ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2009Ulla Schmidt: Richtgrößenprüfungen leider unbeachtet
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Leider ist in dem Interview mit Frau Schmidt ein besonders bedrückendes Kapitel gesundheitspolitischer Vorgaben überhaupt nicht zur Sprache gekommen – die Arzneimittelrichtgrößenprüfungen. Von diesen Richtgrößenprüfungen ist meine Fachgruppe (Neurologie/Psychiatrie) besonders betroffen. Richtgrößen sind willkürlich gesetzte Ausgabenobergrenzen, die von Bundesland zu Bundesland erheblich variieren . . .

Richtgrößenprüfungen bedeuten, dass der Arzt mit seinem Privatvermögen für die dem Patienten verordneten Medikamente haftet, unabhängig davon, ob die Behandlung medizinisch indiziert war oder nicht. Wenn man über diese Konstruktion zur Steuerung der Arzneimittelausgaben mit ausländischen Kollegen redet, erntet man zumeist fassungslose Ungläubigkeit. Meines Wissens gibt es ein solches Unding in keinem anderen Land. Was sind die Implikationen dieser politischen Vorgabe:
Der Arzt wird unter Androhung existenzgefährdender Regressforderungen gezwungen, seine ärztlichen Verordnungen nicht nach medizinischen, sondern nach ökonomischen Gesichtspunkten auszurichten . . . Dahinter kann nur ein erschütterndes Unwissen oder eine perfide Ignoranz stecken. Folgen von Richtgrößenprüfungen sind erhebliche Verwerfungen: So werden z. B. Demenzpatienten in Deutschland nur äußerst unzureichend antidementiv behandelt, ebenso schwere Depressionen oder schizophrene Patienten. Viele psychiatrische Kliniken sind überbelegt, was zumindest zum Teil daran liegen mag, dass eine effektive ambulante Therapie der psychiatrischen Patienten bei den geschilderten Vorgaben kaum möglich ist. Die Richtgrößenprüfungen konterkarieren auch die angestrebte Stellung der Hausärzte als zentrale Säulen des ambulanten Gesundheitssystems. Aus Angst davor, in das Schussfeld einer Prüfung zu geraten, „wimmeln“ die Hausärzte alle Patienten ab, die auch nur irgendein neurologisch anmutendes Medikament erhalten . . . Daher mein Appell: Die Rückkehr zu einer modernen (und effektiven) Medizin in diesem Lande würde unter anderem die Abschaffung der Richtgrößenprüfungen voraussetzen und ein Nachdenken über wirklich sinnvolle Steuerungsmechanismen im Bereich der Arzneimitteltherapie.
Dr. sc. med. Alexander Schulze, Beuthstraße 52, 13156 Berlin
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