ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2009Vierte Hürde im Arzneimittelmarkt: Innovationen auf dem Prüfstand

POLITIK

Vierte Hürde im Arzneimittelmarkt: Innovationen auf dem Prüfstand

Rabbata, Samir

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Wollen wissen, was die Pharmahersteller in der Pipeline haben – Passanten auf dem Potsdamer Platz in Berlin Foto: vfa
Wollen wissen, was die Pharmahersteller in der Pipeline haben – Passanten auf dem Potsdamer Platz in Berlin Foto: vfa
Im Herbst beginnt das IQWiG mit Kosten-Nutzen-Bewertungen von Arzneimitteln. Die Kassen wollen künftig auch die Medikamente überprüfen lassen, für die es keine Alternativen gibt. Damit begeben sie sich auf ein ethisches Minenfeld.

Passanten in Berlin, Köln oder Hamburg gucken in die Röhre, genauer gesagt, in eine rot-weiße Pipeline, die der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) derzeit in mehreren deutschen Städten aufstellt. Der Sinn hinter dieser PR-Kampagne dürfte sich den meisten Spaziergängern nicht sofort erschließen. Der Industrieverband will mit dem begehbaren Koloss, der die Größe eines U-Bahnwagens hat, auf die Forschungserfolge der Pharmaunternehmen hinweisen und darauf, dass sich noch etliche weitere neue Wirkstoffe in der Entwicklung befinden – oder in der Pipeline, wie es in der Branche heißt.

Dass die zu erwartenden neuen Präparate in der Mehrzahl tatsächlich hochinnovativ und ihren meist hohen Preis wert sind, bezweifeln indessen manche Experten. Der Bremer Pharmazeut Prof. Dr. Gerd Glaeske findet die „hohen Preise“ mancher Originalpräparate mitunter „nicht in Ordnung“. Der Arzneimittelexperte hat berechnet, dass auf 20 Prozent der Versicherten mit Arzneimittelverordnungen 80 Prozent der Ausgaben für Medikamente entfallen. „Besorgniserregend“ sind nach Meinung Glaeskes vor allem die Kostensteigerungen bei den Spezialpräparaten: „Auf Dauer wirken solche Preise für unsere Versorgung systemsprengend.“

Um die Ausgaben in den Griff zu bekommen, sollen von September an erstmals Kosten-Nutzen-Bewertungen vorgenommen werden. Das dafür notwendige Methodenpapier für die Analysen werde bis dahin vorliegen, kündigte der Chef des zuständigen Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), Prof. Dr. med. Peter Sawicki, an.

Ge­sund­heits­mi­nis­terium soll Preise festlegen
Nicht betroffen sind davon „therapeutische Solisten“, für deren Überprüfung das Gesetz keine Möglichkeit vorsieht. Damit sind Arzneimittel gemeint, für die es keine alternativen Präparate gibt. Europaweit ist es einmalig, dass die Hersteller wegen der fehlenden Konkurrenz von den Kassen praktisch jeden Preis für diese Medikamente verlangen können. Die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) erstattet die Kosten direkt nach der Zulassung.

Das will der GKV-Spitzenverband ändern. Verbandsvorstand Johann-Magnus von Stackelberg kritisiert, die Beitragszahler in Deutschland zahlten den Löwenanteil der Forschung international tätiger Konzerne. Er plädiert für die Einführung einer vierten Hürde für therapeutische Solisten. Konkret schlägt er vor, Kosten und Nutzen der Präparate durch das IQWiG ermitteln zu lassen. Die Preise für Innovationen will der GKV-Spitzenverband auf der Grundlage der Analyse von einer demokratisch legitimierten Institution, zum Beispiel dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium, festlegen lassen.

Der VFA lehnt die Pläne ab. Nur der umgehende Zugang innovativer Medikamente zum GKV-Markt gewährleiste, dass Patienten unmittelbar am medizinischen Fortschritt teilhaben könnten, argumentieren die Hersteller.

Tatsächlich ist die Einführung einer vierten Hürde heikel. Ethische Konflikte würden sich dann ergeben, wenn die Hersteller nicht bereit wären, ihre Produkte zu dem festgelegten Preis abzugeben. Dann könnte ein wirksames Mittel gegen Krebs oder Morbus Alzheimer aus der Erstattung fallen, oder es wäre nur noch für die Patienten zu haben, die einen großen Teil der Kosten selbst beisteuern könnten.

Um solche Probleme zu vermeiden, hat der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Jörg- Dietrich Hoppe, unlängst eine Debatte über eine systematische Priorisierung in der Gesundheitsversorgung angemahnt. In Skandinavien wird diese Methode bereits angewandt. Dabei werden lebensnotwendige und andere prioritäre Leistungen nach wie vor von den Kostenträgern erstattet. Nachgeordnet sind dagegen weniger wichtige Eingriffe oder Wellnessmaßnahmen.
Samir Rabbata
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema