ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2009Akustikusneurinome: Behandeln oder abwarten?

MEDIZIN: Kongressberichte und -notizen

Akustikusneurinome: Behandeln oder abwarten?

Conference Report: Acoustic Neuroma: Treatment or Observation?

Dtsch Arztebl Int 2009; 106(30): 505-6; DOI: 10.3238/arztebl.2009.0505

Rosahl, Steffen

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Soll man Vestibularisschwannome beobachten, operieren oder bestrahlen? Diese und weitere Fragen zu den auch Akustikusneurinome genannten Tumoren beschäftigten die mehr als 600 Teilnehmer des Europäischen Schädelbasiskongresses im April in Rotterdam.

Sven-Eric Stangerup, Gentofte Universität, Kopenhagen, berichtete über Untersuchungen zur Verbreitung und zur natürlichen, unbeeinflussten Entwicklung dieser Tumoren. Der Inzidenzanstieg in Dänemark über die letzten 26 Jahre – derzeit etwas mehr als 1/100 000 Einwohner pro Jahr – ließ sich auf die großzügigere Anwendung der Magnetresonanztomografie (MRT) zurückführen. Interessanterweise hatte sich das mittlere Alter der Patienten zum Zeitpunkt der Diagnose dennoch nicht verringert. Eine Erklärung für diese Beobachtung war, dass zunehmend auch bei Menschen im höheren Lebensalter ein MRT veranlasst wird.

Durch die Zusammenführung der Daten fast aller Patienten des Landes in einer Datenbank konnten Stangerup und sein Team zeigen, dass über einen mittleren Beobachtungszeitraum von dreieinhalb Jahren 17 Prozent der kleinen, intrakanalikulären Schwannome und 29 Prozent der in den Kleinhirnbrückenwinkel reichenden Tumoren gewachsen waren. Bei längerer Betrachtung über fünf Jahre waren bereits 45 Prozent der Tumoren im inneren Gehörgang größenprogredient.

Mikro- und radiochirurgische Therapie
Bei einem abwartenden Verhalten („wait and scan“-Management) über zehn Jahre würden 45 Prozent der Patienten mit kleinen, intrameatalen Tumoren ihr funktionelles Hörvermögen auf der betroffenen Seite verlieren, also ein deutlich höherer Prozentsatz als bei einer aktiven Verfahrensweise mit hörerhaltender Mikro- oder Radiochirurgie. Die dänische Gruppe empfahl daher, auch kleine Tumoren zu behandeln, wenn ein Tumorwachstum nachgewiesen und eine realistische Chance zur hörerhaltenden Therapie gegeben ist.

In der Haukeland Universität in Bergen behandelt oder beobachtet man nahezu alle norwegischen Patienten mit Akustikusneurinomen. Die dortige Gruppe aus Medizinern und Wissenschaftlern widmet sich vor allem dem Thema Lebensqualität für die Patienten mit oder ohne Behandlung. Per Møller beschrieb, dass die mikro- und radiochirurgische Behandlung kleiner und mittelgroßer Tumoren (< 25 mm) relativ risikoarm ist. Die Ergebnisse der Radiochirurgie stufte er in Bezug auf die funktionelle Integrität des Nervus facialis, die Hörerhaltung und die Lebensqualität nach radiochirurgischer Behandlung statistisch signifikant besser ein als nach einer Operation.

Das Symptom Schwindel hat sich in allen Untersuchungen der Norweger als entscheidender Faktor für die Lebensqualität herausgestellt – unabhängig davon, ob eine Behandlung erfolgte oder nicht. Auch die Funktion des Gesichtsnervs und das Geschlecht beeinflussten die durch den Patienten empfundene Lebensqualität statistisch signifikant. Innerhalb einer Nachuntersuchungszeit von zwei Jahren musste einer von 68 Patienten, die mit dem GammaKnife bestrahlt worden waren, operiert werden, weil der Tumor weiter wuchs.

