: Positive impact of iron chelation therapy on survival in regularly transfused MDS patients. A prospective analysis by the GFM. Blood 2007; 110[11]: 80a.)

Diagnostik der Eisenüberladung
Der Parameter mit dem günstigsten Kosten-Nutzen-Verhältnis ist das Serum-Ferritin, das aber nicht nur bei Eisenüberladung, sondern auch durch Entzündungen erhöht sein kann. Daher ist es nützlich, die Verdachtsdiagnose einer sekundären Hämochromatose durch bildgebende Verfahren zu untermauern, auch im Hinblick darauf, dass sogar die Leberbiopsie nur einen fraglichen Goldstandard darstellt, bedingt durch erhebliche Inhomogenität der hepatischen Eisenakkumulation. Außerdem birgt die Biopsie die Gefahr von Blutungskomplikationen. Nach intensiver Entwicklungsarbeit ist die Magnetresonanztomografie (MRT), speziell mit der sogenannten T2*-Gewichtung, zuverlässig in der Lage, Eisen in Leber und Herz nicht invasiv zu quantifizieren. Zwischen hepatischer und kardialer Eisenüberladung besteht keine lineare Korrelation. Eine gravierende Eisenüberladung des Herzmuskels entwickelt sich erst dann, wenn die Eisenspeicherkapazität der Leber überschritten ist (8, 9). Die MRT-Diagnostik der Eisenüberladung, die besondere Erfahrung erfordert, ist in Deutschland leider bisher nicht abrechenbar.

Therapie mit Chelatbildnern
Die effektivste Methode, Eisen aus dem Körper zu entfernen, ist der Aderlass. Da Patienten mit sekundärer Hämochromatose unter einer vererbten oder erworbenen Anämie leiden, ist diese Behandlung im Allgemeinen nicht durchführbar. Chelatbildner können ebenfalls eine negative Eisenbilanz und tolerable Eisenkonzentrationen im Gewebe erzielen. Außerdem können sie das schädliche NTBI („non-transferrin-bound iron“) neutralisieren. Zu beachten ist, dass stets nur ein kleiner Teil des Eisens für Chelatormoleküle zugänglich ist. Deshalb muss der Chelator möglichst kontinuierlich anwesend sein. Die intermittierende Verabreichung hoher Dosen ist ineffizient.

Für den klinischen Einsatz stehen drei Eisenchelatoren zur Verfügung: Deferoxamin, Deferipron und Deferasirox. Die Charakteristika und Nebenwirkungen dieser Substanzen sind in der Tabelle (gif ppt) zusammengefasst.

Deferoxamin (Desferrioxamin, DFO)
Seit etwa drei Jahrzehnten ist Deferoxamin die Standardtherapie. Das Medikament muss parenteral verabreicht werden und hat eine sehr kurze Plasma-Halbwertszeit (20 Minuten). Im Allgemeinen erfolgt die Applikation subkutan. Mit einer Dosierung von 40 mg pro kg Körpergewicht (30 bis 50 mg/kg) als Infusion über 8 bis 10 Stunden an fünf Nächten pro Woche kann bei Thalassämie und wahrscheinlich auch bei anderen „iron loading anemias“ trotz anhaltender Transfusionsbehandlung eine ausgeglichene Eisenbilanz erreicht werden. Mehrere Autoren konnten nachweisen, dass auch eine zweimal tägliche subkutane Bolus-Injektion (möglichst langsam, über mehrere Minuten) eine ähnliche Eisenausscheidung im Urin erreicht wie eine 10-stündige Infusion (10, 11). Bei extremer Eisenüberladung kann Deferoxamin auch in höherer Dosierung von 50 bis 60 mg/kg/24 h kontinuierlich i.v. über ein Port-System appliziert werden.

Bei den meisten Patienten kommt es an der Infusions- oder Injektionsstelle zu lokalen Irritationen mit Erythem, Induration und leichten Schmerzen. Weitere Nebenwirkungen sind in der Tabelle genannt. Die unerwünschten Effekte sind im allgemeinen reversibel, wenn sie frühzeitig diagnostiziert werden. Allergische Reaktionen auf Deferoxamin sind, unabhängig von der Dosis, sehr selten, können aber bis zur anaphylaktischen Reaktion reichen (12).

Vor allem wegen der unbequemen parenteralen Dauerinfusionen und der lokalen Nebenwirkungen ist die Compliance ein Hauptproblem der Behandlung mit DFO. Dies kann ungünstige Auswirkungen auf die Prognose der Patienten haben. Brittenham et al. (13) wiesen nach, dass Thalassämie-Patienten, die nicht mindestens 250-mal pro Jahr eine 12-stündige Desferal-Infusion durchführten, ein wesentlich kürzeres Überleben hatten (nur 12 Prozent wurden 30 Jahre alt) als Patienten, die eine Eisenchelation konsequent durchhielten (95 Prozent erlebten das Alter von 30 Jahren).

Deferipron (DFP, L1)
Deferipron wird gastrointestinal resorbiert. Um eine negative Eisenbilanz zu erzielen, ist eine Dosierung von 75 mg/kg/d erforderlich, die wegen kurzer Halbwertszeit (circa 1,5 Stunden) täglich auf drei Applikationen aufgeteilt werden muss. Im randomisierten Vergleich zwischen DFP und DFO zeigte sich bei 144 Patienten mit Thalassaemia major und einem Ferritin zwischen 1 500 und 3 000 ng/mL nach einjähriger Behandlung kein signifikanter Unterschied in der Abnahme des Ferritins, im bioptisch ermittelten Lebereisengehalt und in der kernspintomografisch beurteilten Eisenbelastung von Herz und Leber (14). Inzwischen deuten mehrere Studien darauf hin, dass Deferipron besser als Deferoxamin in der Lage ist, eine kardiale Eisenüberladung zu verhindern oder zu reduzieren (1517).

Die wichtigste Nebenwirkung ist eine Agranulozytose mit Granulozytenzahlen < 500/µL, die allerdings selten vorkommt (0,5 Prozent beziehungsweise 0,2 Fälle pro 100 Therapiejahre). Milde Neutropenien sind häufiger (8,5 Prozent beziehungsweise 2,8 Fälle pro 100 Therapiejahre) (16). Engmaschige (wöchentliche) Blutbild-Kontrollen sind erforderlich, um bei einem Rückgang der Granulozyten die Therapie rechtzeitig unterbrechen zu können. Deferipron ist in Europa, nicht aber in den USA zugelassen.

Kombination von Deferoxamin (DFO) und Deferipron (DFP)
Seit einigen Jahren wird untersucht, ob die Kombination von DFO und DFP günstige Effekte hat (18). Dies ist offenbar der Fall. Vor allem bei unzureichender kardialer Eisenentleerung unter alleiniger DFO-Behandlung können Patienten von einer Kombinationstherapie profitieren (19).

Deferasirox (DFX, ICL670)
Deferasirox ist ein oral verabreichbarer Eisenchelator, der Ende des Jahres 2004 in den USA und im Jahre 2006 in Europa zugelassen wurde. Die Zulassung bezieht sich neben der Thalassämie auch auf chronische, transfusionsbedingte Eisenüberladungen bei Patienten mit anderen Anämien, wenn eine Deferoxamin-Therapie kontraindiziert oder unangemessen ist (20). DFX braucht nur einmal pro Tag als Getränk eingenommen zu werden; die Tabletten werden dazu in Wasser oder Saft aufgelöst.

In einer randomisierten Phase-III-Studie mit 591 Thalassämie-Patienten, die ein Jahr lang mit DFO oder DFX behandelt wurden, konnte mit DFX-Dosierungen von 20 oder 30 mg/kg/d eine dem DFO äquivalente Verminderung des Lebereisens und der Ferritinwerte erzielt werden (21). Bei 184 Patienten mit sekundärer Hämochromatose aufgrund verschiedener Anämien, das heißt MDS (n = 47), Diamond-Blackfan-Anämie (n = 30) und anderen Anämien (n = 22) konnte ganz ähnlich wie bei b-Thalassämie (n = 85) in dosisabhängiger Weise durch Deferasirox eine erhöhte Eisenausscheidung erreicht werden (22). Eine weitere Studie in den USA zeigte, dass sich bei MDS-Patienten im Laufe eines Jahres unter Eisenchelation mit Deferasirox das Serumferritin um etwa 800 µg/L verminderte. Außerdem normalisierte sich bei allen Patienten das labile Plasmaeisen (LPI) (List A et al.: ICL670 [Exjade®] reduces serum ferritin [SF] and labile plasma iron [LPI] in patients with myelodysplastic syndromes. Blood 2007; 110[11]: 440a) (Grafik gif ppt).

Als häufigste Nebenwirkung von DFX treten abdominelle Beschwerden (vor allem Diarrhöen), Hautausschläge und Ansteigen des Kreatinins auf. Diarrhöen lassen sich meistens durch Dosisreduzierung von DFX und eine geeignete symptomatische Behandlung beherrschen. Bei Hautausschlägen kann nach vorübergehender Therapieunterbrechung die Behandlung mit DFX in einschleichender Dosierung wieder aufgenommen werden, eventuell mit kurzfristigem Schutz durch Kortikosteroide. Ein Anstieg des Kreatinins zeigte sich in klinischen Studien bei 36 % der Patienten, bei 33 % überschritt es bei zwei aufeinanderfolgenden Terminen die obere Normgrenze (23). Die Kreatininerhöhungen waren jedoch auch bei Nachbeobachtung über 2,5 Jahre nicht progredient. Die amerikanische MDS-Studie zeigte in 25 % der Fälle mit normalem Ausgangswert einen Anstieg des Kreatinins (auf maximal 2,2 mg/dL). Wenn der Ausgangswert bereits erhöht war, entwickelte sich in 8 % der Fälle ein Anstieg um mehr als ein Drittel (List et al., 2007). Nach der Zulassung von Deferasirox ist bei einzelnen Patienten ein akutes Nierenversagen (definiert als Kreatininanstieg auf über 3 mg/dL) beobachtet worden. Es gab Fälle mit tödlichem Ausgang, wobei die Todesursachen multifaktoriell waren und gemäß Bewertung des Herstellers in erster Linie im Zusammenhang mit Komplikationen der Grunderkrankung standen (Novartis Safety Database, 2007). In einigen Fällen von reversiblem Nierenversagen konnte DFX als Mitverursacher nicht ausgeschlossen werden. Bei Patienten mit renalen Risikofaktoren wird deshalb empfohlen, im ersten Behandlungsmonat das Kreatinin wöchentlich und später monatlich zu kontrollieren. Ein Kreatininanstieg um mehr als ein Drittel sollte eine Dosisreduktion um zunächst 10 mg/kg/d nach sich ziehen.

Panzytopenien wurden ebenfalls beobachtet, jedoch nur bei Patienten, deren Knochenmarkserkrankung eine mögliche Erklärung dafür bot. Agranulozytosen werden durch DFX anscheinend nicht ausgelöst.

Wie bei jedem neuen Medikament werden den Ärzten manchmal erst nach jahre- oder jahrzehntelanger Behandlung seltene, schwere Nebenwirkungen bewusst. Nachdem bis Oktober 2007 weltweit etwa 37 000 Patienten mit Deferasirox behandelt worden waren, erfolgte im Juli 2008 eine Ergänzung der Fachinformation, in der zusätzlich seltene Fälle von Leberfunktionsstörungen/Leberversagen, manchmal mit tödlichem Ausgang, seltene Fälle von renaler Tubulopathie und seltene Fälle von Ösophagitis, Ulzerationen und Blutungen im oberen Gastrointestinaltrakt erwähnt werden. Die meisten Berichte von Leberversagen betrafen Patienten mit schweren Erkrankungen, einschließlich vorbestehender Leberzirrhose und Multiorganversagen. Wenn die Ausgangs-Leberfunktionswerte normal waren und keine zusätzlichen lebensbedrohlichen Komplikationen der Grunderkrankung vorlagen, trat niemals ein Leberversagen auf. In die Fachinformation wurden Empfehlungen zur Überwachung der Transaminasen, des Bilirubins und der alkalischen Phosphatase aufgenommen.

Bisher kann Deferasirox als gut verträglich gelten. Die initiale Dosierung sollte sich nach dem Behandlungsziel im Sinne einer ausgeglichenen oder negativen Eisenbilanz richten. Bei regelmäßig transfundierten Patienten kann mit einer Dosierung von 20 mg/kg/d meistens eine Eisenüberladung verhindert werden, während die Rückbildung einer bereits vorhandenen Eisenüberladung 30 mg/kg/d erfordert.

Der Autor empfindet Deferasirox als Durchbruch in der Behandlung der sekundären Hämochromatose, ähnlich wie David Nathan (Harvard Medical School), ein Nestor auf dem Gebiet der Thalassämien und der Eisenüberladung, der die Situation Anfang 2008 folgendermaßen zusammenfasste (24): „Although the old rules have not changed, the advent of an oral chelator has made a huge difference for patients who require chronic transfusions. This is surely a boon for patients and for physicians, nurses, and parents who have struggled to achieve compliance with an unpleasant subcutaneous treatment regimen“ (boon: Segen, Wohltat).

Interessenkonflikt
Prof. Gattermann hat von Novartis Pharma GmbH Honorare für Vorträge, Reisekostenübernahmen und Studienunterstützungen erhalten.

Manuskriptdaten
eingereicht: 17. 9. 2007, revidierte Fassung angenommen: 2. 12. 2008


Anschrift des Verfassers
Prof. Dr. med. Norbert Gattermann
Klinik für Hämatologie, Onkologie und klinische Immunologie
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Moorenstraße 5
40225 Düsseldorf
E-Mail: Gattermann@med.uni-duesseldorf.de


Summary
The Treatment of Secondary Hemochromatosis
Background: Because secondary hemochromatosis is due to hereditary or acquired anemia, phlebotomy is not a suitable means of removing excess iron in this situation. Rather, the treatment is based on the targeted elimination of iron by means of iron chelators.
Methods: Selective review of the literature.
Results: Disorders causing secondary hemochromatosis (e.g., thalassemia) are characterized by ineffective erythropoiesis leading to increased duodenal uptake of iron. Most patients are also chronically transfusion-dependent and receive 200–250 mg of iron with each transfused unit of packed red blood cells. As the excess iron cannot be actively excreted, iron overload ensues, which can cause organ damage. Most patients with this condition in Germany are elderly persons with myelodysplastic syndromes (MDS). The standard treatment to date, parenterally administered deferoxamine, is often hampered by poor compliance. In September 2006, a new oral iron chelator, deferasirox, was approved for use in Germany. According to current findings, this medication is safe, except for a low risk of renal or hepatic failure.
Conclusions: Iron chelation is a treatment option not only for thalassemia patients, but also for those with lower-risk MDS who can be expected to need several years of transfusion therapy.
Dtsch Arztebl Int 2009; 106(30): 499–504
DOI: 10.3238/arztebl.2009.0499
Key words: hemochromatosis, anemia, chelators, treatment,
myelodysplastic syndrome


The English version of this article is available online:
www.aerzteblatt-international.de
eSupplement unter: www.aerzteblatt.de/artikel09m499
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