Møller fasste zusammen, dass man für Vestibularisschwannome mit einer Größe von < 20 bis 25 mm in Bergen primär eine radiochirurgische Behandlung anbietet. Bei einer Untergruppe von Patienten mit persistierendem Schwindel wird allerdings eine primäre mikrochirurgische Intervention in Betracht gezogen.

Auch Jeremy Rowe, National Centre for Stereotactic Radiosurgery, Sheffield, berichtete über eine zunehmend konservative Haltung bei der Behandlung von Vestibularisschwannomen in Großbritannien. Die Mikrochirurgen würden häufiger Teile des Tumors in situ belassen, um diese nachfolgend mit MRT zu beobachten oder gleich sekundär einer radiochirurgischen Therapie zuzuführen.

Ziel der präzisen stereotaktischen Bestrahlung (GammaKnife oder Linearbeschleuniger) ist es, einen Wachstumsstopp des Tumors herbeizuführen. Das war offenbar auch in mehr als 95 Prozent der Fälle über einen inzwischen längeren Beobachtungszeitraum von mehreren Jahren möglich. Durch die hohe Rate der Hörerhaltung (75 Prozent) und geringe Nebenwirkungen auf andere Hirnnerven wurde die erreichte Lebensqualität (SF-36) für die Patienten als gut bewertet.

Marcos Tatagiba, Neurochirurgische Universitätsklinik Tübingen, stellte Fälle von Patienten vor, bei denen es möglich war, große Akustikusneurinome vollständig mikrochirurgisch zu entfernen, ohne die Funktion des Nervus facialis oder des Hörnervs dauerhaft negativ zu beeinträchtigen. Die Lebensqualität sei bei den meisten Patienten durch den Tumor, nicht durch dessen Behandlung eingeschränkt. Wissenschaftliche Nachuntersuchungen und Umfragen zu den Ergebnissen der sehr aufwändigen Operations- und Monitoringtechnik belohnten in vielen Fällen den Einsatz der Chirurgie.

Die Entscheidung über die Wahl der Behandlungsmethode steht sicher auch mit den Erfahrungen und Ergebnissen an der eigenen Klinik im Zusammenhang. Sind bei einer Untergruppe dieser Tumoren die funktionellen Ergebnisse von Radio- und Mikrochirurgie vergleichbar gut, dann sollte man überlegen, ob man dem betroffenen Patienten eine Bestrahlung des Vestibularisschwannoms überhaupt anrät.

Diskussion
Kees Graamans, Universität Nijmegen, und der Autor dieses Berichts, Steffen Rosahl, Helios Klinikum, Erfurt, hatten für die Diskussion problematische Fälle aus dem eigenen Patientenkollektiv zusammengestellt und eine Abstimmung über das bevorzugte Management per Funk vorbereitet. Daraus entwickelte sich ein lebhafter Diskurs, in dem sich ein relativ breiter Konsens für drei wesentliche Forderungen an das moderne Management dieser speziellen Tumoren fand:

1. Ein Klinikum, das die Herausforderung der Behandlung von Vestibularisschwannomen übernimmt, sollte über alle Optionen der Therapie beziehungsweise Beobachtung verfügen, um Patienten umfassend beraten zu können.
2. An diesen Einrichtungen bedarf es erfahrener, talentierter und gut ausgebildeter Behandler.
3. Es sind eine detaillierte Erfassung aller Fälle und die ehrliche Analyse der Ergebnisse aller drei Strategien erforderlich.


Interessenkonflikt
Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.

Anschrift des Verfassers
Prof. Dr. med. Steffen Rosahl
Klinik für Neurochirurgie
HELIOS Klinikum Erfurt GmbH
Nordhäuser Straße 74, 99089 Erfurt
E-Mail: steffen.rosahl@helios-kliniken.de

Conference Report: Acoustic Neuroma: Treatment or Observation?

Dtsch Arztebl Int 2009; 106(30): 505–6
DOI: 10.3238/arztebl.2009.0505

The English version of this article is available online:
www.aerzteblatt-international.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema